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StartseiteKultur heute"Das Imperium des Schönen"01.02.2019

Nis-Momme Stockmann in Stuttgart"Das Imperium des Schönen"

Am Schauspiel Stuttgart werden die Lebenslügen der westlichen Gesellschaft verhandelt - während eines Japan-Urlaubs tobt ein heftiger Familienstreit. Unser Kritiker hat einen Psychokrieg zwischen einer Bäckereifachverkäuferin und einem bildungsbeflissenen Philosophieprofessor beobachtet.

Von Christian Gampert

Die Schauspieler Daniel Fleischmann, Martin Bruchmann, Nina Siewert und Marielle Layher in "Das Imperium des Schönen" von Nis-Momme Stockmann am Schauspiel Stuttgart (Björn Klein)
"Das Imperium des Schönen" von Nis-Momme Stockmann am Schauspiel Stuttgart (Björn Klein)
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Uraufführung Vor dem Sturm

Zwei Paare, die Männer sind Brüder, reisen gemeinsam zu einem Ferienaufenthalt nach Japan. Dort kommt es zu einem Zerwürfnis und zu schweren Diskussionen, wie man warum die Welt zu sehen habe. Im weitesten Sinne geht es um Fakten und alternative Fakten.

Es kriselt vor und hinter der Bühne

Tina Lanik musste das nun in knapp drei Wochen inszenieren – nach der Trennung von Regisseurin Pinar Karabulit wegen "künstlerischer Differenzen". Keine leichte Aufgabe, diese Übernahme der Uraufführung am Schauspiel Stuttgart. Denn Nis-Momme Stockmann ist einer der talentiertesten und anspruchsvollsten Stückeschreiber der jüngeren Generation.

Vordergründig: Psychokrieg

Im Grunde hat Nis-Momme Stockmann ein ganz normales Konversations- und Gesellschaftsstück geschrieben, eine Variante von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" für die jüngere Generation und neueste gesellschaftliche Verhältnisse. Zwei Paare, eines hat Kinder, fahren gemeinsam in den Urlaub nach Japan, und in der Fremde kommen lange schwelende Konflikte nun umso heftiger zum Ausbruch. Aber Vorsicht: Das Ganze ist schwierig zu inszenieren.

Weltanschauungstheater

Denn spielt man das naturalistisch herunter, zieht man dem Stück auch die Zähne; dann ist das nur ein netter Psychokrieg unter vielen. Es geht Stockmann aber um mehr: Es werden hier grundsätzliche Weltanschauungen verhandelt – der erfolgreiche, bildungsbeflissene Philosophieprofessor gegen die angebliche Bäckereifachverkäuferin, die aber eigentlich studiert und die Freundin seines Bruders ist. Der manipulative akademische Bildungs- und Tugendterrorist gegen die eher pragmatisch orientierte, aus nachvollziehbaren Gründen am eigenen Wohlbefinden und am Genuss interessierte junge Frau.

Tina Lanik, die erst vor drei Wochen die Regie übernahm, hat das Stück auf das Wesentliche reduziert und die Figuren stark stilisiert. In einem leeren Raum nutzt sie viele artifizielle Elemente, klare Zeichen, Körpergezappel, Schnellsprechübungen, in die Karikatur gezogenen Haltungen.

Menschen kommen sich nicht nahe

Laniks Zugang ist insofern nachvollziehbar, als Nis-Momme Stockmanns voluminöses Stück auch ziemlich viel Monologisches enthält, mit seinem Witz aber auch die Karikatur fast herausfordert. Andererseits nimmt dieser Ansatz Lanik die Möglichkeit, so etwas wie Nähe zwischen den Figuren aufkommen zu lassen. Die sprechen hier nur vordergründig miteinander, meist sprechen sie in Wahrheit fürs Publikum. Der Bildungswächter Falk, der shintoistische Schreine besichtigen will, und die sich ihm widersetzende Maja, die lieber in den Mediamarkt geht, sind so übergrell als Gegensätze konstruiert, dass es manchmal fast wehtut.

Stockmanns Figuren sind glaubwürdig

Stockmann gelingt es aber mit seiner Dialogführung, die Figuren glaubwürdig und alltagsnah zu gestalten, bis hinein in die eine finale Eskalation, Abreise, Trennung.

"Wir müssen beziehungsweise sollten sie akzeptieren, sie ist die Freundin deines Bruders. – Denk doch mal meinen Bruder weg! - Das ist in diesem Kontext nicht möglich. – Natürlich ist das möglich! – Ist es nicht! Das ist doch die Grundvoraussetzung für unsere Verbindung! Denn sonst würden wir ja gar nichts mit ihr zu tun haben! – Eben, das ist mein Punkt. Wir würden nie etwas miteinander zu tun haben, und vor allem würden wir nie miteinander in Urlaub fahren!"

Es hängt alles an den sechs Schauspielern, und die dürfen sich manchmal sehr ungehemmt austoben, sind aber allesamt großartig – sogar die zu chorischem Sprechen verdammten Kinder in ihrem Heilsarmee-Anzug. Marco Massafra macht den fanatischen Gutmenschen-Philosophen, der seinen jüngeren Bruder am Gängelband führt und dessen Freundin bekämpft, mit dem flackernden Blick eines asketischen Mönchs, der seinen Gruppenzwang mit höchstem argumentativen Aufwand betreibt. Und die unglaubliche Nina Siewert stellt sich ihm mit der Kraft einer sexuell emanzipierten jungen Frau in den Weg, die dem ganzen Bildungsgehuber misstraut und lieber mal mit ihrem Freund allein sein will. Martin Bruchmann spielt diesen naiven, verunsicherten Geliebten eigentlich sehr vorsichtig, wird von der Regie aber manchmal in blöde Posen und Schaubilder gedrängt. Katharina Hauter schließlich ist die nur scheinbar angepasste Ehefrau des Philosophenfreaks, die hat im Grunde mehr Energie als ihr Mann.

Was ist guter Ton?

Manchmal, viel zu oft rettet sich die Aufführung in die Performance. Aber auf die lange Dauer schafft sie es doch, die Double-Binds und vielen Widersprüche der Figuren schmerzhaft sichtbar zu machen, die Konflikt-Verleugnung, das falsche Theoretisieren. Für Falk, den Philosophen, gehört es zum guten Ton, jemanden in den Urlaub einzuladen, den er gar nicht dabei haben will. Es sind die Lebenslügen der westlichen Gesellschaften, die hier verhandelt werden. Vor der Tür des japanischen Ferien-Appartements, an einem Felsen und im Nebel liegt übrigens das "Imperium des Schönen". Die unglücklichen Deutschen können es nur von ferne sehen.

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