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StartseiteBüchermarktUnterhaltungsliteratur und Intelligenz schließen sich nicht aus15.04.2019

Norbert Zähringer: "Wo wir waren"Unterhaltungsliteratur und Intelligenz schließen sich nicht aus

"Wo wir waren" von Norbert Zähringer ist ein Roman, der das gesamte 20. Jahrhundert umfasst. Im Mittelpunkt steht der Waisenjunge Hardy, der zum Internet-Millionär aufsteigt. Eine kometenhafte Karriere voller Zufälle, die Zähringer reizvoll mit weniger glücklichen Lebensgeschichten verknüpft und gegenspiegelt.

Von Jörg Magenau

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(Buchcover Rowohlt Verlag, Autorenportrait (c) Isabella Scheel)
Wollte schon als Kind in den Weltraum starten: Norbert Zähringer (Buchcover Rowohlt Verlag, Autorenportrait (c) Isabella Scheel)

Wie viel Zeit und wie viel Raum passen in einen einzigen Roman? Norbert Zähringer reichen 510 Druckseiten, um einen großen historischen Bogen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zu schlagen, drei Kriege, Flucht und Vertreibung inklusive. Aus der rheinhessischen Provinz führen die Ereignisse ostwärts bis ins Baltikum und weiter nach Nepal, Kasachstan und in den Dschungel Vietnams, westwärts bis nach Kalifornien, und falls das noch nicht genug Welt sein sollte, packt Zähringer auch noch das All dazu.

Zentraler Moment: Die Mondlandung am 21. Juli 1969 

Der zentrale Moment, von dem aus er seine Erzählfäden knüpft, ist der 21. Juli 1969, als die Menschheit gebannt vor den Fernsehgeräten saß und zusah, wie Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte. In diesem stillgestellten Augenblick flieht ein Jugendlicher zusammen mit dem fünfjährigen Hardy aus einem grauenvollen Kinderheim, und in einem nahegelegenen Zuchthaus nutzt eine Giftmörderin die Gunst der Stunde, um Blei zu schlucken, und so - wenn nicht ins Jenseits - wenigstens doch in ein Krankenhaus zu kommen. Und so beginnt die Geschichte:

"Der Mond ist versunken, die schwarze Nacht ist da, es gibt kein Zurück."

Hardy ist die zentrale Figur des Romans. Das erste Wort, das er nach langem Schweigen überhaupt spricht, heißt "Mond". Nach seiner Flucht aus dem Kinderheim wird er bald wieder eingefangen und dort in ein altes Fass im Keller gesperrt. Was er hier in der Dunkelheit durchmacht, erzählt er erst viele hundert Seiten und Jahrzehnte später, als er – inzwischen zum schwerreichen Dotcom-Millionär aufgestiegen – in L.A. seiner Jugendliebe wiederbegegnet.

Kometenhafte Karriere eines Waisenjungen 

Betty war es, die Hardy in Neuorth an der Glastür einer Gärtnerei stehen sah und ihn für einen Jungen von einem anderen Stern hielt. Ihr stellte er sich als "Nummer 13" vor, denn im Kinderheim hatte er keinen Namen. Mit Betty spielte er in einem alten, aufgebockten Simca Weltraumfahrt und bastelte aus Kartons Raketen, die ziemlich hoch fliegen konnten, bevor er mit seiner Adoptivmutter und ihrem Liebhaber, einem verwegenen Autor von Groschenheft- und Weltraumabenteuern, zu einer großen Flucht in die Welt aufbrach, die in Amerika endete.

Es ist, als wollte Norbert Zähringer mit diesem Roman zeigen, dass auch ein Menschenleben so spektakulär verlaufen kann wie der Flug einer Rakete. Aus den finstersten Abgründen katapultiert er seinen Helden Hardy in schwerelose Höhen. Zwar sitzt der bei einem späteren Versuch, eine Reise auf die Weltraumstation MIR zu buchen, Betrügern auf und verliert dabei 25 Millionen Dollar. Doch das Geld ist dem Selfmademan zu diesem Zeitpunkt sowieso längst egal; er hat mehr als genug davon. Viel schlimmer ist, dass Hardy, der mit einem Computerspiel und ein paar genialen Ideen steinreich geworden ist, als Millionär überhaupt keine Ziele und Wünsche mehr hat. So weit hinaus sein Leben auch führte, ganz oben droht es spur- und wunschlos zu verglühen. Am Ende des Romans spricht ein riesenhafter Russe, der Hardy nach zur Weltraumstation Baikonur begleitet, aus, worum es geht:

"'Manchmal denke ich, das Leben ist wie eine lange Zugfahrt. Nur ist der Zug die Zeit. Eben noch hat er gehalten, an einem besonders schönen Moment, doch dann fährt er weiter, und wir können ihn nicht stoppen. Wir können ans Zugende rennen und dann durch das Fenster im letzten Wagen auf die Gleise blicken: das Schöne ist immer noch da, aber es liegt hinter uns, und wir können nicht zurück.' 'Das Schöne', sagt Hardy, 'und das Schreckliche.'"

Norbert Zähringer hat in seinen bisherigen Romanen die Kunst perfektioniert, die Zufälle, aus denen sich ein Leben ergeben mag, zu zähmen und daraus so etwas wie ein Schicksal zu zimmern. Gegenüber seinen Figuren besitzt er als Autor eine göttliche Macht. Er kann das Unwahrscheinliche plausibel machen und die fernsten Ereignisse so miteinander verknüpfen, dass daraus eine zwangsläufige Zusammengehörigkeit entsteht. Allmählich fügen sich die verschiedenen Erzählstränge zu einem Sicherheitsnetz, in dem jeder Einzelne aufgehoben ist.

Alles beginnt bei Adam und Eva

Wie die Bibel beginnt auch seine Geschichte mit Adam und Eva. Adam ist Hardys Großvater, der im selben Ort, in dem mehr als ein halbes Jahrhundert später sein Enkel aus dem Heim fliehen wird, die Tochter eines Arztes liebt. Während des Ersten Weltkrieges ist in dem alten Klostergemäuer ein Lazarett untergebracht. Adam und Eva kommen sich näher, während sie einen am ganzen Körper bandagierten Patienten betreuen, von dem nur die Augen zu sehen sind. Das Vorbild, Michael Ondaatjes "englischer Patient", ist da erkennbar. Szenen wie diese haben vielleicht keine Relevanz für den Fortgang der Geschichte, aber sie verweisen auf den Kosmos der Literatur und sind so plastisch erzählt, dass sie sich unvergesslich einprägen.

Adam geht nach dem Ersten Weltkrieg weg, wird Funker auf See und landet schließlich in einer Funkstation im Baltikum. Die Bewegung ins Offene, in die Welt hinaus kehrt sich in der folgenden Generation um. Seine Tochter Martha muss als junges Mädchen einen Krieg später vor der Roten Armee in Richtung Westen fliehen und findet dahin zurück, wo sie ihre Angehörigen vermutet, die in der um Hilfe bittenden Verwandten aber nur die Fremde sehen, die in der alten Heimat am Rhein nichts verloren hat. Die eindrücklichen Erfahrungen dieser Flucht, das Überleben in Baracken und die Umstände, unter denen Martha schließlich sogar zur Mörderin wird, sind die einzigen Passagen in Ich-Form. Zähringer lässt Martha ihre Geschichte selbst erzählen, während er ansonsten als allwissender Erzähler die Regie klug im Hintergrund führt. 

Spiegelverkehrt: Das Glück des Sohnes, das Leid der Eltern

"Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich in Neuorth angekommen bin. Es war ein kalter, nebeliger Samstag im Februar ‚47, und ich sah vor mir das Dorf und habe sofort verstanden, warum mein Vater immer von dort weggewollt hatte. Düster war’s, verstehen Sie? Nicht dunkel, sonder düster, und hässlich war es auch."

Martha ist schwanger, als sie ins Gefängnis kommt. Das ist der Grund, warum ihr Sohn Hardy nach seiner Geburt im Heim landet und nie erfährt, wer seine Eltern sind. Doch der Roman verrät, dass sein Vater ein amerikanischer Soldat gewesen ist, der fünf Jahre später – eben am Tag der Mondlandung – in Vietnam ein grauenhaftes Ende findet. Darüber schreibt Zähringer in Kapiteln, die an US-amerikanische Vietnamkriegsfilme wie "Apokalypse Now" oder "Full Metal Jacket" erinnern. Hier aber fügen sie sich plötzlich in den Kontext der Weltkriege und in ein Leben in der deutschen Provinz. Zähringer schafft es, auch zeitlich und räumlich weit auseinander Liegendes zu verbinden. Fiktion und Wirklichkeit, Zitat und Neuerfindung überlagern sich so, wie sich auch die unausweichliche Zeitgeschichte und die Zufälle des individuellen Lebens gegenseitig bedingen. Dieses postmoderne Spiel erinnert – nicht zuletzt auch wegen der Vorliebe für Raketen – an Thomas Pynchon, den US-amerikanischen Großmeister des komplexen Erzählens.

Zähringer schreibt mit federleichter Eleganz. Seine Sätze sind unaufdringlich, fast zurückhaltend. Er brilliert nicht stilistisch, sondern in der Konstruktion. Er protzt nicht mit Erkenntnissen, sondern gibt die zentrale Frage an die Leser und an seine ratlose Hauptfigur weiter: Was macht das Leben aus? Am Ende ist Hardy absurd reich, aber einsam und unglücklich. Betty, die ihn verlassen hat, sieht in ihm einen, der immer nur vor sich selbst davonläuft – vielleicht vor dem Trauma seiner Kindheit. Ins Weltall hat er es nicht geschafft, aber er gründet eine Firma, die das vielleicht doch noch erledigt. Im Schlussbild sehen wir ihn, wie er alleine im Garten seiner Villa in L.A. noch einmal eine selbstgebastelte Rakete startet:

"Fünf – vier – drei – zwei – eins – Zündung. Die schmale Pappröhre schoss in den karminrot schimmernden Abendhimmel wie eine andere vor vielen Jahren – an einem Tag am Ende des Sommers, über dem Acker hinter der neuen Siedlung, als wir noch träumten und die Welt groß und grenzenlos war."

Ein intelligenter, packender Unterhaltungsroman

"Wo wir waren" ist ein aufwühlendes, großes Leseabenteuer über Aufbrüche und vergebliche Fluchten. Zähringer beweist, dass Unterhaltungsliteratur und Intelligenz sich keineswegs ausschließen. So viel Welt, so viel Geschichte und so viel Leben, klug und spannend ineinander verschlungen, stecken nur selten in einem einzigen Buch.

Norbert Zähringer: "Wo wir waren"
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. 510 Seiten, 25 Euro

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