Montag, 16.09.2019
 
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Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff"Wirtschaftskriege"

Mit der Regierung Trump stehen Handelskonflikte wieder auf der Tagesordnung der Weltpolitik – mit ungewissen Folgen für die internationale Stabilität. Westliche Demokratien können sich aber durchaus behaupten, wenn sie eine Zuspitzung vermeiden.

Von Thomas Fromm

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Buchcover Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff: "Wirtschaftskriege". Im Hintergrund: Schiffscontainer. (Unsplash / Guillaume Bolduc / Herder)
Buchcover Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff: „Wirtschaftskriege“. Im Hintergrund: Schiffscontainer. (Unsplash / Guillaume Bolduc / Herder)
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Die Ansage der Amerikaner war klar und deutlich an jenem Januarmorgen 2018 beim Weltwirtschaftsforum im Schweizerischen Davos. Draußen der hohe Schnee, in einem kleinen Nebenraum des Konferenzzentrums eine Gruppe amerikanischer Diplomaten und Minister. Sie waren gekommen, um der Presse schon mal vorab zu berichten, was von der Davos-Reise ihres Präsidenten Donald Trump zu erwarten ist. Es hatte schon im Vorfeld viel Streit gegeben um US-Strafzölle auf Waschmaschinen und Solarpaneele aus China, und jemand fragte, ob dies nun schon der Handelskrieg sei. Und US-Handelsminister Wilbur Ross, ein 81-jähriger, sehr reicher Unternehmer und früherer Bankmanager, sagte: Handelskriege seien nichts Neues, die gebe es doch jeden Tag. Neu sei, dass jetzt auch die Amerikaner ihren Verteidigungswall hochziehen würden.

Und nicht nur in Europa fragt man sich seitdem: Liegt die Welt noch im Handelsstreit? Oder hat hier schon längst eine Art globaler Handelskrieg begonnen? So gesehen ist es der perfekte Zeitpunkt für das Buch "Wirtschaftskriege, Geschichte und Gegenwart" des Lüneburger Ethik-Professors Nils Ole Oermann und des Rechtshistorikers Hans-Jürgen Wolff.

"Das Paradigma, ein möglichst freier Welthandel sei für alle Beteiligten das Beste, ist in seiner kulturellen Hegemonie nicht mehr unangefochten. Es wird wieder gefragt, ob es womöglich attraktivere nationale Strategien gibt. Die Weltbilder prallen aufeinander, und nicht wenige Wortmeldungen wirken interessengeleitet. Aus alldem könnte sich ein Klima der Konfrontation entwickeln."

Es war eine der großen Lehren aus den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, wie die Autoren schreiben: Demokratisch strukturierte Staaten, die auf Protektionismus verzichten und mit anderen Ländern Handel betreiben, sind seltener in militärische Konflikte verwickelt. Warum auch – sie haben ja andere Prioritäten.

Handelskonflikte sind Kämpfe mit anderen Waffen

Dass aber Wirtschaft, Geopolitik und militärische Eskalation zusammenhängen können, zeigen Oermann und Wolff in einem ausführlichen historischen Teil ihres Buches. Zum Beispiel Frankreich im Zeitalter des Merkantilismus, jene Epoche, in der man stolz darauf war, Stärke zu erlangen, indem man viel exportierte und möglichst wenig importierte Ware ins Land ließ. Handelsbilanzen als Schlachtfeld, die Handelsdefizite der Anderen als "Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln".

Vom 18. Jahrhundert bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, als der republikanische US-Präsident Herbert Hoover meinte, die US-Bürger vor billigeren Importen aus Europa schützen zu müssen. Es war, wie sich herausstellte, das falsche Rezept gegen die schwächeren Währungen und niedrigeren Lohnkosten der alten Welt. Europas Regierungen erhöhten ihrerseits die Zölle, und auf den Zollkrieg folgte die "Great Depression" und ein paar Jahre später der Zweite Weltkrieg. Die Frage, ob solche Zollkonflikte leicht zu gewinnen sind, erübrigt sich also. Bei Handelskriegen gibt es – auf lange Sicht - nur Verlierer. Und so dürfte es auch diesmal sein.

Die Welt wird chinesischer

Oermann und Wolff legen dar, dass Trump mit den Strafzöllen erstens seine Wähler ansprechen und zweitens klare Signale an Europa und vor allem an China senden wollte. Das Land, das dabei ist, den USA den Rang der größten Wirtschaftsmacht streitig zu machen. Indem es auf Freihandel in der Welt setzt, seine eigenen Unternehmen aber weitgehend schützt, zu großen Champions hochzieht und seinen eigenen Markt für Übernahmen abschottet. Es war keineswegs Trump, der das als erster erkannte.

"Präsident Obama hat 2009 das Verhältnis zu China noch mit einem Basketball-Vergleich charakterisiert. Anfangs sei China die deutlich schwächere Mannschaft gewesen, da habe man über ihre Ellbogenstöße noch hinwegsehen können. Aber inzwischen sei der Qualitätsabstand viel geringer, und noch immer fahre China die Ellbogen aus und kein Schiedsrichter ahnde die Fouls. Amerika müsse seine Spielweise überdenken."

Inzwischen ist China ein ganzes Stück weiter als in der Ära Obama. Es hält die Hand über ganze Rohstoffregionen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es investiert weltweit, chinesische Unternehmen bauen chinesische Infrastrukturprojekte mit Hilfe chinesischer Bankkredite – die Welt wird chinesischer, wie die Autoren ausführen. Und macht sich dabei gefährlich abhängig. Das Land hält als Gläubiger US-Staatsanleihen in Billionenhöhe, und es war zuletzt Deutschlands größter Handelspartner.

Konfrontation – oder reden?

China hat, zugespitzt gesagt, einen nicht unerheblichen Teil der Welt ökonomisch in der Hand. Die Frage ist da: Wie lassen sich hier Wirtschaftskriege führen? Sollte man nicht lieber reden? Verhandeln? Trump aber setzt auf Konfrontation – gegen alle und gegen jeden.

"Wenn die Regierung einer mächtigen und reichen Nation lamentiert, sie werde von allen übervorteilt, wirkt das grotesk, weinerlich und schwach. Wenn Verbündete genauso behandelt werden wir Rivalen, wirkt das geschichtsvergessen und empfindungslos. Wenn geschlossene Vereinbarungen achselzuckend durchgestrichen werden, legt das die Axt an einen der wichtigsten Anreize für alle Staaten, sich an das Völkerrecht zu halten. [...] Wenn Großmächte einander mit Wirtschaftskampfmaßnahmen überziehen, steigt nicht selten das Risiko bewaffneter Auseinandersetzungen."

Es ist in diesen Tagen völlig offen, ob sich die Handelspartner in wichtigen Punkten einigen können oder ob die Lage weiter eskaliert. Vieles spricht für Letzteres. In ihrem Vorwort schreiben die Autoren: "Wer zu diesem Buch greift, macht sich vermutlich Sorgen über den Zustand der Welt. Die Sorgen sind berechtigt." Man kann es auch so sagen: Wer zu diesem Buch greift, macht sich nach der Lektüre zwar nicht weniger Sorgen. Aber es hilft, diese Sorgen besser zu verstehen.

Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff: "Wirtschaftskriege. Geschichte und Gegenwart",
Herder Verlag, 272 Seiten, 24 Euro.

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