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StartseiteRock et ceteraExperimentelle Beichtstuhlmusik13.05.2018

New Yorker Band Son LuxExperimentelle Beichtstuhlmusik

Das Trio Son Lux aus New York City um den avantgardistischen Multi-Instrumentalisten Ryan Lott transportiert auf seinem aktuellen Album "Brighter Wounds" ambivalente Stimmungen zwischen Vaterfreuden und Krebstod. Post Rock mit ungewöhnlicher Intimität.

Von Paul Baskerville

Drei Männer stehen hintereinander . Schwarze Bänder umflattern ihre Köpfe. (Lisa Wassmann)
Hauptmotivation von Son Lux ist es die Ohren zu überlisten (Lisa Wassmann)

Musik: "Change is everything"

Son Lux war zuerst das Soloprojekt von Ryan Lott und wurde von 2008 von ihm ins Leben gerufen. Erst als das vierte Album "Bones" 2015 erschien, wurde Son Lux offiziell ein Trio. Der Gitarrist Rafiq Bhatis und der Schlagzeuger Ian Chang sind inzwischen feste Bandmitglieder. Aber für Ryan hat sich, was das Arbeitsklima betrifft, nicht viel geändert.

"Ich war nie ein richtiger Solokünstler. Ich habe immer Hilfe gebraucht. Obwohl wir mittlerweile ein Trio sind, entsteht - nach wie vor - der große Bestandteil meiner kreativen Ideen, wenn ich allein bin. Ich bin schon die treibende Kraft der Band, dennoch müssen wir uns auf demokratische Weise einigen, bevor wir eine Aufnahme fertigstellen. Meine Bandkollegen verfügen über eine wunderbare musikalische Sensibilität und haben Herzensblut. Sie unterstützen dementsprechend meine kreative Vision."

Musik: "Forty Screams"

Die drei Bandmitglieder von Son Lux leben in drei verschiedenen Städten: NYC, Dallas und Los Angeles. Da man heutzutage online verbunden ist, ist das nicht zwingend ein Problem. Es ist halt so etwas wie eine Fernbeziehung, die umso leidenschaftlicher ist, wenn man sich doch sieht.

Nur online verbunden

"Wir sind zwar in drei verschieden Städten sesshaft,  aber wenn man zusammen auf Tour ist, ist man 24 Stunden zusammen. Es kommt mir vor wie Ebbe und Flut. Entweder sind wir weit auseinander und nur online verbunden, oder wir haben eine intensive Zeit zusammen. Bei der Entstehung vom aktuellen Album "Brighter Wounds" standen wir zum ersten Mal in unserer Geschichte zwölf Tage in einem Proberaum zusammen. Ich glaube, dass diese Zusammenkunft einen großen Einfluss auf den Sound und auf das Feeling der Platte gehabt hat. Das war Neuland für uns."

Musik: "Dream State"

Das aktuelle fünfte Album heißt "Brighter Wounds". Ryan Lott offenbart seelische Wunden auf der Platte, und zwar mit kontrolliertem musikalischen Pathos: gewaltige Streicher, Chöre, und Keyboard-Spektakel. Mal ist der Sound zart und dünn, mal fett und pompös. Durch die kontrasteichen Stimmungen, die damit erzeugt werden, bleibt das Album durchgehend spannend. Ganz besonders repräsentativ ist das Stück "All directions".  

"Das Herzstück der Platte ist "All directions". Es besteht aus zwei Teilen, ist fast wie zwei verschiedene Songs. Das Lied verkörpert, das Intime, das Private, aber auch das grandiose und bombastische Feeling von Son Lux."

Musik: "All directions"

Der Gesang von Ryan Lott vermittelt eine fast schmerzhaft Intimität, als ob er dem Hörer direkt ins Ohr flüstern würde, damit es kein Entkommen gäbe.

"Es ist eine ästhetische Wahl. Ich finde es einfach besser, wenn mein Gesang deutlich zu hören ist. Meine Stimme hat eine gewisse Zerbrechlichkeit und eine Emotionalität, die nicht gut rüberkommt, wenn sie im Mix vergraben ist. Dieses Album ist autobiografischer als die bisherigen Platten. Vielleicht habe ich mich deshalb unbewusst dafür entschieden, die Texte so sehr im Vordergrund zu stellen. "

Musik: "All directions"

Sich seelisch so zu öffnen, sein Innerstes nach außen zu kehren, ist gewissermaßen Neuland für Ryan Lott. Es ist ungewöhnlich, dass experimentelle Künstler so persönlich werden. Es ist eher der Fall, dass die Texte abstrakt und wenig greifbar bleiben, und Teil des Experiments bleiben. Aber Ryan Lott hatte, was dieses Album betrifft, ein großes Mitteilungsbedürfnis.

Drei Männer mit Brille und dunklem Pullover stehen im Halbkreis. Das Bild ist schwach ausgeleuchtet. (Alix Spence)Son Lux war das Soloprojekt von Ryan Lott (Alix Spence)

"Ich war immer bemüht Texte zu schreiben, die offen für Interpretationen waren. Das ist eigentlich meine Grundeinstellung, aber ich habe zum ersten Mal das Bedürfnis verspürt, transparenter zu sein. " Grelle Wunden" Ich habe in letzter Zeit Gutes und auch Böses erlebt, und diese kontrastreiche Mischung kommt auf der Platte zur Geltung. Ich habe einen engen Freund durch Krebs verloren. Es war ein langsamer Sterbeprozess. Zur selben Zeit kam mein Sohn auf die Welt. Es war ein langsamer Abschied vom Freund und ein langsames "Hallo sagen" zum neu Geborenen. Das fand ich alles sehr bewegend. Daher der Album Titel "Brighter Wounds". "

Musik: "Labour"

"Das Lied "Labour", zu deutsch Arbeit,  handelt konkret davon, wie es für mich war Abschied vom besagten Freund nehmen zu müssen, und dann einen neuen Freund zu gewinnen, beziehungsweise meinen Sohn. Beide Erlebnisse waren auf unterschiedliche Weise anstrengend. Tod und Geburt werden im diesem Song dementsprechend dargestellt."

Musik: "Slowly"

Die Musik von Son Lux wirkt leichter verdaulich, als sie eigentlich ist. Musikfans, die einen großen Bogen um aggressive Musik jeglicher Art machen, könnten erstmal denken, Son Lux sei nett, sanft und sogar schlaffördernd, aber der Schein trügt. Der Teufel steckt im Detail.

Inspiriert durch Lectio Divina 

"Das ist ein Kompliment. Die Hauptmotivation von Son Lux ist es die Ohren zu überlisten, damit der Hörer Klänge annimmt, die ihm sonst zu unvertraut wären, damit er sich in einem spannenden neuen musikalischen Ort bewegen kann. Beim ersten Album habe ich mir überlegt: "Kann ich Popmusik ohne Refrain komponieren?" Diese Grundidee von mir wurde von einer ganz alten katholischen Meditationspraxis Lectio Divina inspiriert, und  zwar wird ein einziger Satz immer wiederholt. Durch die Wiederholung kann man immer wieder was Neues über den Text lernen, gerade, wenn die musikalische Kulisse, die dahinterliegt, sich immer wieder verändert. Das Prinzip dieser Meditation ist universell... Man denkt über eine Idee nach und dann atmet man. Das lässt sich gut auf Musik übertragen. Es gibt einfache Musik, die man nur einmal hören muss, um sie zu begreifen. Andere Musik öffnet sich langsam, wenn man sie mit etwas Geduld nach und nach wahrnimmt. Das ist die Art von Musik, die ich höre möchte."

Musik: "War"

Ryan Lott ist ein klassisch ausgebildeter Musiker und ein Multiinstrumentalist. Dennoch bastelt er auch noch an seinem Computer, um Klänge zu erzeugen. Es ist immer schwieriger geworden, musikalische Kompetenz zu definieren, in einer Zeit, in der es möglich ist, ein Album zu machen, ohne ein Instrument spielen zu können. Ryan hat diesbezüglich keine Berührungsängste.

"Man kann Musik auf unterschiedlichste Art wahrnehmen. Musik hat tausende Fühler, die sich ausstrecken, und dich umarmen. Es gibt Leute, die ich kenne, die keine herkömmliche, musikalische Ausbildung haben, aber sie haben eine tiefgründige musikalische Sensibilität. Sie verfügen über eine gewisse Naivität, die sie offen für musikalische Experimente macht. Jemand, der eine klassische Ausbildung gehabt hat, nimmt im Zweifel diese kreativen Möglichkeiten nicht wahr, weil sein Gehirn so angepasst reagiert. Obwohl ich eine klassische und Jazz Ausbildung genossen habe, arbeite ich auch gerne mit Computern, um Musik zu komponieren. Das eine schließt das andere nicht aus. Als ich Computermusik entdeckt habe, sah ich eine Chance, mich kreativ zu entwickeln. Es ist wie eine andere Tür im selben Haus."

Musik: "Easy"

Das Projekt Sissyphus

Normalerweise gibt es alle paar Jahre ein neues Son Lux Album, aber einmal hat Lott sich einen netten, musikalischen Ausflug mit Freunden gegönnt, und zwar 2014 mit dem Projekt Sissyphus. Es bestand aus Zusammenarbeit zwischen Ryan Lott zusammen mit dem Songwriter Sufjan Stevens und mit dem HipHop-Künstler Serengeti.

"Wenn man eine Platte gemacht hat , ist man durch die Erinnerungen beeinflusst, die man hat, besonders wenn das Album mit Freunden entstanden ist, und deshalb kann man nicht so gut Bilanz ziehen, um es objektiv zu beurteilen. Aber es war schon ein tolles Projekt, weil wir alle aus einem unterschiedlichen Umfeld kommen. Es war so ein Fall, bei dem wir wegen eines gegenseitigen Respekts füreinander zusammengekommen sind , und nicht wegen der musikalischen Gemeinsamkeiten. Wir sind halt Freunde."

Musik: "Take me"

"Das Album entstand zum Teil in Sufjans Studio, aber der größte Teil wurde im Jugendzimmer meines Schwagers in Indiana aufgenommen. Wir musizierten den ganzen Tag, guckten schlechte Filme am Abend und tranken etwas zu viel, und am nächsten Tag ging es so weiter. Es war mit keinen Erwartungen verbunden, und war deshalb sehr befreiend. Das Album klingt wie drei Freunde, die zusammen musizieren, die sich nicht davor scheuen, verwundbar zu sein, die einfach sein durften wie sie sind, aber dabei doch herausgefordert wurden, ein bisschen was Anderes zu machen."

Musik: "Take me"

"Als ich sechs war, fing ich an Klavier zu spielen, und ich habe es mindestens fünf Jahre lang gehasst. Das Beste, das meine Eltern für mich getan haben, war darauf zu bestehen, dass ich nicht aufhöre. Ich entwickelte das dringende Bedürfnis Musik selbst schaffen zu wollen. Nun dass ich erwachsen bin, will ich Neuland erforschen. Ich möchte neuartige Klänge erzeugen, die ich selbst vorher nicht gehört habe. Die Faszination für mich ist was Neues zu entdecken. Ich sehe es als meine Aufgabe, eine Co-Existenz zwischen neuen und vertrauten Klängen zu schaffen, nämlich diese seltsame Kombination, die dafür sorgt, dass der Hörer sich heimisch fühlt aber doch was ganz neues entdeckt. "

Die Entwicklung von Ryan Lott ist schon ungewöhnlich. Dass er als Kind sogar eine Aversion gegen Musik gehabt hat, und nun hat Musik sich zur einer Obsession entwickelt, die immer wieder neue Form gewinnt. Es wird heutzutage oft Bands vorgeworfen, sie seien nicht innovativ genug, sondern zu traditionsbewusst, lediglich ein Abklatsch der Pop-Vergangenheit. Ein Revival jagt das Andere. Son Lux fällt in dieser Hinsicht aus dem Rahmen. Das Ziel von Ryan Lott ist möglichst klischeefrei zu sein.

Musik: "The fool you need"

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