Dienstag, 16.10.2018
 
Seit 21:05 Uhr Jazz Live
StartseiteTag für TagDialog gegen den Terror02.07.2014

NigeriaDialog gegen den Terror

Die Ratlosigkeit, wie der Terrorgruppe Boko Haram beizukommen ist, scheint allerorten groß. Dabei gibt es in Nigeria selbst durchaus Vorschläge, wie dem islamistischen Terrorismus der Nährboden entzogen werden könnte.

Von Katrin Gänsler

Menschen demonstrieren für eine Suche und Freilassung der entführten Mädchen in Nigeria. (dp/Epa/Str)
Nigeria: International wird die Massenentführung der Mädchen verurteilt. (dp/Epa/Str)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Weiterführende Information

"Wir müssen uns um dieses Land kümmern" (Deutschlandfunk, Interview, 14.06.2014)

Militär will Mädchen geortet haben (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 27.05.2014)

"Die Forderungen von Boko Haram sind unakzeptabel" (Deutschlandfunk, Interview mit Obiora Iké, 17.05.2014)

In Nigeria vergeht kaum ein Tag, an dem keine neuen Gräueltaten von Boko Haram an die Öffentlichkeit dringen. Mal sind es fünf Menschen, die ermordet werden, dann bis zu 500. Seit Wochen sind außerdem mehr als 200 Mädchen in den Händen der Islamisten. Über eines herrscht mittlerweile Konsens: Gerade der entlegene und lange vernachlässigte Nordosten des Landes muss besser durch Polizei und Militär geschützt werden.

Die Ursachen des Terrorismus dürften sich dadurch allerdings nicht bekämpfen lassen. Eine große Rolle spielt für Mathias Kamp deshalb der nigerianische Staat selbst, der sich generell stark wandeln müsse. Kamp leitet die Dialog- und Verbindungsstelle der Hilfsorganisation Misereor in Nigeria und steht ständig mit lokalen Partnern in Kontakt, die auch in Regionen wie dem Bundesstaat Borno arbeiten:

"Das hat mit einer gerechteren Verteilung von Ressourcen zu tun. Das hat mit Entwicklungsleistungen zu tun. Das hat schon mit staatlichen Grundleistungen zu tun, die erst einmal nötig wären, um überhaupt das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Der Staat leistet etwas für uns. Er bringt Entwicklung, kümmert sich um Bildung, kümmert sich um Gesundheit und so weiter, eben das Gefühl zu überwinden, dass man eigentlich von der Regierung in Abuja alleine gelassen ist."

70 Prozent der mehr als 170 Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze

Nigeria ist zwar der achtgrößte Ölexporteur weltweit. Dennoch leben knapp 70 Prozent der mehr als 170 Millionen Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Die Frustration ist groß und gilt als ein Grund, weshalb radikale Ideen im Nordosten auf so fruchtbaren Boden fallen konnten. Schließlich wandte sich Boko Haram gerade in den Anfangsjahren vor allem gegen korrupte politische Eliten. Die religiöse Färbung des Konflikts entstand erst viele Jahre später. Doch wogegen kämpft die Gruppe, die bereits seit zwölf Jahren besteht, heute? Um den Terrorismus wirkungsvoll zu unterbinden, hält Mathias Kamp es für unabdingbar, sich intensiver mit Boko Haram auseinanderzusetzen:

"Dazu müsste man herausfinden: Wer sind die Hintermänner, wer sind die Drahtzieher, wer profitiert von dem Terror, und wer liefert auch die Gelder, die Boko Haram zu Verfügung stehen? Da muss man natürlich auch willens sein, bis in Machtzentrum in Abuja vorzudringen und da zu schauen: Wo sind da die verräterischen Elemente, wo sind die korrupten Elemente, möglicherweise auch in der Armee. Denn wir wissen ja, dass es da auch regelmäßig Warnungen oder Hinweise an Boko Haram gegeben hat."

Ob Soldaten oder sogar Generäle Boko Haram mit Informationen versorgen, wird derzeit intensiv diskutiert. Die Armee bestreitet es vehement. Viele Beobachter halten Verbindungen durchaus für möglich, beweisen lässt es sich kaum. In der Hauptstadt Abuja kennt auch Muhammad Nuru Khalid, Hauptimam der Apo Legislative Quarters Mosque, diese Diskussionen. Um den Terrorismus wirkungsvoll zu bekämpfen, gebe es einen sehr viel einfacheren Ansatz. Denn Boko Haram sei deshalb entstanden, weil in der Anfangsphase niemand radikale Predigten in Moscheen unterbunden habe.

"Das macht es uns sehr leicht zu verstehen, dass die aktuelle unsichere Lage deshalb entstanden ist, weil es kein Gremium gibt, das Religion in irgendeiner Weise reguliert. Das Predigen muss reguliert werden."

Glaubensgruppen und Kirchen sprießen nur so aus dem Boden

Auch das ist ein sensibles Thema. In Nigeria sprießen Glaubensgruppen und Kirchen nur so aus dem Boden. Jeder kann sie gründen. Bereits vor zwei Jahren hatte Senatspräsident David Mark vorgeschlagen, eine Regulierungsbehörde einzurichten. Viele Christen und Muslime empfanden das als Einmischung des Staates und lehnten ab. Imam Muhammad Nuru Khalid wünscht sich indes nur eines:

"Die Verantwortlichen sollten wissen, was sie predigen und wie sie es tun. Außerdem brauchen sie gute Kenntnisse der eigenen Religionen, aber auch ein Grundwissen über andere Religionen, die in Nigeria praktiziert werden. Und sie benötigen eine gute Allgemeinbildung, Wissen über die Welt."

Das beuge radikalen Tendenzen vor, ist sich der Imam sicher. In seiner eigenen Ausbildung sei das selbstverständlich gewesen. Christen und Muslime hätten friedlich zusammengelebt.

"Als man früher einen Christen sah, hat man in ihm einen Freund gesehen oder einen Nachbarn, zumindest einen Nigerianer. Heute ist das nicht mehr so. Wenn man heute einen Christen sieht, fragt man sich: Ist der nicht seltsam? Wenn ein Christ einen Muslim sieht, denkt er: Das ist ein Mörder, ein Blutsauger. All das tut Nigeria gar nicht gut."

Die katholische Kirche in Nigeria setzt deshalb heute stärker denn je auf den Dialog zwischen Christen und Muslimen, die je zur Hälfte den Großteil der Bevölkerung ausmachen. Ralph Madu, Generalsekretär des katholischen Sekretariats in Abuja, ist auch durchaus optimistisch:

"Der interreligiöse Dialog wird gerade sehr stark geführt. So merkwürdig es klingen mag: All die negativen Ereignisse, Entführungen, Morde haben uns unbeabsichtigt doch wieder enger zusammen gebracht."

Auch die Entführung der Schülerinnen von Chibok zeigt das. Welcher Religion sie angehören, ist für die allermeisten Nigerianer Nebensache. Sie wollen nur eines: Die Mädchen sollen unverzüglich zu ihren Familien zurückkehren.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk