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StartseiteSonntagsspaziergangZwischen Naturverbundenheit und Karibik-Feeling18.09.2016

Nordfriesische Insel FöhrZwischen Naturverbundenheit und Karibik-Feeling

An vielen Stellen lässt sich auf der nordfriesischen Insel Föhr noch die Inseltradition erfahren. Die Insel lockt auch mit ihrer Naturverbundenheit, aber auch mit viel Programm. Lange vorbei sind die Zeiten, dass die Inselbewohner in bitterer Armut nach Amerika auswanderten. Denn heute blüht die Touristikbranche.

Von Dieter Bub

Sandwellen und Restwasser sind bei Ebbe in Nieblum auf der Insel Föhr. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Sandwellen und Restwasser bei Ebbe in Nieblum auf der Insel Föhr. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
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Nicht westwärts, sondern Richtung Dänemark führt unser Weg: in die Friesische Karibik auf die Insel Föhr, deren Touristikmanager zum Start ihrer Kampagne sogar Bananen unter den Gästen verteilt haben. Nicht acht Stunden Flug, sondern 50 Minuten Fähre führen zum Ziel. Der Slogan von der Friesischen Karibik wirkt bis heute. Mit immer neuen Ideen und Attraktionen werden die Gäste seit Jahren gelockt: Jazz goes Föhr, Lesungen, Klassik, Lasershow, Kurkonzert, Musik bis abends um zehn. Und ein Fischmarkt, auf dem außer Makrelen und Krabben der Fisch aus Hamburg angeliefert wird. Ansonsten viel Souvenirs oder ein Föhr Triathlon auf allen drei Inseln. Föhr macht erfolgreich von sich reden.

"Wir begrüßen alle Fahrgäste hier an Bord der 'Nordfriesland' und legen ab zur Reise nach Wyk auf Föhr."

Jimmy Sommerville, Peter Tosh, Bob Marley oder Third World auf Föhr? Nie gehört. Bewusste Täuschung. Eine Karibik in der Nordsee. Ist das nicht eine irreführende Werbung? Für Touristikchef Jochen Gemeinhardt ein wirkungsvoller Joke.

"Nein, wir können selbstbewusst auftreten. Und friesische Karibik ist ja immer wieder ein Thema auf der Insel, aber auch auf dem Festland. Und wir merken einfach, mit diesem Slogan kriegen wir die Leute vom Festland hier auf die Insel. Und wer schon mal hier war, der kann sich davon überzeugen: schönstes Wetter, schönste Sandstrände. Also genau das, was man erwartet."

Schönstes Wetter? Gewiss an manchen Tagen, mit Glück auch ein paar Wochen. Der PR-Mann übertreibt, wie so mancher in seiner Zunft, die das Blaue vom Himmel versprechen. Auf Föhr preist Gemeinhardt dazu neue Attraktionen wie Lasershow, Musik zweimal in der Woche bis abends 22 Uhr oder Konzerte mit Bands am Hafen. Alles im grünen Bereich?

"Natürlich, manche mögen es, manche nicht, aber es ist immer noch naturverträglich. Aber es muss auch ein bisschen Abwechslung sein."

Föhr wird immer beliebter

Dabei gibt es eine andere schleichende Gefahr: die Syltifizierung. Nachdem auf der Promiinsel die Immobilienpreise explodiert sind, legen immer mehr Reiche ihr Geld auf Föhr an. Im Angebot: Häuser für eine Million und mehr, Zwei-Zimmer-Appartements schon mal für 300.000 Euro.

"Es ist schon so, gerade bei den Immobilienpreisen. Wir merken aber gerade, dass die, die sich hier Häuser kaufen, in einem Geldsegment sind, die sagen auf Sylt, das wollen wir nicht mehr. Wir haben die Möglichkeit hier, Häuser zu kaufen, was für uns nicht immer von Vorteil ist. Die Häuser stehen den größten Teil des Jahres leer."

Jürgen Huß von der Buchhandlung BUBU registriert steigendes Interesse. "Diese Inselflucht von der einen Insel rüber zur anderen Insel. Ich behaupte immer, dass wir wir sind, dass wir authentisch sind. Dass die Leute sich einfach hier wohlfühlen. Wir haben ja sehr viel berühmte Namen. Hier können wir uns bewegen. Wir brauchen keinen Bodyguard. Wir müssen keine Autogrammkarten geben. Wir werden hier akzeptiert. Das ist mega-in. Back to the roots, wie es so schön heißt."

Was auf Föhr fehlt ist ein Boulevard wie in Kampen, wo die Reichen und Möchtegern-Promis defilieren und einkehren. Föhr ist anders. Bodenständig. Familiär. Gemütlich. Keine Insel für Protzkis. Urlauber finden noch immer gute preiswerte Angebote für 50/60 Euro. Als alter Föhringer weiß ich: Es lohnt – Föhr bietet viele angenehme Überraschungen und Entdeckungen von und mit gastfreundlichen Einheimischen, die sich und ihren Traditionen treu bleiben.

Viele Traditionen wurden bewahrt

An Festtagen legen die Frauen ihren kostbaren Friesenschmuck an. Es gibt Heimatabende, Feuerwehrfeste mit Blasmusik und, wie in allen Dörfern, das traditionelle Ringreiten. Gelegentlich fühlen sich Urlauber wie im Ausland, wenn sie kein Wort verstehen. Nicht spanisch wie in der Karibik, sondern friesisch.

Die Geschwister Kerrin und Erk verabreden für den nächsten Tag, wer die Enkelkinder in den Hort und in die Schule bringt. Friesisch ist Alltagssprache, wird zu Hause gesprochen, schon im Kindergarten gelehrt. Und hat mit dem Friiskfunk ein eigenes Radio.

Die Föhrer haben sich auch auch in den Liedern des mittlerweile 150 Jahre alten Männergesangvereins Föhr West ihre Tradition bewahrt. "Zog ein junger Mann aus Föhr weit weg übers Wasser": Das Lied handelt von der Sehnsucht eines Amerika-Auswanderers nach seiner alten Heimat. Mehr als die Hälfte der Insulaner suchte im 19. und 20. Jahrhundert das Glück in der Neuen Welt. Von denen, die in den 50er-Jahren in die Bronx von New York, Long Island und Kalifornien auswanderten, kehrte die Hälfte mit guten Ersparnissen nach Hause zurück.

Sonntagmorgen. Die Glocken rufen zum Gottesdienst in Süderende, neben Wyk und Nieblum der kleinsten Kirche auf der Insel. Für Pastor Jess aus Husum hat sich vor vor 14 Jahren der Kindheitstraum von der Pfarrstelle auf einer Insel erfüllt.

"Föhr ist eine ganz besondere Insel, sehr naturverbunden. Aber auch in einer so kleinen Kirche wir Süderende trifft man sehr viel Menschen, die am Sonntag in den Gottesdienst kommen, mit ihrem Gesang den Raum füllen. Es ist eine wunderbare Atmosphäre. Und ich kann nur jedem, der noch nie in einer so kleinen Kirche war auf einer Insel, raten: Geht da mal hin, guckt auch das an. Es ist einfach ein Geschenk für mich, hier Pastor zu sein. Die Leute kommen, weil sie auch im Urlaub Zeit haben, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen. Und wir haben viele Möglichkeiten, Dinge anzusprechen, die man sonst im Alltag nicht mehr ansprechen kann."

Draußen auf dem Friedhof, die für die Insel typischen Grabsteine auf denen die Familienchroniken von Generationen in Sandstein eingemeißelt erzählt werden. Geschichten von Seefahrern, Bauern und Walfängern, unter ihnen von Matthias Petersen:

"Matthias Petersen, geboren in Oldsum den 24. Dez. 1632, gest. den 16. Sept. 1706. Er war in der Schifffahrt nach Grönland sehr kundig, wo er mit unglaublichem Erfolg 373 Wale gefangen hat, sodass er von da an mit Zustimmung aller den Namen 'der Glückliche' annahm; und dessen Frau Inge Matthiesen, geboren den 7. Okt. 1641, gest. den 5. April 1727.”

Stille, von der Natur geformter Strand

Zwei gewaltige Walzähne bilden den Eingang zum über 100-jährigen Friesenmuseum zu den drei Schwestern in Wyk. Dort lässt sich vieles über die Vergangenheit auf Föhr entdecken, zur Geschichte des Walfangs, über die Kapitäne aus Nautischen Schulen, die schon Mitte des 17. Jahrhunderts von Pastor Ricardus Petri begründet wurden. Und über die Auswanderer nach Amerika, die ihre Heimat aus bitterer Armut verließen.

Dazu empfehlenswert das neue "Museum der Westküste" mit Bildern von Bergen in Holland bis Bergen in Norwegen aus dem 18. bis 20. Jahrhundert, finanziert als Mäzen vom Paulsen Legat aus Alkerum, einer Milliardärsfamilie, die auf der Insel die friesische Sprache fördert, Wein anbaut, Immobilien besitzt und der zwei Gaststätten gehören. Im "Museum der Westküste", vor sieben Jahren eröffnet, lohnt architektonisch als auch mit seinen wechselnden Ausstellungen, mit Fotos und Videos, immer wieder einen Besuch.

"Art und Weise" heißt das kleine Geschäft von Hauke Nissen in Oldsum. Hauke, auf Föhr geboren, hat sich den Traum von einem künstlerischen Beruf mit der Musik erfüllt. Dabei sind die Mitglieder seines Orchesters Austernfischer, Möwen, Wind und Wellen. Daraus gestaltet er auf CD's seine Musik, meditative Erinnerungen an die Insel, das Meer, die Natur.

"Meine Lieblingsstelle, das ist ganz klar die Salzwiesen von Oldsum, am Sandstrand, am Naturstrand. Da habe ich eigentlich alles, was ich so liebe an der Natur: die Stille, der von der Natur geformte Strand, die schönen Klänge, die Weite. Die Vögel der Salzwiesen, die Klänge, die Weite, die Nachbarinseln. Ich träume dort einfach. Ich bin dort einfach nur glücklich. Und dort sind viele Lieder inspiriert worden.

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