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StartseiteInterviewNigerias Schuldenmisere17.03.2005

Nigerias Schuldenmisere

Interview mit Susanne Luithlen, von der Nichtregierungsorganisation "Erlassjahr"

Angesichts des Besuchs von Nigerias Staatspräsident Obasanjo hofft die NGO-Vertreterin Susanne Luithlen, dass Deutschland den Reformkurs des hochverschuldeten afrikanischen Staates unterstützt. Nigeria brauche dringend einen Schuldenerlass. Dieser werde aber bislang nicht gewährt, obgleich Nigeria schlechtere Rahmenbedingungen aufweise als Länder, die entschuldet werden.

Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo (AP Archiv)
Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo (AP Archiv)
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\"erlassjahr.de - Entwicklung braucht Entschuldung\"

Durak: Nigerias Staatspräsident Obasanjo kommt heute nach Deutschland und bringt die Finanzministerin seines Landes mit. Offensichtlich soll es auch um Geld gehen, Geld, das Nigeria dringend braucht, denn, obwohl es eines der ölreichsten Länder der Erde ist, herrscht Armut im auch bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Ein Schuldenerlass könnte helfen wie auch in anderen Ländern, wird Nigeria aber verweigert, auch von Deutschland. Nun also der Besuch des Präsidenten. Susanne Luithlen ist Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation Erlassjahr. Diese Organisation vereint Experten vor allem für die Entschuldungen in dieser Welt. Frau Luithlen, weshalb verweigert denn Deutschland eigentlich den Schuldenerlass?

Luithlen: Das offizielle Argument ist, dass Nigeria nicht zu der Gruppe gehört, die grundsätzlich Schuldenerlass erhalten kann, weil Nigeria nicht nur von der Entwicklungsassoziation IDA Geld ausleihen kann, sondern auch angeblich von der Weltbank als solches. Das hat es allerdings seit elf Jahren nicht mehr getan. Ansonsten sind alle Kriterien in der Regel schlechter als bei den Ländern, die entschuldet werden, weil Nigeria groß ist und insofern mehr Geld im Spiel ist, aber das sind eigentlich Vorwände.

Durak: Weshalb leiht Nigeria dort nicht Geld aus, wo es könnte?

Luithlen: Weil es das eben faktisch gar nicht könnte, weil es eben zu arm ist.

Durak: Also ist es ein Hin- und Hergeschiebe finanztechnischer Art?

Luithlen: Man sagt einfach, formal könnten sie es, auch wenn sie es faktisch nicht können. Man weigert sich eigentlich an diesem Punkt, dem Status quo und den Fakten ins Auge zu sehen und ihm dann auch, was den Status des Landes angeht bei der Zuordnung zu den Ländergruppen, die die Weltbank hat, Rechnung zu tragen.

Durak: Und Sie vermuten andere Gründe dahinter?

Luithlen: Da es hier um mehr Geld als bei den anderen afrikanischen Ländern, weil Nigeria eben sehr groß ist - es hat 130 Millionen Einwohner und es leben dort mehr arme Menschen als in den zwölf afrikanischen Ländern, die entschuldet werden, zusammen.

Durak: Wie ist denn Nigeria in diese Schuldensituation geraten?

Luithlen: Es ist dort hauptsächlich hineingeraten, weil es sehr lange, nämlich in den langen Jahren der Militärdiktaturen, keinen Schuldendienst geleistet hat, so dass der größte Teil der jetzigen 34 Milliarden Dollar aus Zinsen und Verzugszinsen besteht.

Durak: Und wie kommt es, dass es Nigeria, das so viel Öl hat, nicht gelingt, daraus Kapital zu schlagen?

Luithlen: Das hat sicherlich viele Gründe. Ein Grund ist aber, dass im Verhältnis zu dieser sehr hohen Bevölkerungszahl der Ölreichtum dann zwischen den Fingern zerrinnt und Nigeria pro Kopf der Bevölkerung lediglich 50 Cent am Tag einnimmt über das Öl.

Durak: Ist das der einzige Grund?

Luithlen: Nein, das ist sicherlich nicht der einzige Grund. Ein weiterer Grund ist, dass die Korruption im Lande grassiert, dass Investitionen durch das Öl fehlgeleitet worden sind, was in vielen Ölländern der Fall ist, wie gerade gestern auch wieder eine Untersuchung gezeigt hat.

Durak: Was hat diese Untersuchung gezeigt?

Luithlen: Dass viele der Ölländer erstaunlich wenig Wirtschaftswachstum haben und dass Probleme wie Korruption, Fehlinvestitionen in den ölfördernden Länder größer sind als im Durchschnitt der Entwicklungsländer.

Durak: Also hat doch Nigeria auch, so wie sie es jetzt beschreiben, einen hohen Anteil eigener Schuld an der Misere, in der sich das Land jetzt befindet?

Luithlen: Ja, Nigeria vielleicht als Land, wenn man jetzt die Zeit von Militärdiktaturen, die ja vom Westen ja nicht immer entschieden zurückgewiesen worden sind, als Schuld bezeichnet. Ich denke, dass es wichtig ist, zu sehen, dass die jetzt endlich demokratische Regierung Reformen entschlossen einleitet und Bewegung in dieses Riesenland bringt mit Blick auf eine offene, faire und gerechte Gesellschaft.

Durak: Ist Nigeria mit diesem Reformkurs irgendwie vergleichbar mit anderen afrikanischen Ländern beispielsweise?

Luithlen: Es ist sicherlich nicht das einzige afrikanische Land, was Reformen einleitet, aber es ist sicherlich ein Land, das es besonders schwer hat, weil es eben besonders lange unter schlechten Verhältnissen gelitten hat, und es ist auch besonders entschlossen in seinen Reformkurs.

Durak: Das wird aber offensichtlich von den Geberländern oder den möglichen Geberländern nicht quittiert?

Luithlen: Bisher wird es nicht quittiert. Ich denke, das ist ein Anliegen, was Obasanjo mit nach Berlin bringt, Werbung zu machen für seine Regierung, für den entschlossenen Reformkurs, für das Programm zur Erneuerung der Gesellschaft und der Wirtschaft, das er vorgelegt hat, und den Glauben, dass Nigeria auf einem guten Weg ist, zu stärken.

Durak: Welche Hoffnungen, denken Sie, darf sich der Präsident eigentlich machen bei seinem Deutschlandbesuch?

Luithlen: Das ist natürlich letzten Endes Spekulation. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung bemerkt, dass es hier darum geht, Reformen von Demokratisierung zu unterstützen, und dass das aus meiner Sicht auch die Glaubwürdigkeit, wenn es um Partnerschaft und Kampf gegen Terror und ähnliche Dinge geht, sehr erhöhen würde, sich entschlossen hinter eine solche Regierung zu stellen.

Durak: Nun ist ja der Westen nicht die einzige Adresse in solchen Fällen. Nigeria ist ein afrikanisches Land. Afrika ist ein ansonsten auch sehr stolzer Kontinent. Welche innerafrikanischen Hilfen gibt es denn?

Luithlen: Also innerafrikanische Hilfen an diesem Punkt, was das Schuldenproblem angeht, glaube ich, sind jetzt nicht zu erwarten, denn Nigeria hat fast alle seine Schulden bei den Mitgliedern des so genannten Pariser Clubs, der Vereinigung der Gläubigerstaaten, und da dort 85 Prozent der Schulden bestehen, wäre auch dort die Lösung für das Schuldenproblem zu suchen. Der Pariser Club muss politischen Willen haben.

Durak: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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