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Nikolaus Harnoncourt "Über Musik"Musik als Sprache der Emotion

Glück und Freude – oder Unglück, Hass, Schmerz: Musik ist der Ausdruck dessen, was der Vernunft nicht zugänglich ist. Dieser Grundgedanke zieht sich durch die Reden und Essays Nikolaus Harnoncourts, die in einem neuen Band erschienen sind. Seine Frau Alice Harnoncourt hat dafür seinen Nachlass gesichtet.

Von Raliza Nikolov

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Schwarz weiße Aufnahme des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt vor dem Orchester. (imago / Leemage)
Beschäftigte sich immer wieder mit der Bedeutung und Rolle der Musik: der 2016 verstorbene Dirigent Nikolaus Harnoncourt (imago / Leemage)
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Die Entschlossenheit und Beharrlichkeit, die Nikolaus Harnoncourt als Cellist und Dirigent ausgestrahlt hat, ist auch seinen Texten eigen. Sie haben einen unverwechselbaren Ton, sind von tiefsinnigem Humor durchzogen. Er hat gern kräftige Begriffe gewählt – deshalb auch der bemerkenswerte Untertitel "Mozart und die Werkzeuge des Affen".

"Es ist ein Zitat von ihm, nebenbei gefallen in einer Rede. Ich wollte Aufmerksamkeit erregen."

Logik - und Fantasie

Die Rede hielt Nikolaus Harnoncourt 1991 zum 200. Todestag Mozarts in Salzburg. Er sprach dort von zwei Ebenen, in denen wir Menschen denken können und müssen:

"Die eine ist unbezweifelt und unbestritten die Logik, das rationale Denken, die Vernunft – diese Denk- und Sprechweise führt zum ‚Fortschritt‘, aber, da ihr Moral und Mitgefühl prinzipiell fremd ist, auch zu Mord und Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung. Sie ist im Grunde nur die riesenhafte und logische Steigerung der Hilfsmittel, die auch der Affe nützt, wenn er einen Stein zum Knacken der Nuss nimmt – ist im Grunde primitiv."

"Das ist eigentlich der springende Punkt, wie wichtig die Kultur für uns Menschen ist. Sonst sind wir einfach wirklich Maschinen oder Affen oder Tiere, die sehr klug sind und alle möglichen Sachen entwickeln und forschen, das ist alles schön und gut. Aber wenn wir nicht die zweite Seite der Kultur haben und pflegen, was sind wir dann? Und das wird in der Erziehung und im Dasein heutzutage sehr unterbelichtet. Darüber hat er viel nachgedacht und gesprochen, weil es ihm wahnsinnig wichtig ist, dass wir uns um die Kultur kümmern, also nicht nur Musik, aber auch. Und die Musik ist natürlich ganz was Besonderes, weil sie die Sprache des Unsagbaren ist, und das ist doch etwas ganz Außergewöhnliches."

Der Ebene der Logik steht also die andere Ebene gegenüber: Sie sei anscheinend gar keine eigentliche Denkweise, sagt Harnoncourt, sie folge offenbar irrational dem Herzen, ihre Hauptantriebe seien Phantasie und Liebe, sie entziehe sich der Beschreibung, weil sie nicht der Logik folge; Ja und Nein seien nicht so scharf getrennt:

"Schönheit und Wahrheit sind hier wohl fast identisch. Alle Dummheiten, die das rationale System erträglich machen, entstehen, weil das phantastische Denken hineinregiert. Sogar die Wissenschaft wird erst interessant, wenn sie von der Phantasie gestört wird. Aus der Denkweise des Herzens entsteht die Kunst. Kein Affe will den Stein, mit dem er die Nuss aufschlägt, mit einer Skulptur verzieren oder seine Schreie zu einem Gedicht oder Lied formen."

Musik - Sprache der Emotion

So nachzulesen in dem Buch "Über Musik". Alice Harnoncourt hat für diesen Band 15 Essays beziehungsweise Reden ihres Mannes, die zwischen 1965 und 2006 entstanden sind, ausgewählt.

Grundtenor: Musik ist die Sprache der Emotion, Ausdruck dessen, was der Vernunft nicht zugänglich ist: Glück, Freude, Friede – oder Unglück, Hass, Schmerz.

"Es leuchtet mir ein, was manche Philosophen sagen, dass es die Musik – die Kunst ist, die den Menschen zum Menschen macht. Beethoven sagte das sehr deutlich in seinem Prometheus: Die Kunst ist ein unerklärliches Zaubergeschenk, eine magische Sprache, ein Wunder."

Nikolaus Harnoncourt kommt in seinen Essays immer wieder auf verschiedene Grundgedanken zurück, man könnte von Kernthesen sprechen, etwa, dass es ein großer Fehler sei, die Musik aus der Mitte unseres Lebens zu verdrängen.

"Viele Jahrhunderte lang war die Musik, wie alle anderen Lebensäußerungen auch, in lebendigster Beziehung zum Leben der Zeit. Musik im Barock ist ja immer ‚Klangrede‘."

Kurze Texte, große Fragen

Die von Alice Harnoncourt ausgewählten Texte Nikolaus Harnoncourts handeln von "Aufführungspraxis" und von "Authentizität und Werktreue", von den "Wurzeln der abendländischen Musik bis zur Revolution um 1600", es geht um die Klangästhetik Monteverdis, um "Die vielen Arten von Cembalo", um "Zeitgeist, Mode und Wahrheit".

Alice Harnoncourt sagt, warum das Buch heute noch relevant ist:

"Es ist für Musiker, finde ich, besonders interessant, die könnten alles schon wissen, aber sie wissen es eh nicht. Und auch, finde ich, der Hörer hört anders zu, wenn er gewisse Informationen bekommt. Und diese Dinge finden Sie nicht in Google. Und wenn Sie etwas finden über Musik, dann muss man schon ein bisschen zweifeln, ob das auch stimmt, was da geschrieben ist. Es stimmt nicht immer alles, was gedruckt ist."

Schwer wiegende Sinnfragen

Häufig sind es sehr kurze Texte, in denen aber große Fragen verhandelt werden, über das Genie Mozart, immer wieder über "die Bedeutung und Rolle der Kunst", etwa in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1995. Hier stellt er die Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? Das sind die Themen, die ihn immer, bis zuletzt, beschäftigt haben, so auch in beiden Salzburger Reden 1991 und 1995, sagt Alice Harnoncourt:

"Über den Inhalt der Musik, über den Sinn der Musik, ich finde da kann man nicht genug darüber nachdenken. Vielleicht wiederholt sich etwas in diesen beiden Reden, aber es zeigt, wie wichtig ihm das war. Es waren zwei völlig verschiedene Anlässe, und es waren viele Jahre dazwischen, aber das Grundthema war immer das gleiche von Anfang, den Zugang zur Musik und zur Kultur."

Verblüffend ist, wie aktuell auch die älteren Schriften nach wie vor sind – die versammelten Texte in dem Buch "Über Musik" zeigen den immer hellwachen, immer hinterfragenden Künstler, seine Geisteshaltung, seinen weiten Horizont. Das hat ihn zu manchen vielleicht heute noch überraschenden Einsichten geführt, betont Alice Harnoncourt:

"Bei Kunst kann man nicht von Fortschritt reden, es ist eine Veränderung, aber kein Fortschritt. Und dieser Aspekt ist ihm von Anfang an aufgefallen und war immer wieder vorhanden."

Nikolaus Harnoncourt
"Über Musik. Mozart und die Werkzeuge des Affen"
Herausgegeben von Alice Harnoncourt
Residenz Verlag, 2020. 176 Seiten, 22,00 Euro

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