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StartseiteEuropa heuteMit Kerzen gegen Abschiebung von Kindern17.12.2018

NiederlandeMit Kerzen gegen Abschiebung von Kindern

Die niederländische Asylgesetzgebung gehört zu den schärfsten in Europa. Kinder, die in Holland aufgewachsen sind und das Herkunftsland ihrer Eltern nicht kennen, trifft eine Abschiebung besonders hart. Der Fall von 400 Kindern sorgt in den Niederlanden gerade für breiten Widerstand.

Von Kerstin Schweighöfer

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Im Vordergrund eine junge Frau in einem Kirchenraum. Sie gehört zu der armenischen Flüchtlingsfamilie Tamrazyan, die sich mehrere Wochen in einer Kirche in Den Haag aufhielt, aus Angst vor Abschiebung nach Armenien. (imago/Hollandse Hoogte)
In der Bethelkerk in Den Haag wird seit dem 26. Oktober gesungen und gepredigt um zu verhindern, dass eine armenische Familie abgeschoben wird. (imago/Hollandse Hoogte)
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Einen Handkarren mit 250.000 Unterschriften hat der niederländische Dokumentarfilmer Tim Hofman letzte Woche dem Abgeordnetenhaus in Den Haag übergeben - 250.000 Proteststimmen gegen die Abschiebung von 400 Kindern, deren Asylantrag in allen Instanzen abgelehnt wurde, die aber seit Jahren in den Niederlanden leben und hier aufgewachsen sind:

"Regeln sind Regeln, sagen die Politiker immer wieder, aber das Schöne an der Politik ist ja, dass Regeln geändert werden können", so Tim Hofmann.

"Wir wissen auch, dass Regeln Regeln sind, aber wir sagen: Macht neue Regeln, an die wir uns halten können."

Rund 400 Kindern droht die Abschiebung

Zwar kennen die Niederlande ein so genanntes "Kinderpardon": Minderjährige Asylbewerber, die seit mehr als fünf Jahren hier leben, dürfen trotz eines negativen Bescheids mit ihrer Familie bleiben. Doch mehr als 90 Prozent aller Anfragen wurden seit der Einführung dieser Ausnahmeregelung 2013 abgelehnt. Schätzungsweise 400 Kindern droht deshalb die Abschiebung. Denn ausschlaggebend ist das Kriterium der Mitarbeit: Haben sich die betroffenen Familien zuvor kooperativ erwiesen - oder gegen ihre Rückkehr oder Abschiebung gesträubt?

Ein Paradox, schimpfen viele: Wer hilft schon mit, seine Rückkehr in die Wege zu leiten, wenn er eigentlich bleiben möchte? Ausschlaggebend habe das Wohl des Kindes oder der Kinder zu sein, nicht die Rückkehrbereitschaft.

Das finden auch 40 niederländische Wissenschaftler, die Anfang Dezember einen eindringlichen Appell an die Haager Regierung gerichtet haben: Sie berufen sich auf eine Gesundheitsstudie der Universität Groningen, die zeigt, wie schädlich es für Kinder ist, wenn sie Monate, wenn nicht Jahre in Angst leben müssen und dann aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen werden.

Die niederländische Regierung allerdings hat sich von all dem bislang nicht beeindrucken lassen: Am Kinderpardon in seiner jetzigen Form werde nicht gerüttelt, so der rechtsliberale Premierminister Mark Rutte. Seinen größten Koalitionspartner weiß er hinter sich, die Christdemokraten. So wie die Rechtsliberalen haben auch sie Angst, weiter Wähler an Geert Wilders und seine rechtpopulistische Partei für die Freiheit zu verlieren.

Die beiden kleinen Regierungsparteien der Haager Vierer-Koalition hingegen, die kalvinistische Christenunie und die liberalen D66-Demokraten, plädieren schon seit Jahren für eine humanere Regelung.

Die Kirchen kämpfen auf ihre Weise

Und inzwischen haben auch die Kirchen mobil gemacht: Seit dem 26. Oktober wird in der Bethelkerk in Den Haag ununtergebrochen gesungen und gepredigt - sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang, also auch nachts. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass eine armenische Familie mit drei Kindern, die seit neun Jahren in den Niederlanden lebt, abgeschoben wird.

Denn Asyl können die niederländischen Kirchen im Gegensatz zu den deutschen nur dann bieten, wenn ein Gottesdienst stattfindet:

"Der darf von den Behörden nicht gestört oder unterbrochen werden",

erklärt der Vorsitzende der protestantischen Kirchen von Den Haag Theo Hettema.

Pfarrer aus dem ganzen Land machen mit. Inzwischen werden sie von Kollegen aus Frankreich, Belgien und Deutschland unterstützt. Mehr als 650 sind es. Die Pfarrer wechseln sich ab - wie bei einem Staffellauf. Nur übergeben sie bei diesem Dauergottesdienst kein Staffelholz, sondern eine Kerze:

"Es geht uns nicht um einen Machtkampf mit der Regierung, im Gegenteil", betont Hettema.

"Wir suchen den Dialog, und wir sind auch bereits im Gespräch mit der Regierung. Wir stellen uns nicht über die Gesetze, wir nutzen lediglich den Raum, den sie bieten. Um dafür zu sorgen, dass wir in diesem Land humaner miteinander umgehen. Um das System zu verbessern."

 

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