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StartseiteEuropa heuteEine Partei für Migranten01.06.2016

NiederlandeEine Partei für Migranten

DENK - so heißt eine neue Partei in den Niederlanden, die von zwei türkischstämmigen Abgeordneten gegründet wurde - vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund. Manche ihrer Ziele sind umstritten. Doch es gibt schon prominente Unterstützung - von Sylvana Simons, einer in Surinam geborenen TV-Moderatorin.

Von Kerstin Schweighöfer

TV-Moderatorin Sylvana Simons aus den Niederlanden. (ANP)
TV-Moderatorin Sylvana Simons unterstützt die neugegründete niederländische Partei DENK. (ANP)
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"Warum sollte es eine solche Partei nicht geben? Wenn es das Bedürfnis gibt? Man kann über sie denken, was man will: Sie weiß den Finger in die Wunde zu legen. Sie sorgt dafür, dass wir nicht länger wegschauen, und bringt vielleicht Dinge in Bewegung, die sonst nie in Bewegung gekommen wären!”  

"Es ist nicht nur eine Partei für Immigranten, sondern für alle, die sich ausgeschlossen fühlen und nirgendwo Gehör fanden. Zum Beispiel Menschen, die diskriminiert werden.” 

"Es gibt doch bereits alle möglichen Parteien, warum nicht eine solche?” 

Mit Gelassenheit haben die Niederländer zur Kenntnis genommen, dass sie um eine Partei reicher geworden sind: DENK sieht sich als Gegenbewegung zu Geert Wilders und seiner islamfeindlichen Partei für die Freiheit PVV. "Wir wollen die Rechtspopulisten bremsen”, so Tunahan Kuzu, einer der beiden Parteigründer: 

Der Aufstieg der Rechtspopulisten habe zu einer Verrohung und Verhärtung der Gesellschaft geführt, diese sei vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten, so Kuzu: "Themen wie Integration, Immigration oder Flüchtlingskrise werden nur noch einseitig negativ konnotiert.” Dabei, so Kuzu, "sind wir doch alle Niederländer – egal, woher wir ursprünglich kommen. Die niederländische Staatsbürgerschaft verbindet uns als gemeinsame Identität. Deshalb wollen wir auch eine Partei für alle Niederländer sein – für niederländische Niederländer, türkische, marokkanische, und auch ehemalige Bürger aus den Antillen oder aus Surinam."

Schon 2.600 Parteimitglieder

Tatsache bleibt, dass es sich bei den inzwischen 2.600 Parteimitgliedern zu 80 Prozent um sogenannte Neue Niederländer handelt. Das Parteiprogramm ist umstritten: DENK will, dass jede Gemeinde ein Gastarbeiterdenkmal bekommt und die Migrationsgeschichte im Unterricht ein Pflichtfach. Sie unterstützt nicht nur die AK-Partei des türkischen Präsidenten Erdogan, sondern auch Erdogans Regierungsstil und sein autoritäres Auftreten. 

Dennoch hat sich eine Reihe bekannter Niederländer der Partei angeschlossen. Die prominenteste heißt Sylvana Simons, eine in der ehemaligen Kolonie Surinam geborene und in Holland aufgewachsene TV-Moderatorin, die inzwischen das Gesicht der niederländischen Antirassismusbewegung geworden ist. 

Ihr Beitritt zur umstrittenen DENK-Partei sorgte für helle Aufregung: 

Auslöser waren die rassistischen Hassmails, die Simons bekommt, seit sie sich dafür ausgesprochen hat, die Figur des Zwarte Piet beim Nikolausfest abzuschaffen, weil sie ein rassistisches Symbol sei, das nicht mehr in diese Zeit passe. Die Debatte um den Zwarte Piet, den schwarzen Begleiter vom Nikolaus, eine Art Sarotti-Mohr mit dicken Lippen, Kraushaar und goldenen Ohrringen, spaltet die niederländische Gesellschaft seit Jahren. 

"Ich habe diesen rassistischen Schlamm satt"

Man müsse die Simons umgehend mit dem Bananenboot nach Surinam zurückschicken, forderten ihre Gegner - vor allem männliche weiße Wähler von Geert Wilders.  

Dieser sogenannte shitstorm sorgte für den Wechsel von Simons in die Politik. 

"Weil ich”, so sagt sie, "diesen rassistischen Schlamm satt habe, der täglich über mir ausgekippt wird.

Weil es Zeit sei, dass die Debatte über Rassismus endlich auch in der Politik stattfinde und das Problem erkannt werde.

Beiden Zielen scheint sie einen Schritt näher gekommen zu sein: Denn ihr Beitritt zu DENK hat einen weiteren, noch geschmackloseren shitstorm ausgelöst – und der wiederum großes Entsetzen in der niederländischen Gesellschaft, die bislang ihr Selbstbild einer toleranten Nation hegte, der Rassismus fremd war. 

Simons selbst hat gestern Anzeige erstattet, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Integrationsminister Lodewijk Asscher hat die Beleidigungen und Bedrohungen aufs Schärfste verurteilt. Sogar die konservative Wochenzeitschrift ELSEVIER sah sich genötigt, ein Machtwort zu sprechen. 

 "Komm’ runter auf den Teppich, weißer Mann!”, forderte sie. "Die Niederlande gehören nicht nur dir, sondern auch Sylvana”: Nederland is ook van Sylvana.

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