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StartseiteKalenderblattNieder mit dem Stacheldraht02.05.2009

Nieder mit dem Stacheldraht

Vor 20 Jahren beginnt Ungarn als erstes Land des Ostblocks mit dem Abbau des "Eisernen Vorhangs"

Mit Gorbatschows Politik war vieles im "sozialistischen Lager" in Bewegung gekommen. So verhandelte im Frühjahr 1989 die polnische kommunistische Führung mit Vertretern der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" am Runden Tisch, in Ungarn hatte Janos Kadar abgedankt, der Blick war Richtung Westen gerichtet. Der "Eiserne Vorhang" war ins Wanken geraten: Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Abbau der ungarisch-österreichischen Grenzanlagen.

Von Sylvia Conradt

Der Anfang vom Ende des "Eisernen Vorhangs": Am 27. Juni 1989 durchschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs vor laufenden Kameras den Grenzzaun. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Der Anfang vom Ende des "Eisernen Vorhangs": Am 27. Juni 1989 durchschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs vor laufenden Kameras den Grenzzaun. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

"Schon im Herbst vergangenen Jahres hatte Ungarns reformfreudiger Staatsminister Imre Pozsgay bekannt: Der 'Eiserne Vorhang' ist historisch, politisch und technisch überholt. Heute früh um acht rückten Spezialisten an, um den Anachronismus zu beseitigen","

... berichtete der RIAS im "Spätreport" am 2. Mai 1989.

""Zunächst an vier Stellen wurden Lücken in den 350 Kilometer langen 'Eisernen Vorhang' geschlagen. Stacheldrahtzäune werden beseitigt und elektronische Grenzsperren abgebaut. Bis Ende 1990 will Ungarn auf der gesamten Grenzlänge zu Österreich den Eisernen Vorhang aufrollen."

Bilder von ungarischen Grenzsoldaten in olivgrünen Uniformen, die mit großen Drahtscheren den Stacheldraht zwischen den Betonpfeilern zerschneiden, Zugmaschinen, die die Grenzpfosten aus der Erde reißen, flimmerten abends über die Fernsehschirme. Der "Eiserne Vorhang" war löchrig geworden: Wie in den sozialistischen Bruderländern UdSSR und Polen trieben auch in Ungarn Reformkommunisten die Umgestaltung der sozialistischen Gesellschaftsordnung voran. Ungarns Kommunisten hatten sich von ihrem Machtmonopol verabschiedet und ein Mehrparteiensystem zugelassen. Mit dem Abbau der Grenzanlagen beschleunigte das Land seine Öffnung gen Westen.

"In seiner jetzigen Form hat der eisern-elektronische Vorhang in Ungarn 22 Jahre existiert. Das Loch, das ab heute in die Grenzsperren geschlagen wird, regt die Phantasie an: Vielleicht fällt der 'Eiserne Vorhang' ja einmal auf seiner ganzen Länge zwischen Ostsee und Donau. Seit heute ist das geteilte Europa jedenfalls an einer kleinen Nahtstelle etwas näher aneinandergerückt."

Der DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler informierte wenige Tage später den "werten Genossen Honecker" in seinem Schreiben über die, so wörtlich, Veränderung des ungarischen Grenzsicherungssystems. War es Naivität oder Augenwischerei – er ging davon aus, dass die weitere Sicherung der Grenze gewährleistet sei und intensiviert werde. Tatsächlich aber schritt die Demontage des "Eisernen Vorhangs" unaufhaltsam voran. Die SED-Politiker hatten sich mit ihrem ungebrochen orthodoxen Führungsanspruch und ihrer Reformunwilligkeit bereits ins Abseits manövriert.

Am 27. Juni durchschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs vor laufenden Kameras den Grenzzaun. Die DDR-Bürger quittierten den Stillstand im eigenen Land mit einer Flut von Ausreiseanträgen und Botschaftsbesetzungen, um so in die Bundesrepublik zu gelangen. Und Tausende suchten den Fluchtweg über Ungarn.

"Massenflucht von DDR-Bürgern ins österreichische Burgenland"
(19.08.1989, RIAS Berlin)

"Ein Tor im Stacheldraht wurde geöffnet und plötzlich kamen mehr oder weniger unerwartet eine Menge DDR-Bürger, tauchten an der Grenze auf."

In einem Telefongespräch berichtete der Ungarnkorrespondent des RIAS im "Abendreport" vom so genannten paneuropäischen Picknick, das die "Paneuropa-Bewegung Österreichs" und das "Ungarische Demokratische Forum" am 19. August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze bei Sopron veranstalteten.

"Angeblich hat man schon Tage zuvor in Budapest und in Sopron Flugzettel verteilt. Das heißt, die Flüchtlinge haben von diesem Fest gewusst. In der Hand hatten sie bereits frisch ausgestellte Pässe der deutschen Botschaft in Budapest und die Grenzsoldaten ließen die DDR-Bürger eigentlich unbehelligt über die Grenze marschieren.
Das Ganze hat sich so abgespielt, dass sie mit dem Auto zur Nähe der Grenze hinfahren konnten, wurden dort dann angehalten, ließen das Auto mit allem stehen und gingen dann praktisch mit nichts als den Kleidern am Körper über die Grenze drüber."

Moderator: "Ist die Grenze inzwischen wieder geschlossen?"

"Nach Augenzeugenberichten ist die Grenze noch immer offen, und man nimmt auch an, dass sie wahrscheinlich über Nacht, das ist ein Tor im Zaun, dass das noch offen bleiben wird."

"Größte Massenflucht seit dem Mauerbau", titelten die Zeitungen tags darauf – etwa 900 DDR-Bürgern war die Flucht nach Österreich geglückt. Als Ungarn in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 offiziell seine Grenze zu Österreich öffnete, reisten binnen weniger Stunden 12.000 Ostdeutsche über Österreich in die Bundesrepublik aus. Der politische Zusammenbruch der DDR war endgültig eingeleitet.

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