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StartseiteKommentare und Themen der WocheEiner, der buchstäblich quer kommt22.02.2020

Norbert Röttgen und der CDU-VorsitzEiner, der buchstäblich quer kommt

Ohne dass die Vorsitzende sie gefragt hätte, fühlten sich wieder dieselben Männer berufen, die schon 2018 gegen Annegret Kramp-Karrenbauer um den Chefposten in der CDU gekämpft hatten, kommentiert Joachim Frank. Es passe zu Norbert Röttgen, dass er dieses schön arrangierte Polit-Mikado durcheinanderbringe.

Von Joachim Frank

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Norbert Röttgen, CDU (imago / Ralph Sondermann)
Der frühere Umweltminister Norbert Röttgen habe den Appeal des Intellektuellen und Strategen, meint Joachim Frank (imago / Ralph Sondermann)
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Wenn die CDU-Führung in Berlin meint, ausgerechnet am kommenden Rosenmontag über Personalfragen beraten zu müssen, dann braucht sie sich über närrische Analogien nicht zu wundern. Zumal dann, wenn – wie in diesem Fall – mindestens zwei von denen, um die es geht, im Rheinland zuhause sind.

Der CDU-Elferrat und seine Noch-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer wollten sich auf gar keinen Fall zum Gespött machen, nicht solch eine Lachnummer abliefern wie die Sozialdemokraten mit ihrer DSDSPDCD-Show: Deutschland-sucht-das-SPD-Chef-Duo. Alles sollte so geordnet ablaufen wie der fein choreografierte Aufmarsch der Kölner Prinzengarde beim Rosenmontagszug.

Versälbstständigte Debatte über die K-Frage

Aber das hat schon im Ansatz nicht funktioniert. Konnte nicht funktionieren. Weil Kramp-Karrenbauer glaubte, weiter die Rolle der Chefin spielen zu können, die sie aufgrund eingestandenen Unvermögens doch gerade unter lautem Theaterdonner drangegeben hatte.

In dem Moment, in dem Kramp-Karrenbauer nach dem Erfurter Debakel um die Wahl des dortigen Ministerpräsidenten ihren Rückzug vom CDU-Vorsitz und den Verzicht auf die Kanzlerkandidatur bekanntgab, begannen die Nachfolge-Debatte und die K-Frage sich bereits zu verselbstständigen. "Von vorne" wollte AKK die Sache führen. Von wegen!

Ohne dass die Vorsitzende sie gefragt hätte, fühlten sich – wie selbstverständlich - wieder dieselben Männer berufen, die schon 2018 gegeneinander und gegen Kramp-Karrenbauer um den Chefposten in der CDU gekämpft hatten. Friedrich Merz, Jens Spahn und dazu dann noch Armin Laschet, der sich vor zwei Jahren noch selbst aus dem Rennen genommen hatte, seither aber kaum Zweifel an seinen Ambitionen ließ.

Mögliche Unions-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz, Jens Spahn, Norbert Röttgen und Armin Laschet (imago / Burghard Schreyer / Sepp Spiegl / Ralph Sondermann) (imago / Burghard Schreyer / Sepp Spiegl / Ralph Sondermann)Wer wird neuer CDU-Parteivorsitzender?
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Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass keiner der drei Genannten bisher klar gesagt hat, dass er Kramp-Karrenbauers Job haben und Angela Merkel im Kanzleramt ablösen will, dann gerät das Ganze tatsächlich in die Nähe einer Karnevalsnummer, einer Parodie von Politik.

Gewohnt selbstbewusste Positionierung

Es passt zu Norbert Röttgen, dem früheren Umweltminister mit dem Appeal des Intellektuellen und Strategen, dass er Kramp-Karrenbauers Personalfindungs-Konzept in dieser Woche als Farce dargestellt und damit mutmaßlich zunichte gemacht hat. Just als der nicht erklärte Kandidat zum ersten Noch-Nicht-Kandidaten-Sondierungsgespräch in der CDU-Zentrale erschien, gab Röttgen offen seine Kandidatur bekannt. "Ich bin nicht der Vierte, ich bin der Erste" – so lautete gewohnt selbstbewusst seine Positionierung.

Nun ist die Frage berechtigt, wie ernst Röttgen die Sache mit dem Parteivorsitz und der Kanzlerkandidatur wohl meinen kann, wenn er sie ganz ohne Allianzen, ohne Verbündete angeht und allen anderen Handelnden im Grunde uneingeschränkte Unfähigkeit attestiert. Im Vergleich zu dieser Art Ein-Mann-Betrieb ist Friedrich Merz ja geradezu ein Ausbund an Anschmiegsamkeit und der Teamgeist in Person.

Zwar hat sich Röttgen sich in dieser Woche auch nicht unbedingt als Teamspieler empfohlen. Aber man kann ihm zugute halten, dass er in dieser Phase und im Gegensatz zu den anderen Beteiligten erst gar nicht so getan hat. "Alle sind immer für Team, ich auch - wie sollte man auch dagegen sein", sagte er mit einer beißenden Ironie, die schon fast Büttenredner-Qualitäten hatte.

Röttgen in Umfrage knapp hinter Merz

Dass es in Wahrheit um die Macht, die ganze Macht und nichts als die Macht geht, das legte die Stuttgarter CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann offen, indem sie den ersten Anlauf zur Bestimmung des Partei-Vorsitzes ganz trocken auf einen "Testosteronüberschuss im Westen" zurückführte.

Für so etwas haben übrigens nicht nur Parteifrauen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger generell ein feines Gespür. In einer Umfrage zu den Siegchancen der Herren Merz, Spahn, Laschet und Röttgen landete Röttgen, obschon in der Partei selbst für chancenlos erklärt, nur ganz knapp hinter Merz – und mit weitem Abstand vor Laschet und Spahn.

Dieses Ranking der Demoskopen muss nun keineswegs die tatsächlichen Erfolgsaussichten abbilden. Es spricht im Gegenteil wenig dafür, dass Röttgen die ihm attestierten Sympathiewerte auch wirklich abrufen könnte. Sein gutes Abschneiden zeigt vielmehr, wie positiv elektrisiert das Publikum darauf reagiert, dass da einer buchstäblich quer kommt, von Pflichtbewusstsein redet und das schön arrangierte Polit-Mikado seiner Konkurrenten durcheinanderbringt.

Und das ist in einer wieder mal ziemlich närrischen Woche für die CDU Deutschlands ein echter Erfolg. Ganz ernsthaft.

Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, geboren 1965 in Ulm, gehört seit 1997 der heutigen Mediengruppe DuMont an. Er ist Chefkorrespondent für den "Kölner Stadt-Anzeiger", die Berliner Zeitung und die "Mitteldeutsche Zeitung" Halle sowie Autor der "Frankfurter Rundschau". Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP), des katholischen Journalistenverbands. Frank ist Verfasser mehrerer Bücher zu kirchenpolitischen Themen und Autor zahlreicher Aufsätze für Sammelbände und Fachzeitschriften. 2014 wurde er u. a. mit dem Wächterpreis ausgezeichnet.

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