Die Nachrichten
Die Nachrichten

Newsblog zu Afghanistan+++ Überraschend hohe Hilfszusagen +++

 Von oben fotografierte Afghanen, Kinder und Erwachsene, sitzen um einen provisorischen Tisch und essen Lebensmittelspenden. (picture alliance / Rahmat Gul)
Viele Kinder und Erwachsene in Afghanistan sind auf Hilfe angewiesen. (picture alliance / Rahmat Gul)

Der FDP-Außenpolitiker Lambsdorff hat sich erstaunt über das Ergebnis der UNO-Geberkonferenz gezeigt. +++ US-Außenminister Blinken hat den Abzug der US-Truppen verteidigt. +++ In Kabul ist zum ersten Mal seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ein kommerzielles Flugzeug gelandet. +++ Mehr im Newsblog.

Das Newsblog zu Afghanistan ist geschlossen. Die Berichterstattung über die weiteren Entwicklungen nach der Machtübernahme der Taliban findet in den Nachrichten und im Programm des Deutschlandfunks statt.

Dienstag, 14. September

+++ Nach der UNO-Geberkonferenz für Afghanistan hat sich der FDP-Außenpolitiker Lambsdorff überrascht über die Höhe der angekündigten Hilfen gezeigt. Lambsdorff sagte im Deutschlandfunk, die Summe sei mit rund 1,2 Milliarden Dollar doppelt so hoch wie der von UNO-Generalsekretär Guterres kalkulierte Bedarf. Ebenfalls verwundert zeigte sich der FDP-Fraktionsvize über den vergleichsweise hohen Anteil Deutschlands an den zugesagten Hilfen. Die Bundesregierung beteiligt sich an der Soforthilfe mit umgerechnet 100 Millionen Euro, weitere 500 Millionen stellte Außenminister Maas für die humanitäre Hilfe in Afghanistan und den Nachbarländern in Aussicht.

+++ US-Außenminister Blinken hat im Kongress in Washington den Afghanistan-Abzug gegen Kritik verteidigt. Vor dem Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses sagte er, Präsident Biden habe von seinem Vorgänger Trump eine Frist zum Truppenabzug geerbt. Es habe aber keinerlei Planungen gegeben. Selbst die pessimistischsten Einschätzungen hätten nicht vorhergesagt, dass die afghanischen Regierungstruppen in Kabul noch vor dem finalen US-Abzug zusammenbrechen würden. Die Republikaner sprechen vom größten außenpolitischen Desaster in der Geschichte der USA. Aber auch Demokraten werfen dem Außenministerium vor, nicht genug getan zu haben, um US-Bürger, Menschen mit Aufenthaltsrecht und andere Schutzbedürftige aus Afghanistan herauszuholen.

Montag, 13. September

+++ Die Bundesregierung hat den Vereinten Nationen 100 Millionen Euro Hilfe für die Bevölkerung in Afghanistan zugesagt. Diese Summe nannte Außenminister Maas auf einer Geberkonferenz in Genf. Er stellte zudem weitere 500 Millionen Euro für Afghanistan und die Nachbarländer in Aussicht.

+++ Das Bundesinnenministerium hat damit begonnen, Aufnahmezusagen für potenziell gefährdete Menschen aus Afghanistan auszustellen. Konkret geht es nach Angaben eines Sprechers um über 2.000 Menschenrechtler, Künstler, Wissenschaftler und Journalisten.

+++ Die Taliban haben Gerüchten widersprochen, wonach ihr Vizechef Mullah Baradar getötet worden sein soll. Dieser sei vielmehr auf einer Reise außerhalb von Kabul, und es gehe ihm gut, hieß es.

+++ In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist der erste kommerzielle Flug seit der Machtübernahme der Taliban gelandet. Ein Sprecher der pakistanischen Fluggesellschaft PIA bestätigte die Landung. Journalisten zufolge waren etwa zehn Menschen an Bord. Kurz darauf hob das Flugzeug demnach wieder Richtung Islamabad ab. Die Fluggesellschaft hatte zuvor angekündigt, Menschen mit gültigen Reisedokumenten aus dem Land zu fliegen. Der Kabuler Flughafen war während der internationalen Rettungsmission schwer beschädigt worden. Die radikalislamischen Taliban bemühen sich seitdem, ihn wieder in Betrieb zu nehmen.

+++ In Genf beginnt am Nachmittag eine internationale Geberkonferenz für Afghanistan. Ziel ist es, eine humanitäre Katastrophe im Land zu verhindern. Der deutsche Außenminister Maas betonte, es stehe weiter kein Engagement in Afghanistan zur Debatte, das über reine Nothilfe hinausgehe. UNO-Flüchtlingskommisssar Grandi reiste nach Kabul, um direkt mit Vertretern der Taliban-Regierung zu sprechen.

+++ Bundesentwicklungsminister Müller hat eine grundlegende Reform der internationalen Nothilfe gefordert. Das System müsse sich verändern hin zur Krisenprävention, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. In Afghanistan baue sich eine humanitäre Katastrophe auf, warnte Müller. Grund sei nicht nur die Machtübernahme durch die Taliban. Eine schwerwiegende Dürre und die Corona-Pandemie kämen hinzu.

Sonntag, 12. September

+++ Mehrere Dutzend afghanische Flüchtlinge sind auf ihrem Weg nach England vorübergehend in Gießen untergekommen. Laut der "Welt am Sonntag" verweigerten ihnen britische Behörden nach ihrer Ankunft aus dem usbekischen Taschkent am Flughafen Frankfurt zunächst die Weiterreise, weil einige nicht die englischen Einreisebedingungen erfüllten. Die britische Botschaft in Deutschland war am Sonntag zunächst nicht zu erreichen. Der "Welt am Sonntag" zufolge hatte sie zuvor mitgeteilt, "allen, die das Recht zur Einreise ins Vereinigte Königreich haben, diese so schnell wie möglich zu organisieren". Eine Sprecherin des hessischen Sozialministeriums sagte der Deutschen Presse-Agentur, 18 Kinder, 19 Frauen und 20 Männer aus Afghanistan seien vorübergehend in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen untergebracht worden.

+++ Nach der Machtübernahme in Afghanistan wollen die militant-islamistischen Taliban ihre Kämpfer in der Hauptstadt Kabul mit Uniformen ausstatten. Polizei, Geheimdienste und Spezialkräfte sollten Uniformen erhalten, sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Bislang sind die islamistischen Kämpfer meist in traditionellen Gewändern und mit Kalaschnikow unterwegs.

+++ Die afghanische Polizei hat die Arbeit am Kabuler Flughafen wieder aufgenommen. Beamte der Grenzpolizei waren an mehreren Kontrollpunkten am Hauptgebäude des Airports im Einsatz, wie ein AFP-Reporter berichtete.

+++ An Universitäten in Afghanistan wird nach einem Beschluss der Taliban-Machthaber künftig getrennt nach Geschlechtern unterrichtet. Die Koedukation stehe im Widerspruch zu den Grundsätzen des Islam, erklärte der Minister für höhere Bildung, Hakkani, in Kabul. Darüber hinaus widerspreche ein gemeinsamer Unterricht für Frauen und Männer nationalen Werten, Sitten und Gebräuchen. Nach den Worten des Ministers soll es künftig auch auf den Universitätsgeländen eine Trennung nach Geschlechtern geben. Hakkani betonte, dass Frauen nicht nur studieren, sondern auch ein weiterführendes Studium aufnehmen und etwa Doktorandinnen werden dürften.

+++ Der Deutsche Caritasverband fordert eine rasche Wiederaufnahme der humanitären Hilfe für Afghanistan. Der Präsident des Verbandes, Neher, sagte dem Evangelischen Pressedienst, niemand wisse, wie viele Menschen unter den gegenwärtigen Bedingungen Afghanistan verlassen wollten oder könnten. Es sei auch fraglich, ob vorwiegend die Nachbarländer die Menschen aufnehmen sollten. Viele von ihnen seien selbst in einer prekären Lage. Er plädiere dafür, möglichst rasch wieder mit der humanitären Hilfe zu beginnen, sagte der Caritas-Präsident. Nach seiner Einschätzung sind in Afghanistan 18 Millionen Menschen von Hunger bedroht.

+++ Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich, dass sich die Bundesregierung gegenüber den neuen Machthabern in Afghanistan zurückhaltend verhält. Lediglich sechs Prozent der Teilnehmer einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sind dafür, die von den militant-islamistischen Taliban gebildete Regierung anerkennen. 32 Prozent wollen, dass die Kontakte zu den neuen Machthabern auf ein Minimum reduziert werden. 35 Prozent möchten, dass Deutschland gar keine Kontakte zu den Taliban pflegt. Zudem sprachen sich 33 Prozent dafür aus, Entwicklungshilfe für Afghanistan an Bedingungen zu knüpfen.

+++ Frankreich strebt nach den Worten von Außenminister Le Drian vorerst keinerlei Beziehungen zur neu gebildeten Regierung in Afghanistan an. Es liege nun zunächst bei den Taliban, ihre Zusagen einzuhalten, erklärte der Minister im Fernsehsender France 5. Es sei eine Lüge, wenn die Taliban von der Möglichkeit einer freien Ausreise und von einer repräsentativen Regierung sprechen würden.

Der französische Außenminister reist heute zu Unterredungen über weitere Evakuierungen in die katarische Hauptstadt Doha. Paris hat bisher rund 3.000 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen.

Samstag, 11. September

+++ Mit einem Passagierflug von Qatar Airways sind gestern auch 45 Deutsche mit Familienangehörigen aus Afghanistan gebracht worden. Das teilte das Auswärtige Amt mit. Es werde intensiv an weiteren Ausreisemöglichkeiten gearbeitet, sagte ein Sprecher. Betroffene würden kontaktiert. Die militärische Evakuierungsmission war mit dem Abzug der Amerikaner beendet worden. Seitdem sollen zunehmend auch der Landweg und zivile Flüge genutzt werden, um bedrohte Ortskräfte und Bürger anderer Staaten außer Landes zu bringen.

+++ Bundeskanzlerin Merkel hat die damalige militärische Reaktion der Nato nach den Anschlägen vom 11. September in den USA verteidigt. "Wir wussten damals, dass wir uns gegen diese terroristischen Gefahren gemeinsam wehren mussten in der Nato", sagte Merkel bei einem Besuch in Warschau. Zwei Jahrzehnte nach dem Beginn des internationalen Militäreinsatzes in Afghanistan sei jedoch deutlich geworden, dass "zwar der Terrorismus zum jetzigen Zeitpunkt" besiegt werden konnte, "aber dass wir nicht alle unsere Ziele erreicht haben". Für die Bundesregierung sei es nun vor allem wichtig, schutzbedürftige Bürger nach Deutschland zu bringen. Dies sei eine moralische Verpflichtung.

+++ Die Nato hat nach Angaben von Generalsekretär Stoltenberg eine umfassende Untersuchung ihres Afghanistan-Einsatzes eingeleitet. Er schrieb in einem Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag", die Ereignisse der vergangenen Wochen seien tragisch für die Afghanen gewesen - und auch erschütternd für alle, die sie unterstützt hätten. Es gebe viele schwierige Fragen bezüglich des Engagements der Allianz, die man sich nun ehrlich stellen müsse und aus denen man Lehren ziehen müsse. Zugleich machte Stoltenberg deutlich, dass sich das Militärbündnis nicht vollständig zurückziehen wolle. Afghanistan werde nicht die letzte Krise sein, in der Nordamerika und Europa gemeinsam mithilfe der Nato handeln müssten.

+++ Die militant-islamistischen Taliban haben nach Angaben eines Verwandten den Bruder des früheren afghanischen Vizepräsidenten Amrullah Saleh erschossen. Taliban-Kämpfer hätten Rohullah Asisi am Donnerstag an einem Kontrollpunkt in der Provinz Pandschir angehalten und erschossen, sagte dessen Neffe Schuresch Saleh. Es sei unklar, wohin Asisi unterwegs war, der gegen die Taliban kämpfte. Die Gegend sei per Mobiltelefon nicht zu erreichen. In Sozialen Medien kursierten Videos, die angeblich zeigen, wie Taliban in Pandschir das Feuer auf Personen eröffnen, die sie festgenommen haben. Amrullah Saleh hatte sich nach der Flucht von Präsident Aschraf Ghani und der Machtübernahme der Taliban zum rechtmäßigen Staatschef erklärt. Er führte bewaffnete Taliban-Gegner in Pandschir an, die als letzte Provinz noch Widerstand leistete.

+++ Die Kinderschutzorganisation Terre des hommes und die Stiftung Medico International rufen dazu auf, den Stichtag für die Meldung schutzbedürftigen Afghanen aufzuheben. Die "Neue Osnabrücker Zeitung" zitiert aus einem gemeinsamen Brief an Bundesinnenminister Seehofer, wonach das Datum 26. August weder sachlich begründbar noch einhaltbar sei. Während der Evakuierungsflüge der Bundeswehr habe der Fokus auf der Meldung von Fällen aus dem Raum Kabul an das Auswärtige Amt gelegen. Zugleich hätten sich aber tausende schutzbedürftige Personen auch aus andere Provinzen bei mehreren Organisationen gemeldet, denen nun geholfen werden müsse.

+++ Aus der afghanischen Hauptstadt Kabul hat ein weiterer ziviler Evakuierungsflug 158 Menschen nach Katar ausgeflogen. Wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf einen katarischen Offiziellen berichtet, waren Afghanen und Ausländer an Bord. Neben Deutschen seien auch US-Bürger, Kanadier, Briten, Niederländer und Belgier evakuiert worden. Zu den Passagieren gehörten zudem 49 französische Staatsbürger und deren Angehörige, erklärte das Außenministerium in Paris. Gestern war der erste Evakuierungsflug seit dem Abzug der US-Truppen Ende August aus Kabul gestartet.

Freitag, 10. September

+++ Die Vereinten Nationen werfen den radikalislamischen Taliban in Afghanistan ein immer brutaleres Vorgehen gegen Kritikerinnen und Kritiker vor. Das UNO-Menschenrechtsbüro in Genf teilte mit, die Taliban setzten Stöcke, Peitschen und scharfe Munition ein, um friedliche Proteste gegen ihre Herrschaft aufzulösen. Mindestens vier Demonstranten seien ums Leben gekommen. Gefangene der Taliban würden geschlagen und mit dem Tode bedroht. Die Islamisten schüchterten außerdem Pressevertreter ein, hieß es.

+++ UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hat sich für Gespräche mit den radikalislamischen Taliban nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan ausgesprochen. "Wir müssen einen Dialog mit den Taliban führen, in dem wir unsere Grundsätze auf direktem Wege bekräftigen", sagte Guterres im Interview mit AFP. Es gehe dabei um die "Solidarität mit dem afghanischen Volk". Auf alle Fälle müsse ein wirtschaftlicher Kollaps Afghanistans verhindert werden. 

+++ In der rumänischen Hauptstadt Bukarest sind am späten Donnerstagabend rund 139 Afghanen angekommen, die die Regierung Land zusammen mit Verbündeten aus dem von den Taliban eroberten Land gerettet hat. Es handele sich um Ortskräfte, die der rumänischen Armee während ihrer Teilnahme an der US-geführten Friedensmission in Afghanistan geholfen haben, sowie um Studenten, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Justizpersonal, sagte Rumäniens Außenminister Bogdan Aurescu.

Donnerstag, 9. September

+++ Aus Kabul sind mit einem weiteren zivilen Evakuierungsflug 158 Menschen nach Katar gebracht worden. An Bord waren Afghanen und Ausländer, darunter auch Deutsche.

+++ Die Taliban haben rund 200 Ausländern die Ausreise per Flugzeug aus Afghanistan erlaubt. Es ist der erste zivile Auslandsflug seit Schließung des Kabuler Flughafens nach dem endgültigen Abzug der internationalen Truppen. Die Menschen hätten ein Flugzeug bestiegen, das zuvor Hilfsgüter nach Kabul transportiert habe, teilte der katarische Sondergesandte al-Kahtani mit. Er sprach von einem regulären Flug, die Passagiere hätten ohne Ausnahme Tickets und Boarding-Pässe. Möglicherweise werde es morgen einen weiteren Flug geben.

+++ Afghanische Frauenrechtlerinnen haben die internationale Gemeinschaft davor gewarnt, der moderateren Selbstdarstellung der Taliban in Afghanistan Glauben zu schenken. Die tatsächliche Haltung des Regimes unterscheide sich in keiner Weise vom Wertesystem von vor 20 Jahren, sagten drei Aktivistinnen in einer virtuellen Konferenz der Berliner Organisation Yaar. Die Taliban hätten lediglich dazugelernt, wie man sich inszenieren und die Realität verzerren müsse, um eigene Ziele zu erreichen, betonten die Frauen.
Ihre Namen sollen zu ihrem eigenen Schutz nicht genannt werden. 

+++ Die neuen Machthaber in Afghanistan haben unangemeldete Demonstrationen verboten. Kundgebungen seien nur dann erlaubt, wenn die Organisatoren sich diese genehmigen ließen, hieß es in einem Erlass der Taliban. Auch Parolen auf Transparenten müssten vorab gebilligt werden. Bei Verstößen drohe Strafverfolgung. Zur Begründung hieß es, in den vergangenen Tagen hätten einige Menschen die öffentliche Ordnung gestört. - In den vergangenen Tagen hatten Frauen für ihre Rechte demonstriert.

+++ Die Skepsis gegenüber den neuen Machthabern in der westlichen Staatengemeinschaft wächst. Die Vereinten Nationen teilten mit, dauerhafter Frieden und Stabilität in Afghanistan hingen von einer "bedeutenden Beteiligung" von Frauen, sowie ethnischer, religiöser und Minderheitengruppen ab. US-Außenminister Blinken sagte nach einer Videokonferenz mit Vertretern von EU-Staaten, NATO-Ländern und der UNO, eine Legitimität müssten sich die Islamisten durch ihr Handeln verdienen. Bundesaußenminister Maas, der - wie Blinken - auf der US-Basis Ramstein an der Konferenz teilnahm, plädierte dafür, die Gespräche mit den militanten Islamisten angesichts weiterer geplanter Evakuierungsflüge fortzusetzen.

+++ Nach Angaben der USA sind die islamistischen Taliban bereit, 200 Amerikaner und andere Zivilisten aus Afghanistan ausreisen lassen wollen. Genutzt würden Charter-Flüge vom Flughafen Kabul, sagte ein US-Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Die Abflüge sollen im Laufe des Tages erfolgen.

+++ Um die Evakuierten zu versorgen entstendet die Nato erstmals seit 16 Jahren wieder Einsatzkräfte der sogenannten Krisenreaktionstruppe NRF. Nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur sollen rund 300 Soldatinnen und Soldaten Geflüchtete aus Afghanistan und ihre Familien in Notunterkünften in Polen und im Kosovo versorgen. Die Menschen waren nach der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan gebracht worden. 

+++ Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, will seine Arbeit in Afghanistan trotz der Machtübernahme der Taliban fortsetzen und seine humanitäre Hilfe ausweiten. "Wir dürfen die Kinder in Afghanistan in dieser sehr unsicheren Situation nicht allein lassen", erklärte Unicef Deutschland. Deshalb werde das Hilfswerk bis Ende des Jahres 192 Millionen US-Dollar für Maßnahmen der humanitären Hilfe in Afghanistan ausgeben.

+++ Dutzende Hilfs-, Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen dringen auf die weitere Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan. Viele gefährdete Menschen säßen immer noch mit ihren Familien in dem Land fest, heißt es in einem Aufruf, den rund 25 bundesweit und 30 auf Landesebene tätige Organisationen unterzeichnet haben. Zu den Schutzbedürftigen zählten etwa Mitarbeitende von Partnerorganisationen, Frauen- und Menschenrechtsverteidiger, Journalisten und Ortskräfte. Auch Angehörige von in Deutschland lebenden Afghanen seien in Gefahr, warnten die Organisationen.

+++ Der luxemburgische Außenminister Asselborn hat die Europäische Union aufgerufen, in Afghanistan humanitäre Hilfe zu leisten und alles dafür zu tun, um in der Hauptstadt Kabul wieder präsent zu sein. Das Land stehe vor dem Kollaps, und 18 Millionen Menschen seien dringend auf europäische Hilfe angewiesen, sagte der sozialistische Politiker im Sankt-Paulus-Dom in Münster. "Eine humanitäre Katastrophe muss dort verhindert werden."

+++ Der Widerstand gegen die Taliban im Pandschir-Tal ist nach Angaben des bisherigen afghanischen Botschafters in Tadschikistan nicht gebrochen. Reste der afghanischen Armee und Milizen setzten die Kämpfe gegen die Taliban fort, sagte der Gesandte der früheren Regierung, Aghbar, bei einer Pressekonferenz in Duschanbe. Er widersprach auch Angaben der Taliban, der Anführer der afghanischen Tadschiken, Massud, und der ehemalige Vizepräsident Saleh seien geflohen. Beide befänden sich noch im Pandschir-Tal. 

Mittwoch, 8. September

+++ Ex-Präsident Aschraf Ghani hat für die Art seines Abtretens angesichts vorrückender Taliban um Verzeihung gebeten. Er bitte das afghanischen Volk um Entschuldigung, dass er nicht für ein anderes Ende sorgen konnte, schrieb Ghani bei Twitter. Er habe das Land auf Drängen der Sicherheitskräfte verlassen. Damit habe er das Risiko blutiger Straßenkämpfe vermeiden wollen. Der ehemalige Staatschef wies Vorwürfe zurück, er habe bei seiner Flucht Millionen Dollar an staatlichen Geldern mitgenommen. Ghani hatte Afghanistan am 15. August verlassen und war in die Vereinigten Arabischen Emirate geflohen.

+++ Deutsche Journalisten in Afghanistan üben Kritik an Umgang mit den Taliban. Die Verwunderung von westlichen Politikern, dass "keine" Frauen im Taliban-Kabinett seien, sei "der absolute Gipfel der Realitätsverweigerung", kritisierte Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer. Auch das "Polit-BlaBla über 'moderate Taliban'" sei unterträglich. Der ARD-Reporter Markus Spieker erklärte, früher habe er beim Gedanken an eine Taliban-Begegnung Angstschweiß bekomment, und jetzt säßen sie am Nachbartisch und lächelten herüber.  

+++ Bundesaußenminister Maas hat sich besorgt über die Entwicklung in Afghanistan geäußert. "Die Verkündung einer Übergangsregierung ohne Beteiligung anderer Gruppen und die gestrige Gewalt gegen Demonstrantinnen und Journalisten in Kabul sind nicht die Signale, die optimistisch stimmen", teilte der SPD-Politiker mit. Das Engagement des Westens werde aber vom Verhalten der Taliban abhängen. Diese hatten die Rückkehr der Diplomaten nach Kabul und die Wiederaufnahme der Entwicklungszusammenarbeit gefordert.

+++ Die Taliban in Afghanistan wollen Frauen und Mädchen offenbar den Sport verbieten. Der selbsternannte stellvertretende Vorsitzenden der Kulturkommission der militanten Islamisten, Ahmadullah Wasik, sagte im australischen Sender SBS News, bei der Sportausübung, etwa beim Cricket, bestehe die Gefahr, dass das Gesicht oder der Körper von Frauen unbedeckt zu sehen sei. Frauensport sei weder angemessen noch notwendig. Seine Bemerkungen folgten einen Tag nach der Vorstellung der neuen "Taliban-Regierung". Zahlreiche afghanische Sportlerinnen sind bereits aus Afghanistan geflohen.

Shabnam Mabarz (r.) und Khalida Popal, Mitglieder der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft.  (dpa / picture alliance / Jan M. Olsen)Dürfen sich künftig in ihrem Heimatland nicht mehr sportlichen betätigten: Shabnam Mabarz (r.) und Khalida Popal, Mitglieder der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft. (dpa / picture alliance / Jan M. Olsen)

+++ Nach seinen Gesprächen im Golfstaat Katar reist US-Außenminister Blinken heute nach Deutschland. Dort besucht er den US-Luftwaffenstützpunkt im rheinland-pfälzischen Ramstein und leitet gemeinsam mit Bundesaußenminister Maas eine Videokonferenz mit Außenministern aus mehr als 20 Ländern. Darin soll es um das weitere Vorgehen nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban in Afghanistan und dem Ende der internationalen Evakuierungsmission gehen. 

+++ Die USA haben die neue Übergangsregierung der Taliban in Afghanistan kritisiert. Man sei angesichts der Vorgeschichten einiger führender Mitglieder beunruhigt, erklärte ein Sprecher des Außenministeriums in Washington. Afghanistan dürfe nicht wieder zu einem Hort des Terrors werden. Die Taliban hatten gestern drei Wochen nach ihrer Machtübernahme erste Mitglieder einer eigenen Regierung vorgestellt. An ihrer Spitze soll demnach der Taliban-Mitbegründer Achund stehen. Innenminister soll das führende Mitglied Hakkani werden. Er zählt zu den meistgesuchten Personen der US-Ermittlungsbehörde FBI, die sein gleichnamiges Netzwerk als terroristische Gruppierung einstuft. Unter weiteren genannten Regierungsmitgliedern sind keine Vertreter anderer Strömungen und auch keine Frauen. International war nach der Machtübernahme der Islamisten verlangt worden, dass auch Nicht-Taliban an der künftigen Führung des Landes beteiligt werden müssten.

+++ Im Zuge der raschen Machtübernahme der Taliban sind offenbar riesige Datenbanken, die die USA und ihre Verbündeten für Hunderte Millionen US-Dollar aufgebaut hatten, um das vom Krieg verwüstete Land zu modernisieren,an die Islamisten gefallen. Darunter auch ein biometrisches System zur Bestätigung von Identitäten. Nun gibt es Befürchtungen, dass diese Dateien, die mit nur wenigen Schutzvorrichtungen aufgebaut wurden, von den Taliban als Instrument für einen Überwachungsstaat genutzt werden könnten - für soziale Kontrolle und Bestrafung vermeintlicher Feinde. 

Dienstag, 7. September

+++ Österreich, Tschechien und die Slowakei haben sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan gewandt. Der tschechische Ministerpräsident Babis sagte nach einem Treffen mit den Regierungschefs Kurz und Heger, in Europa sei – Zitat – "wirklich kein Platz mehr für sie". Die drei EU-Staaten hätten sich darauf verständigt, den Menschen in Afghanistan selbst zu helfen. Bei dem Gespräch auf Schloss Lednice in Südmähren stellten die Länder sich damit im Kern hinter die Position der meisten EU-Innenminister, die lediglich ehemalige Ortskräfte aufnehmen wollen.

+++ Die USA sind in Kontakt mit den militant-islamistischen Taliban, um nach deren Machtübernahme weitere Menschen aus Afghanistan zu holen. Ziel sei es, dass weitere Charter-Flüge das Land sicher verlassen könnten, sagte US-Außenminister Blinken bei einem Besuch im Golf-Emirat Katar. Die Taliban hätten zugesagt, alle Personen mit Reisedokumenten ausreisen zu lassen.

+++ Die UNO hat eine Aufstockung der Hilfsgelder für Afghanistan in Höhe von umgerechnet knapp 170 Millionen Euro gefordert. Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Hilfe erklärte, dass bis Jahresende insgesamt rund 510 Millionen Euro benötigt würden. Die Grundversorgung in Afghanistan breche zusammen, und die Lebensmittel gingen zur Neige.

+++ Dutzende Kulturschaffende und Intellektuelle wie Daniel Barenboim, Martina Gedeck oder Volker Schlöndorff haben in einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Grütters appelliert, sich persönlich für afghanische Kolleginnen und Kollegen einzusetzen. Tausende Aktivisten, Journalisten und Kulturschaffende hätten in den letzten 20 Jahren dazu beigetragen, die afghanische Zivilgesellschaft aufzubauen, heißt es in dem Schreiben. Nach der Machtübernahme der Taliban seien diese Frauen und Männer in akuter Lebensgefahr und von islamistischen Repressionen und Terror bedroht.

+++ Einige der vom US-Militär ausgeflogenen Afghanen wollen als Flüchtlinge in Deutschland bleiben. Wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums mitteilte, haben von den Tausenden Menschen, die zuvor auf dem US-Militärstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz untergebracht waren, bislang rund 90 Menschen einen Asylantrag gestellt. Bis Montagvormittag seien insgesamt mehr als 34.000 Personen aus Afghanistan in Ramstein angekommen. Von diesen seien bis zu diesem Zeitpunkt knapp 21.000 in die USA ausgeflogen worden.

Flüchtlinge aus Afghanistan warten am amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Ramstein. (picture alliance / Planet Pix via ZUMA Press Wire)Aus Kabul in Sicherheit gebrachte afghanische Flüchtlinge in der US Air Base Ramstein in Rheinland-Pfalz (picture alliance / Planet Pix via ZUMA Press Wire)

+++ Bei einer Protestkundgebung in der afghanischen Hauptstadt Kabul haben die Taliban Warnschüsse abgegeben. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hatten sich etwa 70 Menschen versammelt, vornehmlich Frauen. Sie protestierten gegen Pakistans Einmischung in afghanische Belange. Die Taliban hätten in die Luft geschossen, um die Menge vor der pakistanischen Botschaft auseinanderzutreiben. Der Regierung in Islamabad wird eine Nähe zu den Taliban vorgeworfen, die Mitte August die Macht in Afghanistan übernommen hatten.

+++ Bei der teils chaotischen Evakuierung Kabuls sind viele Kinder ohne ihre Eltern ausgeflogen worden, auch nach Deutschland. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef wurden bislang etwa 300 unbegleitete und von ihren Familien getrennte Minderjährige registriert. Die Zahl werde im Zuge der noch andauernden Identifizierungen wahrscheinlich steigen, teilte die Organisation am Dienstag in New York mit.

Zu den Entwicklungen vor dem 7. September geht es hier.

Nachrichtenportal