Freitag, 27. Mai 2022

Gescheiterte Impfpflicht
Niederlage im Kampf gegen die Pandemie

Eine Mehrheit im Bundestag hat gegen einen Kompromiss gestimmt, der eine Impfpflicht ab 60 Jahren vorgesehen hätte. Das sei eine verpasste Chance, kommentiert Volkart Wildermuth. Denn sie hätte allen gezeigt: Die Zeit der gemeinsamen Anstrengung ist noch nicht vorbei.

Von Volkart Wildermuth | 07.04.2022

Der Deutsche Bundestages stimmt der Sitzung über eine Impfpflicht gegen das Coronavirus ab.
Der Deutsche Bundestag hat über eine Impfpflicht gegen das Coronavirus abgestimmt. (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)
Bei den aktuellen Inzidenzen waren heute wohl auch ein paar Coronaviren mit im Bundestag. Sie dürften sich freuen. Denn eine Impfpflicht hätte ihren Spielraum eingeschränkt. Dieses Mittel ist nicht perfekt, bietet keine absolute Sicherheit.
Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen: Wie sehr eine Impfpflicht die Impfquote tatsächlich anhebt, hängt von vielen Faktoren ab. Dem Rückhalt in der Bevölkerung, den Schlupflöchern, der Konsequenz bei der Durchsetzung. Aber unabhängig von der tatsächlichen Wirkung wäre eine Entscheidung des Bundestages für eine Impfpflicht ein deutliches Signal gewesen: Die Pandemie ist noch nicht vorbei, wir halten weiter dagegen, die über 1.500 Menschen, die aktuell in der Woche an und mit Corona sterben, akzeptieren wir nicht einfach schulterzuckend.

Die meisten Einschränkungen sind Geschichte

Aber dazu hat es in freier Gewissensentscheidung nicht gereicht. Überhaupt bröckelt die Coronastrategie. Die meisten Einschränkungen sind Geschichte. Der Gesundheitsminister stellt die Isolationspflicht in Frage. Das alles untergräbt das wichtige Mittel gegen die Pandemie: den Zusammenhalt, der abseits der Minderheit der Impfgegner eben doch besteht.

Dabei zeigen viele Menschen Selbstverantwortung, sind nach wie vor mit Maske unterwegs, testen und isolieren sich im Zweifelsfall. Sie sind sicher auch geimpft. Die Impfung ist nicht perfekt, verhindert Ansteckungen nur begrenzt. Trotzdem halten hohe Impfquoten die Wellen flacher und können dazu beitragen, dass kommenden Herbst weniger drastische Corona-Einschränkungen notwendig werden.

Impfpflicht wäre ein weiteres Element in der Coronastrategie gewesen

Vor allem: Impfungen schützen im Schnitt sehr gut vor schweren Verläufen. Dieser Schutz fehlt nach wie vor über zwei Millionen älterer Menschen in Deutschland. Selbst schuld könnte man sagen. Aber wenn sie erkranken, trifft das alle. Dank der Impfung vieler, wird die Situation auf den Intensivstationen wohl nicht mehr so dramatisch werden, wie zu Beginn der Pandemie. Aber wenn im Winter unnötige Coronakranke mit Grippepatienten und RSV infizierten Kindern zusammenkommen, dann könnten durchaus wieder Operationen verschoben werden. Nur zur Erinnerung: Vergangenes Jahr gab es 9 Prozent weniger Herzinfarkt-OPs, es war schwieriger eine Tumortherapie zu bekommen, von neuen Hüften ganz zu schweigen. Wie gesagt, die Impfpflicht alleine hätte das nicht verhindert, aber sie wäre eben ein weiteres Element in der Coronastrategie gewesen. Vor allem hätten sie allen gezeigt: Die Zeit der gemeinsamen Anstrengung ist noch nicht vorbei. Verpasste Chance, ein guter Tag für Coronaviren.