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StartseiteTag für TagMenschenhandel und illegal geschmuggelte Organe28.03.2014

NordafrikaMenschenhandel und illegal geschmuggelte Organe

In den nordafrikanischen Wüsten und besonders auf der Sinaihalbinsel werden immer häufiger Tote gefunden, denen man gewaltsam Organe entnommen hat. Es handelt sich dabei um Flüchtlinge, die Opfer des Menschenhandels wurden.

Von Corinna Mühlstedt

Die Hand eines afrikanischen Flüchtlings (picture alliance / dpa /  A. Carrasco Ragel)
Menschenhandel ist gerade im Sinai ein großes Problem. (picture alliance / dpa / A. Carrasco Ragel)
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Weiterführende Information

Zwangsprostitution - Schmutzige Geschäfte (Deutschlandfunk, Europa heute, 10.12.2013)

Illegale Geschäfte - Europarat will Organhandel eindämmen (Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 22.11.2013)

Sinai - "Eines der grausamsten Netzwerke des Menschenhandels" (Deutschlandfunk, Interview, 02.08.2013)

Doch nach offiziellen Schätzungen werden derzeit weltweit mehr als 30 Millionen Menschen gefoltert, getötet oder als Sklaven verkauft. Der Vatikan, die Anglikanische Kirche und die höchste Lehrautorität des sunnitischen Islam, die ägyptische Universität von Al Azhar, haben jetzt ein Abkommen unterzeichnet, um gemeinsam gegen den internationalen Menschenhandel vorzugehen.

Die Aktion stärkt all jenen den Rücken, die schon heute auf diesem Gebiet arbeiten. Zu ihnen gehört die eritreische Ärztin und Gründerin der regierungsunabhängigen Hilfsorganisation "Gandhi", Alganesh Fessaha.

"Wir kümmern uns im Sudan, in Libyen und vor allem im Sinai um Flüchtlinge, die Opfer des Menschenhandels wurden. Diese Menschen machen Unglaubliches durch. Sie werden von ihren Peinigern verkauft, von einem Beduinenstamm an den anderen. Man hängt sie an den Füssen auf, vergewaltigt und foltert sie, bis sie schreien. Diese Schreie übertragen die Peiniger dann per Handy an die Verwandten der Opfer in Eritrea, im Sudan oder auch in Äthiopien, um Lösegeld zu erpressen. Zehntausende von Dollar. Wenn die Verwandten sich weigern, zu zahlen, hat das Leid der Opfer kein Ende."

Alganesh Fessaha verließ ihre Heimat Eritrea, um in Italien Medizin zu studieren. Sie blieb als Ärztin in Mailand. Doch das Schicksal ihrer Landsleute, die als Flüchtlinge Opfer von Menschenhändlern werden und zu Tausenden an Europas Grenzen sterben, ließ ihr keine Ruhe. 2003 gründete Alganesh mit anderen Medizinern und Freunden die internationale Hilfsorganisation "Gandhi". Das Ausmaß des modernen Menschenhandels, so die Ärztin, sei erschütternd:

"Wir finden seit einiger Zeit in den nordafrikanischen Wüsten, vor allem im Sinai immer wieder Tote, denen Organe fehlen. Erstmals haben sich nun Augenzeugen bei uns gemeldet, die beobachtet haben, wie Menschenhändler diesen Opfern gewaltsam Organe entnahmen. Wir haben also sogar Beweise für einen illegalen Organhandel. Leider wissen wir noch nicht, in welche Staaten die Organe geschmuggelt und wo sie verkauft werden."

In aller Regel, so Alganesh, seien in den einzelnen Ländern korrupte Beamte in den Menschenhandel verwickelt. Seit den politischen Unruhen in Nordafrika sind die Wüsten-Regionen von staatlicher Seite kaum noch zu kontrollieren. Das gilt auch für den östlichen Sinai. Entlang der geschlossenen israelischen Grenze und dem Gaza-Streifen nützen diverse Rebellen und ägyptische Beduinenstämme den nahezu rechtsfreien Raum für ihre eigenen Zwecke.

Flüchtlinge und Migranten, die aus dem inneren Afrikas vor Hunger, Kriegen und Diktaturen fliehen, werden hierher verschleppt und versklavt. Fast die Hälfte aller Opfer, betont Alganesh, seien Frauen und Kinder. Bei den verzweifelten Versuchen, zumindest einige von ihnen zu retten, bekam die Ärztin vor fünf Jahren unerwartet Unterstützung von einem jungen Beduinen: Sheich Mohammad Ali Hassan Awwad.

"Der Sheich ist ein junger Ägypter von 32 Jahren und Moslem, ja Salafist. Er sagte mir damals: Alganesh, wenn du diesen Leuten helfen kannst und vor allen auch die Öffentlichkeit für sie interessieren kannst, dann helfe ich euch, wo ich kann. Ich wollte ihn genauer kennenlernen, ich war vorsichtig. Aber langsam wurden wir Freunde. Und dann begannen wir, zusammen zu arbeiten. Ich als Christin und er als Salafist. Seine Familie lebt in der Nähe der israelischen Grenze. Seit Sheich Mohammed und unsere Hilfsorganisation dort kooperieren, konnten wir mehr als 500 Flüchtlinge befreien."

Ihre Arbeit vollziehe sich oft unter Lebensgefahr, meint Alganesh nüchtern. In der Regel holten sie die traumatisierten Flüchtlinge nachts aus den Kellern von Privathäusern, in denen ihre Peiniger sie versteckt hielten. Anschließend bringe man sie nach Kairo und übergebe sie dem Flüchtlingsdienst der Vereinten Nationen. Mit seiner Hilfe fänden sie Aufnahme in einem Drittland oder könnten in ihre Heimat zurückkehren.

Das Schweigen und die Untätigkeit vieler europäischer Politiker und Behörden angesichts der haarsträubenden Menschenrechtsverletzungen in Nordafrika ist für Alganesh völlig unverständlich.

"Ich bitte alle Europäer, alles zu tun, damit der Menschenhandel ein Ende hat, nicht nur im Sinai. Wir brauchen gültige Verträge zwischen Europa und den nordafrikanischen Regierungen, sei es in Libyen, Ägypten oder wo auch immer. Verträge, die für die Flüchtlinge sichere Auffanglager und humanitäre Korridore garantieren. Ihr Martyrium in den Händen der Menschenhändler muss aufhören. Die Situation ist eine Schande für alle, die davon wissen, und nichts dagegen tun."

Wer – so wie die Europäische Union – Vorreiter im Bereich der Menschenrechte sein wolle, dürfe dem Menschenhandel vor den eigenen Toren nicht länger tatenlos zusehen, betont Alganesh. Sie hoffe sehr, dass das neue Abkommen zwischen dem Vatikan, den Anglikanern und Al Azhar eine Signalwirkung habe, die politische Schritte beschleunigt.

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