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StartseiteTag für TagWie Jesus seinen bevorstehenden Tod deutete21.04.2014

Neutestamentliche ForschungWie Jesus seinen bevorstehenden Tod deutete

Jesus wurde auf eine Art und Weise getötet worden, die im Römischen Reich als entwürdigendste Hinrichtungsform galt. Die Gläubigen suchten daher nach einem positiven Sinnzusammenhang der Kreuzigung. Den bot die alttestamentliche Figur des Gottesknechtes. Ob Jesus sich selbst mit diesem identifizierte, ist umstritten.

Von Monika Konigorski

Ein Holzkreuz mit Jesusfigur steht  auf dem Friedhof Hochmutting in Oberschleißheim (Bayern).  (picture alliance / dpa / Foto: Inga Kjer/dpa)
Ein Holzkreuz mit Jesusfigur (picture alliance / dpa / Foto: Inga Kjer/dpa)
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Die Frage, warum Jesus den Tod am Kreuz sterben musste, gehört vom Beginn des Christentums bis heute zu den drängendsten Fragen der Anhänger Jesu. Die neutestamentliche Forschung geht inzwischen mehrheitlich davon aus, dass Jesus selbst gewusst haben muss, dass er durch sein Handeln die Todesstrafe auf sich ziehen würde. Doch wie hat er selber seinen bevorstehenden Tod gedeutet? Hat er ihm überhaupt eine Bedeutung zugesprochen?

Die Erweckung Jesu wurde nie infrage gestellt

In der Neuzeit wuchs das Interesse an der Frage, wer der historische Jesus war, wie er gelebt und was er gedacht hat. Dabei ist die Quellenlage - gerade mit Blick auf seinen Tod und seine Auferstehung - schwierig. Die vier Evangelien im Neuen Testament schildern zwar, wie die letzten Tage Jesu ausgesehen haben. Aber sie schildern die Geschehnisse aus der Perspektive des Glaubens. Der Augsburger Neutestamentler Stefan Schreiber:

"Die sind ja viele Jahre nach dem Tod Jesu, vielleicht 50, 60, 70 Jahre nach dem Tod Jesu verfasst worden, davon geht man heute relativ zuversichtlich aus, und es ist natürlich klar, dass in diesen Jahren ein ganzes Stück an Deutung passiert ist. Man hat ja das sogenannte Ostergeschehen, die Erweckung Jesu, eine Grundüberzeugung für die ersten Christen, das stand auch überhaupt nicht zur Debatte, das wurde nicht infrage gestellt, das war klar - und auf der Basis dieser Überzeugung blickt man natürlich dann zurück auf den Tod Jesu."

Mit der Frage nach dem Selbstverständnis Jesu hat sich Ulrike Mittmann von der Universität Osnabrück ausführlich beschäftigt. Sie geht weiter als viele andere Neutestamentler, hält sie es doch für sehr wahrscheinlich, dass Jesus seinem Tod eine Heilsbedeutung gegeben hat. Jesus habe sich in der alttestamentlichen Figur des "Gottesknechts" wiedergefunden und seinen Tod vor diesem Hintergrund gedeutet.

"Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten.
Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.

Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.

Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.

Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.

Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab.

Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein."

"Knecht des Ewigen" ist eine Leidensfigur

Die zitierte Stelle - Jesaja 53 - gehört zum zweiten Teil des Jesaja-Buches, dem sogenannten Deutero-Jesaja. Die Bibelwissenschaft geht davon aus, dass ein anonymer Prophet während des babylonischen Exils im sechsten vorchristlichen Jahrhundert die Botschaft verkündet hat, die sich heute in den Kapiteln 40 - 55 des biblischen Jesaja-Buches findet. Der Prophet spricht vom sogenannten "Gottesknecht" - oder, wie die Autoren des Alten Testaments sagen: vom "Knecht des Ewigen". Die Judaistik-Professorin Susanne Talabardon von der Universität Bamberg:

"ewed adonai, Knecht des Ewigen, ewed kann man auch als Sklave übersetzen also jemand der dem Ewigen zu Diensten ist, der im Abhängigkeitsverhältnis steht zum Ewigen. Wenn man in biblischen Texten sich umtut ist eigentlich die erste Assoziation die man bekommt zu diesem Begriff: Mose. 6:48 Oder auf Hebräisch - mosche anawi, also Mose als Prophet - aber auch alle anderen Propheten. Mose wird ja in der jüdischen Tradition als erster unter den Propheten und gleichzeitig als größter unter den Propheten gesehen, und die ihm nachfolgenden Propheten werden eben auch als Knechte des Ewigen bezeichnet, besonders in einer ganz bestimmten theologischen Schule, die im 5. Buch Mose, also Deuteronomium besonders klar zum Ausdruck kommt."

Deuterojesaja nimmt dieses Konzept auf und entwickelt es weiter. Ulrike Mittmann von der Universität Osnabrück:

"Der Gottesknecht ist nach Jesaia 53 eine Leidensfigur, es geht hier in diesem Text um einen von Gott gesandten königlichen Propheten, dessen Tod Israel und die Völkerwelt vom Schuldverhängnis erlöst und zum Leben der Gottesgemeinschaft befreit."

Der Knecht stirbt, sein Tod vollzieht sich in Stellvertretung für das Volk, das aufgrund seiner Schuld gegenüber Gott eigentlich das Todesschicksal erleiden müsste.

"Der Knecht ist keine glorreiche Figur, sondern eine Niedrigkeitsgestalt, von der gleichwohl [im Eingang dieses Liedes] gesagt wird, dass sie am Ende königlich erhöht und zum Regenten im Gottesreich eingesetzt wird. Für die frühen Christen ist er einer der zentralen Deute-Texte, die dem frühen Christentum geholfen haben Jesu doch schändlichen Kreuzestod zu verstehen."

Denn der christliche Messias war auf eine Art und Weise getötet worden, die im Römischen Reich als entwürdigendste Hinrichtungsform galt. Die Kreuzigung musste in einen positiven Sinnzusammenhang gestellt werden. Die alttestamentliche Figur des Gottesknechtes bot diesen Sinnzusammenhang für den hingerichteten Messias, an den dessen Anhänger glaubten und weiterhin glauben wollten. Hat aber Jesus sich möglicherweise selbst mit dem Gottesknecht identifiziert?

"Wir haben im Alten Testament vier Texte, die die Wissenschaft als sogenannte Gottesknechtslieder identifiziert hat, das sind keine poetischen Texte, aber in sich geschlossene Texte, die nur um dieses eine Thema kreisen: Der Knecht Gottes und seine Sendung zu Israel und den Heiden."

Jesus ja als traditionsbewusster Galiläer

Diese Kategorisierung geht auf den Alttestamentler Bernhard Duhm zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts die Textteile als ursprünglich selbstständige Gottesknechts-Lieder herausgearbeitet hat.

Der Jude Jesus, mit der religiösen Tradition seiner Zeit vertraut, wird diese Texte gekannt haben, die Prophetie des Jesaja war prominent und galt als eines der prophetischen Hauptbücher.

Dem stimmt auch Judaistin Susanne Talabardon zu:

"Das ist möglich, weil Jesus ja als relativ traditionsbewusster Galiläer, also Mann aus Galiläa aufgewachsen ist, ist sicherlich davon auszugehen, dass er etliche biblische Texte kannte, und es ist möglich, dass er diesen Text auf sich bezogen hat. Einen Beweis dafür zu erbringen, halte ich für unmöglich."

Für beweisbar hält dies auch Ulrike Mittmann nicht. Im historischen Sinne beweisbar ist lediglich, dass Jesus von Nazareth existiert hat und eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Aber Mittmann spricht von Indizien, die eine Selbstdeutung Jesu als leidenden Gottesknecht nahelegen.:

"Wenn man behauptet, dass Jesus sich als leidender Gottesknecht verstanden hat, dann muss man zunächst zweierlei annehmen: Erstens dass Jesus mit seinem Tod in Jerusalem gerechnet hat, und zweitens: Dass er im Jüngerkreis über seinen Tod gesprochen und ihm eine Bedeutung gegeben hat. In der Wissenschaft gibt es dazu ganz unterschiedliche Auffassungen, ich persönlich halte beides für wahrscheinlich, das Ereignis, mit welchem das Urchristentum beides in Verbindung bringt ist das gemeinsame Mahl Jesu mit seinen Jüngern am Vorabend seines Todes - das sogenannte Abendmahl."

Abendmahl historisch nahezu unumstritten

Kaum ein neutestamentlicher Forscher zweifelt daran, dass Jesus bei seinem Aufenthalt in Jerusalem ein Mahl mit seinen Jüngern gehalten hat. Ein Essen, bei dem er Brot und Wein mit einer Zeichenhandlung verbunden hat. Dass sich diese Zeichenhandlung auf sein Todesgeschick bezogen hat, dafür sprechen die in den Evangelien überlieferten Abendmahlsworte selbst, erklärt Ulrike Mittmann:

"Auch wenn wir verschiedene Fassungen vorliegen haben und aus dem griechischen Wortlaut die aramäischen Originallaute nicht mehr konstruieren können, weisen alle Worte einhellig in diese Richtung. Es sind Deute-Worte die Jesu Tod in einen Sinnzusammenhang stellen. In diesen Worten wird zweifelsfrei auf Jesaja 52 angespielt, also den Schluss des vierten Gottesknechtslieds, hier haben wir zumindest einen Anhaltspunkt für die Bedeutung der Gottesknechtstradition, eventuell nicht nur für die frühen Christen, sondern auch für Jesus selbst, das sind allerdings - das ist um der wissenschaftlichen Redlichkeit willen ausdrücklich zusagen - Indizien und keine Beweise."

Das zentrale Indiz ist für Mittmann das sogenannte "Kelchwort", wie es etwa das Markus-Evangelium im 14. Kapitel überliefert: "Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird."

"Dieses "für viele", das nimmt den letzten Vers von Jes. 53 auf - die Lebenshingabe des Knechtes für die vielen. Daran besteht kein Zweifel, dann haben wir in den Gottesknechtsliedern - jetzt nicht im vierten, aber im ersten und dritten - den Hinweis darauf, dass der Knecht von Gott als Bund eingesetzt wird. Und die Abendmahlsworte spielen ja auch ganz dezidiert auf das Bundesgeschehen am Sinai zunächst an, aber hier verknüpfen sich die Traditionen, der Knecht ist selbst der neue Bund in den Gottesknechtsliedern, und das wird jetzt hier in den Abendmahlsworten mit der Ansage der Blutausgießung uns zugut - wenn ich es in anderen Worten sage- ausgedrückt und verbunden."

Jesus hat kein Verbrechen begangen

Die Blutausgießung - ebenfalls ein Begriff der unzählige Wissenschaftler beschäftigt hat - bezieht sich auf das alttestamentliche Opferwesen. Beim Opfervorgang wird das Blut des geschlachteten Tieres aufgefangen und an den Altar gesprengt.

"Wir haben - im vierten Gottesknechtslied auch einen Hinweis darauf: Da heißt es: Der Gottesknecht schüttet sein Leben aus in den Tod. Dieses Ausschütten des Lebens - im Hebräischen ist Leben und Blut, sind identische Begriffe - das verbindet das Schicksal des Knechts hier mit dem was in anderem Texten sich mit dem tierischen Opfer verbindet."

"Wenn man zurückblickt auf den Tod Jesu - wir haben da einen in besonderer Gottesnähe stehenden Menschen, einen tatsächlich unschuldigen Menschen - Jesus hat kein Verbrechen begangen - er wird von den politischen Mächten getötet, er wird verfolgt, er wird abgelehnt - und wenn man dann auf das Osterereignis sieht, dann sieht man: Er wird von Gott rehabilitiert."

Für den Augsburger Neutestamentler Stefan Schreiber lässt sich das Grundschema des Gottesknechtes problemlos auf Jesus von Nazareth anwenden. Der Textbefund reicht seiner Ansicht nach allerdings nicht aus, um anzunehmen, dass Jesus sich und seinen Tod selbst so verstanden habe.

"Wir haben diese Anspielung auf den Gottesknecht sehr schwach in diesen Passionserzählungen selber. Wir haben einmal ein kleines Zitat im Lukasevangelium, Lk. 22, und wir haben noch zwei winzige Anspielungen, wenn Jesus vor Pilatus und vor dem Hohen Priester zunächst erst mal zur Anklage schweigt. Dieses Schweigen-Motiv aus dem 4. Gottesknechtslied. Oder wenn Jesus zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt wird, auch da finden wir einen Passus: Er wurde zu den Verbrechern gerechnet, darunter gezählt. Das sind so kleine Anspielungen. Mehr haben wir aber im Munde Jesu oder im Kontext der Jesusgeschichte nicht. Und die anderen Texte, die dann über Jesus sprechen, und die ihn als Gottesknecht identifizieren, die sind dann alle später."

Der erste Petrus-Brief beispielsweise. Geschrieben um 100 nach Christus, rund 70 Jahre nach Jesu Tod. Dort heißt es im zweiten Kapitel über Jesus:

"Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen."

Auch die Apostelgeschichte greift das Thema auf und formuliert eine nachösterliche Deutungsgeschichte:

"Da fährt einer mit einem Wagen durch die Gegend und liest Jesaja, stößt auf diese Stelle und versteht sie nicht. Und da kommt der Evangelist Philippus dazu und erklärt es ihm, und deutet sie auf Jesus. Also eine typische Geschichte aus dem nachösterlichen Christentum. Und weil ich eben so wenig Anhaltspunkte find, um sie Jesus selbst zuzuschreiben - und so viele Anhaltspunkte - dass es eine nachösterliche Deutung ist, gehe ich davon aus, dass es Jesus nicht selbst so gesehen hat."

Schon für die frühen Christen stand fest, dass in den alttestamentlichen Texten zum Gottesknecht aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus Leben, Tod und Auferstehung Jesu vorausgesagt werden. Die Texte wurden nicht nur christlich neu interpretiert, sondern in der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit regelrecht monopolisiert.

Susanne Talabardon, Professorin für Judaistik an der Universität Bamberg:

"Man bezeichnet das auch als Substitutionslehre letztendlich theologisch, dass also die Christen und die Kirche der neue Bund sind, die den alten Bund, nämlich das Volk Israel aus ihrer Partnerschaft mit Gott verdrängt haben. Das ist so die Grundkonstruktion. Und diese Grundkonstruktion bezog sich eben massiv auf die hebräische Bibel. Kann man nachlesen bei Justin Märtyrer, zweites Jahrhundert. Der schreibt: Weil die Juden nicht in der Lage sind, nicht bereit sind aus den Texten der Bibel Jesus herauszulesen bzw. weil sie sich weigern, die alttestamentlichen Texte als Prophezeiung auf Jesus zu betrachten, muss man ihnen das Alte Testament wegnehmen. So klar so schlicht so stark."

Aber auch im Judentum stand die Frage im Raum, wer mit dem Gottesknecht, dem Ewed Adonai, gemeint sein könnte. Der jüdische Gelehrte Abraham Ibn Esra machte im 12. Jahrhundert die Deutung stark, hinter dem Gottesknecht stehe der Prophet Jeremia, ein leidender Gottesmann, der am Ende seines Lebens nach Ägypten verschleppt wird. Auch könnte der anonyme Autor der Texte - so eine andere Deutung - sich selber mit dem leidenden Gottesknecht gemeint haben.

Schon der Talmud, nach dem Tanach, der jüdischen Bibel, das bedeutendste Schriftwerk des Judentums, identifizierte Moses mit dem Gottesknecht: Moses, der Gott sein Leben anbietet, sollte Gott den Israeliten nicht vergeben, dass sie das Goldene Kalb angebetet hatten.

"Die Schrift lehrt: Und mit den Mächtigen wird er Beute teilen - entsprechend Abraham, Jitzchak und Ja'akov, denn sie waren Mächtige in der Tora und den Geboten. Weil er sein Leben zum Tode ausgegossen hat - er lieferte sich selbst zum Tode aus, wie gesagt ist: ‚Wenn nicht, dann tilge mich doch' Und er wurde unter die Frevler gezählt - denn er wurde unter die Toten der Wüste gezählt. Und die Sünde der Vielen ertrug er - als er wegen der Anfertigung des Kalbes Sühne schaffte."

"Knecht des Ewigen" verkörpert ganz Israel

Jeder einzelne Satz aus Jesaja wird hier, im babylonischen Talmud, auf Mose hin gedeutet.

Prominenter aber noch, als den Gottesknecht mit Individuen wie Mose oder Jeremia zu identifizieren, ist in der jüdischen Auslegung die sogenannte kollektive Deutung. Mit dem Knecht des Ewigen ist danach jeweils ein Kollektiv gemeint - nämlich das ganze Volk Israel. Diese Deutung findet sich in fast allen klassischen Kommentaren - so beispielsweise bei Schlomo Ben Jizraki, einem französischen Exegeten, der um die Zeit des ersten Kreuzzugs lebte. Er gilt als eine Art Norminterpret der Bibel und des Talmud. Susanne Talabardon:

"Diese Kollektivdeutung ist ja im Prinzip schon angelegt durch den Namen, wie man ihn eben auch im zweiten Jesaja-Buch findet, der wird eben mit Jakob identifiziert und Jakob wenn man sich in den 5 Büchern Mose umschaut, erhält ja in der Situation, in der er mit einem nächtlichen Wesen gekämpft hat den Namen Israel, also den Kampf am Jakob. Da wird eben Jakob mit Israel identifiziert, also ein Einzelner bekommt den Volksnamen. Und das ist natürlich theologisch sehr absichtsvoll, dass in dem Moment wo das Volk zusammensteht und sich um die Gebote des Ewigen schart, da wird sozusagen aus den vielen einer. Nämlich Jakob/Israel als Knecht des Ewigen. Deswegen ist das Kollektiv für die jüdische Tradition von großer Bedeutung und von großer Wichtigkeit."

Vor diesem Hintergrund gerät auch die Gottesknechtlieder-Klassifizierung des Alttestamentlers Bernhard Duhm in die Kritik: Handelt es sich bei den vier von ihm identifizierten und zusammengefassten Stellen tatsächlich um eine literarisch ursprüngliche Textreihe? Warum werden andere Stellen in Deuterojesaja, die vom Gottesknecht sprechen, nicht eingeschlossen?

Auch Susanne Talabardon kritisiert die Einteilung:

"Meiner Meinung nach ist diese Zuweisung willkürlich. Das könnte man auch ganz anders machen. Und wenn man sich weiterhin fragt: warum nun ausgerechnet diese vier: Dann meine ich dass da im Grunde genommen schon eine christliche Deutung impliziert ist. Es gibt nämlich durchaus noch mehr Texte, die vom Knecht des Ewigen reden, auch im Deutero-Jesaja - zum Beispiel Jesaja 41, 8 - 16, oder Jes. 44, 1-5 - bloß in diesen beiden Stellen ist die kollektive Deutung auf Israel mehr als eindeutig. Und deswegen - das ist jetzt ne Unterstellung von mir - diese beiden werden zum Beispiel nicht einbezogen in die beiden Gottesknechtslieder. Und ich denke eben dass diese Angrenzung schon theologisch informiert ist und nicht zwingend aus den Texten selbst abzuleiten ist."

So heißt es in Jesaja 41:

Du, mein Knecht Israel, du, Jakob, den ich erwählte,

Nachkomme meines Freundes Abraham:

Ich habe dich von den Enden der Erde geholt,

aus ihrem äußersten Winkel habe ich dich gerufen.

Ich habe zu dir gesagt: Du bist mein Knecht,

ich habe dich erwählt und dich nicht verschmäht.

Jesus starb in Treue zu Gott

Auch in der jüdischen Tradition finden sich allerdings Deutungen, die im biblischen Gottesknecht die Beschreibung eines zukünftig zu erwartenden Messias sehen. Doch sie sind nicht prominent.

"Im Unterschied zum Christentum ist ja das Judentum darüber im Unklaren, wer jetzt da als Messias aufkreuzt. Wohl nicht Jesus - obwohl man sich auch da überraschen lassen kann - es ist unklar, wer dieser Messias sein wird, und es ist von daher auch völlig unklar, welches Profil der haben wird. Also ob das zum Beispiel ein leidender Messias sein wird - diesen Unterschied gibt's im Judentum durchaus auch - aber im Unterschied zum Christentum kann man sich da auf nichts festlegen."

So haben die Gottesknecht-Texte bei Jesaja im Judentum bis heute nicht den Stellenwert, den sie im Christentum haben. Allerdings wurden Texte der hebräischen Bibel, die die Christen besonders rezipierten, von der jüdischen Tradition auch öfters fallen gelassen.

Für Neutestamentler Stefan Schreiber steht fest: Jesus verstand seinen eigenen Tod nicht im Licht des Gottesknechtes. Er sah jedoch die Todesstrafe auf sich zukommen und wich ihr nicht aus, starb also in Treue zu seiner Botschaft von der Königsherrschaft Gottes.

"Und das muss man sich so vorstellen, wie der Name das tatsächlich auch sagt, dass Jesus überzeugt war, dass Gott als König - das ist er ja ohnehin schon -im Himmel, wie man damals gesagt hat - er ist König im Himmel, er hat die Herrschaft über allen Kosmos, über Himmel, Erde, Meer und alles - und diese Herrschaft soll Gott nun auch in politischen Verhältnissen, in sozialen Verhältnissen der Welt aufrichten, das ist wirklich das Zentrum der Botschaft Jesu, das hat Jesus verkündet - und das ist auch die Heilsintention, die in seiner Botschaft deutlich wird."

Einfluss auf das Christentum hatte die Figur des leidenden Gottesknechtes in jedem Fall, steht sie doch für die Überzeugung, dass nicht Gewalt, sondern Leiden für andere Leben und Frieden unter den Menschen ermöglichen. Dies hat einen gewichtigen Anteil daran, wie sich die Lehre von Jesus von Nazareth als dem Christus überhaupt ausformen konnte.

 

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