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StartseiteUmwelt und VerbraucherNicht nur grün: Geothermie in Island02.10.2013

Nicht nur grün: Geothermie in Island

Stromexport als Einnahmequelle

In Island kommt die Energie zu fast 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Für sich selbst verbrauchen die Isländer nur einen Teil davon. Deshalb gibt es Pläne, die Energie zu exportieren. Was dazu noch fehlt, ist ein Kabel von der Insel zum europäischen Kontinent.

Von Jessica Sturmberg

Es scheint, als wäre die Energie auf Island unerschöpflich. (picture alliance / dpa / Christine König)
Es scheint, als wäre die Energie auf Island unerschöpflich. (picture alliance / dpa / Christine König)

Das Geothermiekraftwerk Hellisheiði in der Nähe von Reykjavík. Es ist eines der größten der Welt mit einer Kapazität von 300 Megawatt Strom und 130 Megawatt Fernwärme. So viel wie ein kleines Atomkraftwerk. Gelegen inmitten von Lavafeldern, am Fuße des idyllischen Hengill-Gebirges. Viele lange metallene Rohre durchziehen das Gebiet. Die Landschaft ist übersät von Bohrlöchern, überdeckt von Aluminiumkuppeln, die wie Metall-Iglus in der saftig-grünen Mooslandschaft wirken.

Es könnten noch viele weitere dazu kommen, im etwa 80 Kilometer entfernten Keflavík ist der Bau einer weiteren Aluminiumschmelze geplant. Es wäre die Vierte im Land. In Hellisheiði müsste dafür die Stromproduktion ausgeweitet werden. Kein Problem, sagt Helgi Petursson, Sprecher des Kraftwerks.

"”Wir könnten sehr einfach 90 Megawatt zusätzlich produzieren. Es gibt noch weitere Felder, auf denen wir bereits die Versuchsbohrungen durchgeführt haben, sodass wir jederzeit expandieren können.""

Es scheint, als wäre die Energie auf Island unerschöpflich. Gerade hier in Hellisheiði seien die Bedingungen geradezu perfekt, sagt Helgi Petursson und ist dabei ganz enthusiastisch.
Ganz so problemlos, wie der Sprecher des Kraftwerks es beschreibt, sieht es Stefán Gislason nicht. Er ist Umweltberater und Anwalt, arbeitet unter anderem für den nordischen Ministerrat und beschäftigt sich seit Jahren mit der isländischen Energiepolitik. Er befürchtet, dass die Natur mit den ambitionierten Ausbauplänen zu sehr ausgebeutet wird.

"Weil wir nicht wirklich wissen, wie erneuerbar diese Quellen wirklich sind, wir wissen wie viel Energie wir derzeit aus der Erde herausholen können, aber wir wissen nicht, ob diese Quelle nicht eines Tages auch versiegen könnte. Die Erdwärme wird es sicher immer geben, dass es sich um ein aktives, vulkanisches Gebiet handelt, aber die Wasservorkommen wird es vielleicht nicht immer geben."

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise sucht das Land nach neuen Einnahmequellen und der Verkauf der grünen Energie ist für die Politik ein attraktives Geschäft. Damit ließe sich angesichts der steigenden Weltmarktpreise viel verdienen. Allerdings nicht als isoliertes System, sagt Rechtsanwalt Eirikur Svavarsson. Er ist auf internationales Energierecht spezialisiert, berät die großen Energieunternehmen:

"”Wir haben fünf Großabnehmer, das meiste sind Aluminiumschmelzen und Siliziumfabriken und nur etwa 20 Prozent wird von den Haushalten und allen anderen Unternehmen genutzt, die Frage ist, ob wir unsere Energie nicht besser nutzen könnten, indem wir ein Stromkabel bauen.""

Die Pläne für ein solches Unterseekabel liegen längst in der Schublade des staatlichen Energieversorgers Landsvirkjun. Ein Kabel mit einer Kapazität von 700 Megawatt, sieht Konzernchef Hörður Arnarson nicht nur als machbar, sondern auch als geboten:

"”Wir müssen das global betrachten. Europa strebt nach grüner Energie und da sollte Island seinen Beitrag leisten. Aber ich denke, dass wir uns in Island darüber einig sind, die Projekte zu begrenzen. Da heißt, wir setzen nur einen kleinen Teil von dem um, was grundsätzlich möglich ist.""

Die Vorgängerregierung hatte sämtliche möglichen Ressourcen eingeordnet in "machbar", "schützenswert" und eine dritte Kategorie "eventuell realisierbar". Sollten alle Ressourcen außer den absolut schützenswerten ausgeschöpft werden, käme man auf 30 Terrawattstunden, die Island jährlich produzieren könnte. Und auf diese Leistung müsste man dann wohl auch kommen, ist Umweltberater Stefán Gislason überzeugt. Denn anders ließen sich kaum Investoren zu gewinnen, die ein solches Unterseekabel finanzieren.

"”Wenn man die Natur zu einem großen Teil verändern müsste, wenn der Lachs verschwindet, wenn man sich von schönen Gebieten verabschieden müsste, die einen hohen Wert für den Tourismus haben und ein Teil unseres Naturerbes für künftige Generationen sind, kann man dann tatsächlich noch von unerschöpflicher, grüner Energie sprechen?""

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