Montag, 28. November 2022

Kommentar zu Nordkoreas Raketentest
Im Modus des Kalten Krieges

Nordkorea hat erneut eine mutmaßlich atomwaffenfähige Rakete getestet. Diktator Kim setze die Aufrüstung mit Atomwaffen und Raketen ungeniert fort, kommentiert Martin Fritz. Die USA, Japan und Südkorea hätten seiner Strategie nichts entgegenzusetzen.

Ein Kommentar von Martin Fritz | 04.10.2022

Ein Mann betrachtet auf einem Bildschirm Aufnahmen von dem neusten Raketentest Norkoreas am 4. Oktober 2022.
Neue Strafmaßnahmen für den eigentlich verbotenen Raketentest brauche Kim nicht zu fürchten, China und Russland werden den Sicherheitsrat blockieren, so Martin Fritz (Imago / Seokyong Lee)
Mit dem Abschuss einer Mittelstreckenrakete in den Pazifik lässt Nordkorea die Muskeln spielen, während der Westen zum Stillhalten und Zuschauen verdammt ist. Eine Gefahr für das Nachbarland Japan bestand zwar nicht. Die Rakete überquerte den japanischen Norden in mehreren hundert Kilometern Höhe. Aber Nordkorea hat den zivilen Flugverkehr unnötig gefährdet, weil man den Start wie vor fünf Jahren nicht ankündigte.
Vordergründig lassen sich dieser Raketenschuss sowie die übrigen vier Waffentests in den vergangenen zehn Tagen als nordkoreanische Reaktion auf ein gemeinsames Seemanöver von Südkorea und den USA erklären. Dafür war erstmals seit fast vier Jahren ein US-Flugzeugträger nach Südkorea gekommen. Seit Freitag übten Japan, Südkorea und die USA nach fünf Jahren auch wieder zusammen die U-Bootabwehr. Nordkorea wirft den USA regelmäßig vor, durch solche Militärmanöver einen Angriff vorzubereiten.

Testverbot des UN-Sicherheitsrats ignoriert

In Wirklichkeit dienten die alliierten Manöver dem Regime von Kim Jong-un als wohlfeile Ausrede. Schließlich hat es in diesem Jahr bereits 40 ballistische Raketen abgefeuert und damit das Testverbot des UN-Sicherheitsrates systematisch ignoriert. Nach Ansicht von Südkoreas Geheimdienst plant Nordkorea für Oktober oder November auch noch einen unterirdischen Atomtest und den Start einer U-Boot-gestützten Mittelstreckenrakete.
Mit dieser Kampagne nutzt das Kim-Regime die Gunst der Stunde. Die USA sind mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine und ihrer globalen Rivalität mit der aufstrebenden Weltmacht China und dem Brennpunkt Taiwan vollauf beschäftigt. Diese Situation ermöglicht es Nordkorea, nach den Entspannungsversuchen des vorigen US-Präsidenten Donald Trump in den Modus des Kalten Krieges zurückzuschalten.
Der Diktator in Pjöngjang fühlt sich gerade stark wie lange nicht mehr – seine Partner sind einerseits China, das Nordkorea als Pufferstaat braucht, und andererseits Russland als Chinas „bester Freund“. Logischerweise verteidigte Nordkorea denn auch die russischen Annexionen von ukrainischem Gebiet.

Alliierte hilflos, Xi und Putin schadenfroh

Unter diesen geopolitischen Umständen setzt Diktator Kim seine Aufrüstung mit Atomwaffen und Raketen ungeniert fort, um das US-Festland direkt bedrohen zu können. So wie etwa Pakistan sollen die USA Nordkorea als Atommacht akzeptieren und die UN-Sanktionen aufheben. Neue Strafmaßnahmen braucht Kim nicht zu fürchten, China und Russland werden den Sicherheitsrat blockieren.
Schadenfroh schauen ihre Präsidenten Xi und Putin zu, wie die USA, Japan und Südkorea dieser nordkoreanischen Strategie nichts entgegenzusetzen haben. Einen heißen Krieg auf der koreanischen Halbinsel können die Alliierten nicht gebrauchen. Daher bleibt ihnen nichts anders übrig, als Führer Kim hilflos gewähren zu lassen.