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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Grünen haben dazugelernt24.09.2019

Niederlage für ÖzdemirDie Grünen haben dazugelernt

Cem Özdemirs gescheiterte Kandidatur für den Fraktionsvorsitz habe gezeigt, dass die Grünen dazugelernt haben, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Statt auf Personal- und Flügeldebatten setzten sie auf Themen. Aber Özdemir werden sie noch brauchen, sollten sie den Sprung in die Regierung schaffen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Cem Özdemir bei der Fraktionssitzung von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag (dpa / Arne Immanuel Bänsch)
Cem Özdemir scheiterte mit der Kampfkandidatur für den Fraktionsvorsitz - aber die Grünen werden ihn noch brauchen, meint Barbara Schmidt-Mattern aus dem Dlf-Hauptstadtstudio (dpa / Arne Immanuel Bänsch)
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Wer nicht kämpft, hat schon verloren, hat Cem Özdemir heute Abend gesagt: Respekt. Da spricht einer, der nicht nur kämpfen, sondern zugleich auch aushalten kann, zu verlieren. Özdemir kennt beides, als Sohn türkischer Migranten, als grüner Ober-Realo, als Parteichef hat er schon oft ausgeteilt, aber immer auch einstecken müssen. Er hat viel Talent, und mindestens ebenso viele Ecken und Kanten.

Es ist diese Janusköpfigkeit, die dem 53-Jährigen dieses Mal die Niederlage gebracht hat, und nächstes Mal vielleicht wieder den Sieg. Seiner Fraktion hat Özdemir mit seiner Kampfkandidatur jedenfalls einen Dienst erwiesen: Denn nichts wirkt so anregend wie eine kleine Krise, das gilt erst recht in der Politik.

Noch mehr Aufmerksamkeit für die Grünen

Die Ankündigung von Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther hat zwar manche irritiert. Sie hat den Grünen aber auch noch mehr Aufmerksamkeit verschafft, und das als kleinster Fraktion im Bundestag. Der Tenor der vielen Porträts und Analysen über das grüne Spitzenpersonal war in den letzten zwei Wochen größtenteils wohlwollend - andere wären froh! Doch die SPD gilt als kopflos, die Union als gespalten, die FDP als Ein-Mann-Show, die Linke als unsichtbar und die AfD als inhaltlich substanzlos.

Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter mögen zwar nicht die mitreißendsten Redner im Plenarsaal sein, aber die Reala und der Öko-Linke genießen Akzeptanz beim jeweils anderen Flügel, sie sprechen verschiedene grüne Milieus an, und bauen Brücken auch über Parteigrenzen hinweg: Besonders Göring-Eckardt gibt gerne Doppelinterviews mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer oder mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner.

Partei erfolgreich und geeint wie nie

Ihr größtes Verdienst war in den letzten zwei Jahren aber die gute Zusammenarbeit zwischen Fraktion und Partei. Kaum jemals waren die Grünen so geeint und so erfolgreich bei Wahlen wie unter ihren neuen Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck. Die beiden stehen - auch medial - oben an Deck, während die Fraktion im Maschinenraum ackert.

Ihre Sachkompetenz bewiesen die grünen Parlamentarier vor zwei Jahren bei den Jamaika-Sondierungen. Und Cem Özdemir wähnte sich damals schon als neuer Außenminister, bis Christian Lindner diesen Traum wie mit einer Stecknadel zum Platzen brachte.

Özdemir kein Teamspieler, aber jederzeit ministrabel

Heute also die nächste Niederlage für Özdemir, auch wenn die Grünen ganz genau wissen: Sie werden ihn noch brauchen, sollten sie den Sprung in die Regierung doch mal wieder schaffen. Özdemir ist kein guter Teamspieler als Partei- oder Fraktionschef - auch deshalb ist er heute unterlegen. Aber ministrabel wäre er jederzeit, das sagen nicht nur seine Anhänger.

Die Grünen haben offensichtlich dazu gelernt: Statt Personal- und Flügeldebatten setzen sie auf Themen, in diesem Klima erst recht. Die Kunst besteht jetzt vielmehr darin, die Geduld zu bewahren. Das Momentum für eine grüne Umwelt- und Wirtschaftspolitik war nie größer als jetzt, doch eine Regierungsbeteiligung, wann und mit wem - all das ist unberechenbarer denn je. Diese Spannung auszuhalten, eine Macht ohne Mandat - das ist derzeit die größte grüne Herausforderung.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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