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StartseiteKalenderblattDer Entdecker der Edelgase23.07.2016

Nobelpreisträger William RamsayDer Entdecker der Edelgase

Die große Entdeckung des schottischen Chemikers William Ramsay lag buchstäblich in der Luft. Er konnte als erster die sogenannten Edelgase aus der Atmosphäre isolieren. Die Tat war das Ergebnis kollegialer Zusammenarbeit mit dem Physiker Lord Rayleigh. 1904 bekamen beide einen Nobelpreis. Heute vor 100 Jahren starb William Ramsay im Alter von 63 Jahren.

Von Irene Meichsner

Die Erde im Weltall, aufgenommen am 26.7.1971 (picture-alliance / dpa / NASA)
In der Atmosphäre fand der Chemiker William Ramsey auch Helium. (picture-alliance / dpa / NASA)

"Übrigens, im Moment beschäftige ich mich mit Stickstoff, aus reiner Neugierde, nicht aus kommerziellen Gründen. Es geht um den Stickstoff aus der Luft, er ist ein bisschen schwerer als derjenige, den man aus Ammoniak gewinnen kann. Gut möglich, dass er noch ein anderes, chemisch inaktives Gas enthält, das man bislang übersehen hat. Womöglich entdecken wir ein neues Element!"

Die Vorstellung, dass die Luft, die wir täglich atmen, eine noch unbekannte Substanz enthalten könnte, war ungeheuerlich. Aber im April 1894 war sich William Ramsay, der Entdecker der sogenannten Edelgase, seiner Sache fast schon sicher, und so fand er es offenbar an der Zeit, seine Frau Margaret geistig darauf vorzubereiten, dass sich etwas Großes anbahnte. Den Hinweis auf die Stickstoff-Anomalie verdankte der 39-jährige Chemiker vom Londoner University College dem berühmten Physiker Lord Rayleigh, der sich seit Jahren mit der relativen Dichte von Gasen beschäftigte. Weil er sich das unterschiedliche Gewicht von Stickstoff aus der Luft und aus Ammoniak nicht erklären konnte, hatte Lord Rayleigh 1892 einen offenen Brief im Magazin "Nature" veröffentlicht.

"Ich bin völlig ratlos, was die Dichte von Stickstoff angeht, und wäre dankbar, wenn mir jemand von den Chemikern weiterhelfen könnte."

Ramsay fand in der Luft auch das "Sonnenelement" Helium

William Ramsay, der am 2. Oktober 1852 in Glasgow geboren wurde, hat auf diesen Appell offenbar als Einziger reagiert. Er schlug Lord Rayleigh vor, eine Luftprobe mit glühendem Magnesium zu behandeln, um den Stickstoff zu entfernen, und von einem eventuell vorhandenen, unbekannten Gas zu trennen. Die beiden Wissenschaftler hielten engen brieflichen Kontakt.

"Ich möchte Sie bitten, noch nichts über das Gas verlauten zu lassen, das ich glaube, gefunden zu haben. Das Ganze könnte sich immer noch als Windei erweisen", schrieb Ramsay im Mai 1894. Anfang August war der Beweis erbracht.

"Ich habe das Gas isoliert! Es wird von Magnesium nicht absorbiert. Ein Irrtum ist ausgeschlossen."

Das neue Element wurde "Argon" genannt, nach dem griechischen Wort für "träge". Wenig später fand Ramsay in der Luft auch das "Sonnenelement" Helium. 1898 folgten Krypton, Neon und Xenon. Die Fachwelt überschlug sich in Spekulationen über den Ursprung und die atomare Struktur der Edelgase, deren Hauptmerkmal darin besteht, dass sie nur unter extremen Bedingungen chemische Reaktionen eingehen.

Der Chemiker genoss hohes Ansehen

"Sogar Studenten wurden von der Epidemie infiziert. Vor lauter Eifer, ihr Wissen über Argon unter Beweis zu stellen, erweckten sie bei Prüfungen manchmal den Eindruck, als ob sie den Sauerstoff als Bestandteil unserer Luft fast schon vergessen hätten", schrieb Ramsays Freund und Biograph William Tilden. 1904 bekam William Ramsay, inzwischen zum Ritter geschlagen, den Chemienobelpreis, Lord Rayleigh erhielt die Auszeichnung für Physik - womit das Preiskomitee auch die beispielhafte kollegiale Zusammenarbeit der beiden Forscher anerkannte.

Ramsays hohes Ansehen spiegelte sich in zahlreichen Ehrendoktorwürden und Ehrenämtern im In- und Ausland wider. Nach seiner Emeritierung zog Ramsay nach High Wycombe in Buckinghamshire, wo er am 23. Juli 1916 starb. Zuletzt hatte er sich auch mit Fragen der Bildungspolitik und Universitätsreform beschäftigt. Bezeichnend für seine Geisteshaltung war seine Begegnung mit Otto Hahn, dem späteren Entdecker der Kernspaltung. Man hatte Hahn eine Stelle in einer Chemie-Fabrik angeboten, und er war eigentlich nur nach London gekommen, um Englisch zu lernen. Doch dann kam alles ganz anders, wie Hahn 1953 in einem Interview erzählte:

"Mein Professor in Deutschland gab mir eine Empfehlung zu dem Sir William Ramsay zunächst nach London, nach England. Ich ging da dahin: Er frug mich, was wollen Sie arbeiten? Ich sagte ihm, das ist mir gleich. Sagt er: Wollen Sie mit Radium arbeiten? Antwortete ich ihm: Ich verstehe nichts von Radium, ich weiß gar nicht, was das ist! Da antwortete er: Das ist die richtige Voraussetzung dazu, man muss unbeeinflusst an seine Arbeiten herangehen. Daraufhin gab er mir ein Präparat, was er für ein verdünntes Radiumsalz hielt, in Wirklichkeit war dieses Salz aber nicht aus Uranmineralien, sondern aus einem uranhaltigen Thor-Mineral abgeschieden, und ich hatte durch reinsten Zufall das Glück, gleich bei Ramsay ein so genanntes neues Element zu entdecken, das ich Radiothor genannt habe."

Ramsay gab dem jungen Mann am Ende noch den Rat, nicht in die Industrie zu gehen, sondern bei der Radioaktivität zu bleiben – was Otto Hahn dann ja auch tat.

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