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StartseiteTag für TagMit Terroristen reden22.11.2019

NigeriaMit Terroristen reden

Die Miliz Boko Haram terrorisiert seit einem Jahrzehnt den Nordosten Nigerias. Militäreinsätze und Bürgerwehren konnten den Konflikt nicht beenden. Die Hoffnungen ruhen nun auf Imamen und Priestern: Sie sollen als Vermittler agieren.

Von Katrin Gänsler

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Soldat läuft mit einer reaktiven Panzerbüchse an der Schulter an einer Gruppe nigerianischer Frauen vorbei (picture alliance / Florian Plaucheur)
Nigerianischer Soldat in der nigerianischen Grenzstadt Damasak (picture alliance / Florian Plaucheur)

Boko Haram und die 2016 gegründete Splittergruppe Islamischer Staat in der westafrikanischen Provinz – kurz ISWAP – lassen den Nordosten Nigerias nicht zur Ruhe kommen. Bis heute verüben sie zahlreiche Anschläge, überfallen Dörfer und schüchtern die ländliche Bevölkerung massiv ein. Nach Einschätzung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR sind deshalb rund um den Tschadsee mehr als 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als 36.000 Personen sind in den vergangenen acht Jahren ums Leben gekommen. Lange hieß es, dass Boko Haram gegen einen extrem korrupten Staat und dessen Sicherheitskräfte kämpfe. Deshalb müsse es eine politische Lösung geben. Eine einseitige Sichtweise findet in Nigerias Hauptstadt Abuja Atta Barkindo, der das Kukah Centre leitet. Die Denkfabrik wurde vom katholischen Bischof von Sokoto, Matthew Hassan Kukah, gegründet.

Atta sagt: "Ich sorge mich um die westliche Sichtweise, in der es immer heißt: Der Konflikt hat nichts mit Religion zu tun. Nigeria hat ein großes Bewusstsein, wenn es um Religion geht. Die spielt fast überall eine Rolle."

Tatsächlich ist Nigeria, wo 200 Millionen Menschen leben, ein Land, in dem Religion von enormer Bedeutung ist. Politische Debatten wie private Gespräche drehen sich schnell darum. Barkindo fordert deshalb, bei der Suche nach Lösungen Imame und Pastoren einzubeziehen. 

"Ich finde, dass der religiöse Ansatz in Betracht gezogen werden muss, um die Probleme im Norden zu lösen. Im Boko-Haram-Konflikt hat die Regierung doch alles unternommen. Sie hat Waffen gekauft, mehr Soldaten rekrutiert, Jäger und Bürgerwehren aufgestellt." 

Jäger mit spirituellen Kräften

Kleinere Erfolge gab es zwar, aber keinen anhaltenden Frieden. Längst ist auch der Landesregierung des Bundesstaates Borno, Hochburg von Boko Haram, klar, dass sich die Miliz nicht alleine durch Waffen bekämpfen lässt. Im Oktober kündigte Gouverneur Babagana Zulum an, 10.000 Jäger rekrutieren zu wollen. Sie kennen das Terrain gut, auch sollen sie besondere Amulette tragen, die sie, so der Glaube, in Kämpfen vor Verletzungen schützen. In diesem Zusammenhang wird auch über Imame und Priester als Vermittler spekuliert. Einfach umsetzen lässt sich das nach Einschätzung von Nuruddeen Lemu aber nicht. Der Imam ist Forschungsleiter am Da’wah Institut in Minna, der Hauptstadt des Bundesstaates Niger.

Er sagt: "Ein Umfeld, in dem Menschen ermordet werden, ist sehr militarisiert. Es ist nicht geeignet für einen Dialog. Es ist für keine Seite sicher. Wer Boko Haram unterstützt, gibt seine Identität besser nicht Preis. Das gilt auch, wenn man gegen die Gruppe ist."

Die Angst, offen gegen Boko Haram zu predigen, ist im Nordosten schließlich noch immer groß, sagt Imam Lemu.

Er erzählt: "Es gibt viele Islamgelehrte, die sich gegen Boko Haram ausgesprochen haben und ermordet worden sind. Darunter waren Sheik Ja'afar und Sheik Albani, ganz hervorragende Gelehrte. Andere sind ins Exil gegangen, etwa nach Malaysia, den Niger oder Saudi-Arabien. Boko Haram hat schnell verstanden: Diese Gelehrten haben die Rekrutierung von neuen Mitgliedern verhindert."

Dafür ist auch ein gutes Wissen über die eigene Religion hilfreich.

Der Imam sagt: "In den tradiionellen Koranschulen hat man herausgefunden: Je länger die Schüler lernen, desto seltener schließen sie sich Terrorgruppen an. Wer ein besseres Wissen über seine Religion hat, lässt sich weniger leicht rekrutieren."

Vermutlich deshalb haben in den vergangenen Monaten Anschläge auf Kirchen, Moscheen und Marktplätze wieder abgenommen. In den Fokus gerückt sind stattdessen Militärposten und Kasernen. In allen Strömungen des Islam gilt es als verboten, im Krieg Frauen und Kinder anzugreifen. Je besser man seine Religion kennt, desto weniger werden Tabubrüche akzeptiert.

Ein Fehler darf nach Einschätzung von Abdulbasit Kassim allerdings nicht gemacht werden. Es helfe nicht, die Terrormiliz in der Öffentlichkeit bloß zu verurteilen und als Monster darzustellen. Kassim ist Doktorand an der Rice University im US-amerikanischen Houston und Autor des Buches "Die Boko Haram Doktrin".

"Wir dürfen uns nicht selbst belügen"

Er sagt: "Es ist sehr wichtig, das Thema nicht einseitig anzugehen. Man muss Überzeugungsarbeit leisten, anstatt Dinge zu verdammen. Die Täter müssen selbst überzeugt sein, dass sie massiven Schaden angerichtet haben."

Weit weniger von der Wirkung von Imamen und Pastoren im Anti-Terrorkampf ist jedoch Ebenezer Obadare überzeugt. Er ist Soziologieprofessor an der Universität Kansas.

"Natürlich können sie ein Teil der Lösung sein. Wir dürfen uns allerdings nicht selbst belügen und denken: Religiöse Meinungsführer bringen uns aus dieser Situation heraus. Sie verfolgen nämlich ihre ganz eigenen Interessen."

Vergessen würde bei der Diskussion außerdem der ganz entscheidende Punkt, sagt Ebenezer Obadare:

"Auch Boko Haram muss an einem Dialog interessiert sein. Es reicht nicht, dass Imame und Pastoren miteinander sprechen. Bisher sieht es aber nicht danach aus, dass Boko Haram zu Gesprächen bereit ist."

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