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StartseiteInterview"Nicht gleich eine Wiedervereinigung"10.02.2018

Nordkoreanische Einladung an Südkorea"Nicht gleich eine Wiedervereinigung"

Die Einladung des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In zu einem Treffen nach Nordkorea sei nicht so überraschend, sagte Lars Richter vom Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Ähnliches habe es schon 2000 und 2007 gegeben. Möglicherweise stecke noch mehr hinter dem Angebot. Deshalb sei es gut, dass Moon Jae In nicht sofort zugesagt habe.

Lars Richter im Gespräch mit Sandra Schulz

Kim Yo Jong (Mitte) steht mit dem hochrangigen Politiker Nordkoreas Kim Yong Nam (rechts) an einem Tisch im Haus des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In in Seoul.  (PA/dpa/Kim Ju-sung/Yonhap )
Kim Yo Jong, Schwester des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un, im Haus des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In (PA/dpa/Kim Ju-sung/Yonhap )
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Sandra Schulz: Schon seit Wochen gibt es leise Signale der Annäherung im Konflikt zwischen Nord- und Südkorea, jetzt macht der nordkoreanische Machthaber einen Schritt, den manche für völlig überraschend halten, andere für eine logische Fortsetzung. Er lädt den südkoreanischen Präsidenten Moon nach Pjöngjang ein. Einzelheiten von Jürgen Hanefeld. und am Telefon mitgehört hat Lars Richter, er leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Schönen guten Tag!

Lars Richter: Guten Tag, hallo!

Schulz: Was ist da jetzt in Gang gekommen zwischen Nord- und Südkorea?

Richter: Also die Annäherung, die ja mit der Neujahrsansprache von Kim Jong Un angefangen hat dieses Jahr und die sich jetzt mit der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen fortsetzt, scheint sich zu verstetigen. Das ist zunächst mal auf dem ersten Blick natürlich eine positive Sache, gleichwohl für mich kommt diese Einladung eingestandenermaßen nicht überraschend. Seit Tagen wird darüber spekuliert, dass die Schwester Kim Yo Jong ein entsprechendes Schreiben oder eine entsprechende Einladung  ihres Bruders im Gepäck habe. Die ist nun heute ausgesprochen, also richtig überraschend nicht. Und das Zweite: historische Vorbild dafür gibt es ja. Also richtig was Neues ist es auch noch nicht. Es hat schon Gespräche gegeben, in Pjöngjang wohlgemerkt, zwischen südkoreanischen Präsidenten 2000 im Sommer und im Herbst 2007. Also das wäre sozusagen der dritte Besuch, nichts völlig Neues, aber natürlich besser als die Kriegsgeräusche, das Säbelrasseln, was wir jetzt in den letzten Jahren jedoch vermehrt hier gehört haben.

"Moon Jae In hat die Einladung zunächst mal nicht angenommen"

Schulz: Sie verstehen das, wenn ich das richtig sehe, als Annäherung, als so ein langsames Sich-aufeinander-zubewegen, in Klammern: in einem Status quo, den es auch schon mal gab vor dieser letzten Zuspitzung. Also die Attribute Durchbruch oder historisch, die jetzt auch vereinzelt zu lesen waren im Zusammenhang mit diesem Treffen, soweit gehen Sie nicht.

Richter: Ich bin vorsichtig, weil ich natürlich auch ein bisschen so hinter dieser Offerte, also letztlich auch hinter der Teilnahme der Nordkoreaner an den Spielen, und eben jetzt auch an dieser Offerte natürlich die Gefahr erkenne, dass ein Keil getrieben werden soll zwischen Südkorea und den USA oder überhaupt zwischen den Verbündeten hier im nordpazifischen Raum, wozu ja auch Japan gehört. Und erste Irritationen – das hat die Reportage, der Bericht ja gerade auch schon gezeigt –, erste Irritationen gibt es, und ich finde es deswegen ganz gut, dass Moon Jae In – oder nachvollziehbar zumindest –, der südkoreanische Präsident, als dieser Brief überbracht wurde, die Einladung überbracht wurde, nicht sofort zugesagt hat, was möglicherweise auch in seinem Wesen gelegen hätte. Er hat nicht zunächst zugesagt, er hat erst mal gesagt, wir müssen eine entsprechende Atmosphäre, einen entsprechenden Rahmen schaffen, denn er hat ja nun mehrfach im Wahlkampf, der vor einem Jahr lief, Moon Jae In ist erst im Frühjahr in dieses Amt gewählt worden, er hat ja als Kandidat und im Wahlkampf selbst vor einem knappen Jahr immer wieder gesagt, er würde gerne nach Pjöngjang reisen, aber ich denke, er erkennt natürlich auch die realpolitischen Zwänge und hat deswegen diese Einladung zunächst mal nicht angenommen.

"Abwarten, wie es nach den Winterspielen weitergeht"

Schulz: Also die Zurückhaltung da auf nordkoreanischer Seite ist da ein bisschen größer. Das heißt, jetzt im Moment geht die Initiative, der Impuls schon von Nordkorea aus.

Richter: Das kann man so sagen. Das wird damit sehr, sehr klar, aber wie gesagt, ich vermute da doch sehr viel mehr dahinter, als jetzt nur den Wunsch einer Verständigung. Also man wird natürlich jetzt einfach abwarten, auch das ist vorhin angedeutet worden, wie geht das nach den Winterspielen weiter. Es kommen also nach den Winterspielen ja erst mal nach einer zweiwöchigen Pause die Paralympics Mitte März und dann möglicherweise einfach dieses gemeinsame, traditionell im Spätwinter und Frühjahr stattfindende Militärmanöver mit den USA. Das wird stattfinden, wenn auch ein bisschen später, um diesen olympischen Frieden nicht zu gefährden. Man wird also zeigen, wie Nordkorea dann darauf reagieren wird. Ich denke schon, das wird die Nagelprobe dann auch für einen etwaigen Besuch Moon Jae Ins in Pjöngjang.

Schulz: Wird das dann auch die rein logische strategische Antwort auf diese jüngste Zuspitzung, die wir ja sehen, diese sehr schroffe Zuspitzung zwischen den USA und Nordkorea?

Richter: Absolut. Also ich meine, Moon Jae In wird sich, denke ich mir, jetzt natürlich zunächst mal, nachdem die Einladung offiziell ausgesprochen ist, wird sich zunächst natürlich auch mit den USA konsultieren müssen. Also er wird mit Sicherheit jetzt nicht um Erlaubnis fragen müssen. Das zweifelsohne nicht, Südkorea ist ein souveränes Land, aber er wird sich, denke ich, schon konsultieren mit den Alliierten, also mit den USA, möglicherweise auch mit Japan, bei allen Spannungen, die es da also auch heute gerade wieder gegeben hat. Er wird also jetzt nicht einfach so zusagen. Er wird natürlich schon ausloten, inwieweit er, wie weit er da gehen kann. Andererseits, er hatte natürlich in den letzten Tagen und Wochen durchaus auch einen gewissen Spielraum zugesichert bekommen von Trump selbst. Der ist zwar jetzt nicht hier, Mike Pence ist hier, aber Trump hat ihm selbst in den letzten Tagen und Wochen doch durchaus den einen oder anderen Spielraum gelassen.

"Durch die tägliche Bedrohung ist man ein bisschen erpressbar"

Schulz: Aber was heißt denn Spielraum in dem Zusammenhang? Also es gilt ja immer noch die alte Regel, der Feind meines Feindes ist mein Freund, wenn ich es jetzt gerade richtig auf die Reihe bringe. Wie soll Südkorea diesen Spagat da jetzt schaffen?

Richter: Südkorea muss diesen Spagat schaffen. Das ist natürlich sehr anspruchsvoll. Südkorea hat natürlich Interesse daran, dass die Spannungen hier auf der Halbinsel nicht wieder anschwellen. Man muss dazu sagen, das Atomprogramm und das Waffenprogramm ist ja vor allen Dingen ein Problem für die USA. Es gibt immer noch eine ganze Menge Artillerie hier an der Grenze. Die ist das Problem für Südkorea, und das ist ein Problem völlig unabhängig von irgendwelchen technischen Entwicklungen. Das Atomprogramm ist wahrscheinlich noch gar nicht ausgereift, aber die Artillerie ist ein sehr akutes Problem einfach auch hier für den Ballungsraum Seoul, der ja gar nicht so weit weg von der Grenze ist. Also das ist die tägliche Bedrohung letztlich, die man nicht so wahrnimmt natürlich im Alltag, aber die ist da. Das weiß man natürlich, dass man ein bisschen erpressbar ist hier einerseits. Andererseits kann man natürlich jetzt nicht nur, um dann hier auf der Halbinsel irgendwie eine, nicht gleich eine Wiedervereinigung, aber zumindest…

Schulz: Da geht die Leitung in die Brüche zu unserem Partner Lars Richter.

Richter: … aufgeben. Das mag der eine oder andere im Norden hoffen, aber das wird nicht der Fall sein.

Schulz: Lars Richter von der Friedrich-Naumann-Stiftung in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul mit jetzt leider doch technisch erheblichen Problemen zum Schluss. Danke trotzdem Ihnen ganz herzlich für die Einschätzungen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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