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StartseiteKommentare und Themen der WocheWegbereiter der heutigen Coronaforschung05.10.2020

Nobelpreis für VirologenWegbereiter der heutigen Coronaforschung

Selten war ein Medizin-Nobelpreis so aktuell und verdient, kommentiert Michael Lange. Die Virologen Harvey Alter, Charles Rice und Michael Houghton entdeckten einst den Hepatitis-C-Erreger. Ihre Methoden haben es im Frühjahr 2020 möglich gemacht, Sars-CoV-2 schnell dingfest zu machen.

Von Michael Lange

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Animation von Hepatitis-C-Viren (imago / Science Photo Library / Roger Harris)
Die Virologen Harvey Alter, Charles Rice und Michael Houghton konnten mit ihrer Forschung viele Menschenleben vor dem Hepatitis-C-Virus retten (imago / Science Photo Library / Roger Harris)
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Virologen sind zu Stars geworden. Seit März 2020 kommt kaum eine Talkshow ohne ihren Virologen aus. Und neben den professionellen Virusspezialisten gibt es in Coronazeiten Millionen Hobbyvirologen, die fleißig mitdiskutieren. Im Fernsehen, im Internet, aber auch auf Marktplätzen oder mehr oder weniger faktenbasiert bei Demonstrationen.

Drei wirkliche Virus-Fachleute, die in den 1980er- und 1990er-Jahren still in ihren Labors tüftelten, erhalten nun in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis für die Erforschung der Hepatitis C, einer Leberentzündung, die von Viren verursacht wird.

Verkündung des Medizin-Nobelpreises in Stockholm (AFP/Jonathan Nackstrand) (AFP/Jonathan Nackstrand)Medizin-Nobelpreis für Entdecker des Hepatitis-C-Virus
Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice. Die drei Forscher haben einen maßgeblichen Anteil am Kampf gegen die durch Blut übertragene Hepatitis geleistet, begründet das Komitee seine Entscheidung.

"Stille Stars" im besten Sinne

Die Arbeit von Harvey Alter, Michael Houghton und Charles Rice liegt zwar circa 30 Jahre zurück, aber selten war ein Nobelpreis so aktuell und so verdient. Denn die Arbeit der drei hat dazu beigetragen, dass Millionen Menschenleben gerettet werden konnten. Immer noch sind 71 Millionen Menschen weltweit mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert – fast so viele Betroffene wie Einwohner in Deutschland leben. Jährlich sterben rund 400.000 Menschen an dieser Krankheit.

Inzwischen konnten dank der Erkenntnisse der drei Virologen Medikamente entwickelt werden. Seit 2014 sind sie auf dem Markt – zunächst allerdings sehr teuer. Nun ist es die Aufgabe der WHO und anderer Organisationen, dass alle Infizierten weltweit die Medikamente erhalten können – zu vertretbaren Preisen. Denn 95 Prozent aller Hepatitis-C-Infizierten kann damit geholfen werden.

Ein Hepatitis-C-Virus (picture-alliance / dpa / Novartis) (picture-alliance / dpa / Novartis)"Wir können eine chronische Virusinfektion bei fast allen heilen"
Der Molekularvirologe Ralf Bartenschlager teilte sich zuletzt Auszeichnungen mit dem frisch gekürten Nobelpreisträger Charles Rice, verstand sich aber immer auch als dessen Konkurrent. Im Dlf beschrieb er Rice als "absolut offen, ehrlich und immer fair".

Wie die drei nun Geehrten selbst betonen, konnte all das nur gelingen, weil sie Jahrzehnte lang frei und ohne Druck forschen konnten. Das ist Wissenschaft, wie sie sein soll, neugierig und engagiert, aber auch sachlich und zurückhaltend. Die drei Virologen sind im besten Sinne "stille Stars", wie Frank Elstner die Nobelpreisträger nannte.

Ein Erfolg der Wissenschaftsfreiheit

Die Coronaforscher von heute stehen auf ihren Schultern. Die Methoden, die damals in den 1980er- und 1990er-Jahren im Verborgenen entwickelt wurden, ermöglichten es im Frühjahr 2020, den Coronaerreger schnell dingfest zu machen und einen Test zu entwickeln.

Die drei Geehrten stehen für eine ganze Generation von Virologen, die frei forschen konnte und durfte. Mit ausreichend Förderung und langem Atem legten sie die Grundlage für den Fortschritt in der Virologie.

Es wäre fatal, wenn das Jahr 2020 als Jahr der Lautsprecher und Schaumschläger in Erinnerung bliebe. Der Nobelpreis zeigt, dass es anders geht. Zum Glück gibt es bis heute solche "stillen Stars", und wir brauchen mehr davon.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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