Dienstag, 17.07.2018
 
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Nina Horaczek und Sebastian Wiese"Informiert euch!"

Noch nie gab es so viele Informationen wie heute. Doch was ist richtig, was ist falsch? Nina Horaczek, Chef-Reporterin beim Wiener Falter, und Rechtsanwalt Sebastian Wiese wollen die Medienkompetenz von Jugendlichen stärken. Ihr neues Buch könnte dabei zum Standardwerk werden.

Von Brigitte Baetz

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Ein Jugendlicher schaut auf sein Smartphone (Foto vom 09.04.18). Alkohol, Nikotin oder Heroin koennen abhaengig machen. Aber auch digitale Medien haben Suchtpotenzial. Das wissen Eltern nur zu gut. Jetzt gibt es erste Therapieplaetze fuer Jugendliche. Sie brauchen Beratung, neue Tagesstrukturen und alternative Beschaeftigungen. An vielen Hochschulen beschaeftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, welche Auswirkungen ein hoher Konsum digitaler Medien hat. Immer mehr Menschen verlieren sich in virtuelle Welten , sagt Pflegewissenschaftlerin Vanessa Jakob vom Institut fuer Medizinoekonomie der Rheinischen Fachhochschule Koeln. (Siehe epd-Bericht vom 10.04.18) Computersucht bei Jugendlichen (imago stock&people/ Stefan Arend)
Ein Jugendlicher schaut auf sein Smartphone (imago stock&people/ Stefan Arend)
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"Fake News" Neue Gefahr oder alter Hut?

Auszug aus "Auf Streife" Ihr Neffe ist in der Mülltonne? Hast Du ein Messer? - Ja, ich hab eins. Wir machen mal auf. - Ihr Neffe, wer ist denn Ihr Neffe? - Der Lukas! - Lukas, wir machen gleich auf.

Auch wenn die SAT.1-Sendung "Auf Streife" von der Anmutung her eine Dokumentation über den Alltag von Polizisten ist, real sind hier nur die Ordnungshüter. Ihre Einsätze aber sind gespielt. Ein klassischer Fall von so genannter Scripted Reality, einer Wirklichkeit, die von Drehbuchschreibern erfunden wurde. Die Autoren widmen diesem Genre ein eigenes Kapitel - das ist durchaus angemessen, wenn man an den Quotenerfolg dieser Sendungen denkt - vor allem bei der Zielgruppe der Heranwachsenden, die gleichzeitig Zielgruppe dieses Buches ist.

Man darf nicht alles glauben, was man im Fernsehen sieht, vor allem, wenn es so zielgenau auf Drama hin inszeniert ist wie die Dokusoaps am Nachmittag oder die Casting-Show Germany's Next Topmodel. Ähnlich sieht es im Journalismus aus. Reißerische Berichte, die auf der Basis von Statistiken entstanden sind, so schreiben Nina Horaczek und Sebastian Wiese, sollten mit Vorsicht genossen werden. Statistiken suggerieren eine Objektivität, die es gar nicht gibt.

"Besonders beliebt sind Tricksereien mit relativen und absoluten Risiken. 'Haiangriffe erreichen Rekordhoch' titelte das Nachrichtenmagazin 'Der Spiegel' in seiner Onlineausgabe. Trotzdem ist nach diesem Rekordjahr (2015) die Zahl der Haiangriffe 2016 noch einmal um ein Drittel angestiegen. Klingt dramatisch, ist es aber nicht. Anstatt sechs (2015) starben 2016 weltweit acht Menschen nach Haiangriffen. Bei einer Weltbevölkerung von 7,5 Milliarden Menschen eine verschwindend geringe Zahl."

Also: Augen auf beim Medienkonsum und Hirn einschalten! Doch die Autoren Horaczek und Wiese machen gleichzeitig deutlich, dass am Vorwurf der "Lügenpresse" so überhaupt nichts dran ist. Denn Fehler oder verfälschende Aussagen in den Medien seien im Allgemeinen keine Absicht, sondern den immer schlechter werdenden Produktionsbedingungen im Journalismus geschuldet:

"Oftmals werden Journalisten von besonders kritischen Medienkonsumenten dann mit dem Vorwurf konfrontiert, gewisse Themen bewusst in ihren Medien nicht zu behandeln. Manch einer sieht darin sogar eine kleinere oder größere Verschwörung. Die Wahrheit ist in den allermeisten Fällen viel simpler: Oft fehlt es einfach an Platz oder an Sendezeit. Oder auch an Personal. Je mehr in den Redaktionen gespart wird, je weniger Korrespondenten es gibt, desto weniger Personal ist da, um journalistische Inhalte herzustellen. [...] Manchmal entscheidet auch einfach der Zufall, ob ein Ereignis zu einer Nachricht wird. An manchen Tagen passiert so viel Wichtiges gleichzeitig, dass es kaum möglich ist, alles Wesentliche in einer Ausgabe unterzubringen."

Mit Meinungsfreiheit richtig umgehen

Was sind Medien überhaupt? Welche Aufgabe nehmen sie in der Demokratie wahr? Wie arbeiten sie? Wie wehre ich mich gegen Mobbing im Netz? Wie erkennt man Fake News? Warum wird die Herkunft eines Täters nicht immer erwähnt? Und warum darf ich nicht alles ins Netz stellen, was ich möchte? Das vorliegende Buch gibt auf all diese Fragen eine Antwort. Das wichtigste Kapitel dürfte aber das über den Begriff der Meinungsfreiheit sein.

"Jeder Mensch hat [...] das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wer allerdings mit dieser Freiheit nicht verantwortungsvoll umgeht, wird in seine Schranken verwiesen. Das hat nichts mit der Unterdrückung unerwünschter politischer Meinungen zu tun. Wer das nicht glaubt, kann jederzeit einen Selbstversuch unternehmen und zum Beispiel bei der nächsten Polizeistelle die 'Meinung' äußern, der Nachbar sei ein lang gesuchter Serienmörder. Diese Äußerung kann schwere Konsequenzen haben - und zwar eher für den Äußernden als den verleumdeten Nachbarn. Denn die Verleumdung eines anderen ist keine Meinung, sondern ein Strafdelikt."

Mit Ruhe und Augenmaß

Ein Satz, den man allen schnell erregbaren Zeitgenossen in den Sozialen Medien und den Kommentarspalten der Zeitungs- und Rundfunkhäuser regelmäßig ins Stammbuch schreiben möchte. Nina Horaczek und Sebastian Wiese ist mit ihrem Buch ein Grundsatzwerk über Medien gelungen, das mit Ruhe, Vernunft und Augenmaß über alle Aspekte zum Thema aufklärt - die Schattenseiten des Medienwandels inklusive der Möglichkeiten von Überwachung und Datenhandel nicht verschweigt, aber auch die Vorteile der Netzkultur mit mehr Partizipationschancen für alle aufzeigt. Es ist für ältere Heranwachsende geeignet - aber auch für Erwachsene.

Nina Horaczek, Sebastian Wiese: "Informiert euch!. Wie du auf dem Laufenden bleibst, ohne manipuliert zu werden"
Czernin Verlag, 256 Seiten, 19 Euro.

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