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StartseiteUmwelt und VerbraucherMüllsammeln im Vogelschutzgebiet02.09.2016

NordseeMüllsammeln im Vogelschutzgebiet

Plastikkanister und Flaschen, Bojen und Netzfetzen, an den Stränden und Küsten wird jede Menge Müll angeschwemmt. Auch auf den Vogelschutzinseln Scharhörn und Nigehörn, die im Hamburgischen Wattenmeer liegen. Freiwillige haben jetzt versucht, von Greenpeace und vom Verein Jordsand im Einsatz um, den Strand zu säubern.

Von Axel Schröder

Die Insel Neuwerk mit den Inseln Scharhörn und Nigehörn im Hintergund (Im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer) (imago/blickwinkel)
Die Insel Neuwerk mit den Inseln Scharhörn und Nigehörn im Hintergund. (imago/blickwinkel)
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Auf der Nordseeinsel Scharhörn findet man die perfekte Idylle. Auf dem winzigen Eiland weht der Wind durch das Dünengras und die einzigen Menschen, die hier leben, und das auch nur in den Sommermonaten, sind die Vogelwarte in ihrem Wohncontainer. In diesem Sommer haben Vera Kontos und Thomas Kloss den Posten übernommen. Das Paar aus Hessen zählt und beobachtet aber nicht nur die artenreiche Vogelwelt:

"Was auch noch zu den Tätigkeiten gehört, ist Müllsammeln. Wie haben hier eine Strecke am Weststrand, die ist 100 Meter lang, da sammeln wir einmal die Woche Müll, der dort angespült wird. Es geht auch viel um Öl. Kommt hier wirklich Öl an? Sind hier ölverschmierte Tiere? Das wird auch aufgenommen und es geht im Wesentlichen um Trends. Wie verändert sich das, kann man hier etwas beobachten über die Jahre? Das wird schon sehr lange gemacht. Gibt es da eine Zu-, eine Abnahme, Veränderung?

Fernseher und Monitore am Strand

Gestern bekam das Paar Unterstützung von 40 Freiwilligen der Umweltschutzorganisationen "Greenpeace" und "Jordsand". Der "Verein Jordsand" kümmert sich schon seit 1907 um den Vogelschutz an den deutschen Küsten. Früh am Morgen zogen die Naturschützer los, über die Strände von Scharhörn und der noch kleineren Nachbarinsel Nigehörn. Und sie wurden, erzählt Imme Flegel vom "Verein Jordsand", schnell fündig:

"Es waren teilweise auch sehr große Sachen dabei. Zum Beispiel ein Leitpfosten und eine Autobahnsperrung machen auf so einer Vogelinsel echt was her. Und dann haben wir noch Fernseher und Monitore, leider auch sehr, sehr viele Netzreste gefunden. Viel Fischereimüll. Leider immer noch sehr viele PET-Flaschen. Es knackte sehr häufig unter unseren Füßen, wenn wir durch dieses Dünengras gegangen sind. Und erschreckend war auch: Wir haben ziemlich viel Plastikfolien auch gefunden, die teilweise von der UV-Strahlung schon so zersetzt waren, das sie in der Hand schon ziemlich schnell zerbröselten."

Mit der Zeit zerfallen auch alte, über Bord gegangene Eimer, Taue oder Kanister. Dann entsteht, wenn die Teile unter fünf Millimeter groß sind, das sogenannte Mikroplastik, erklärt Lisa Maria Otte von Greenpeace:

"Das findet man tatsächlich in den Mägen von Vögeln. Oder auch im Verdauungstrakt von Fischen. Und es wurde zum Beispiel auch in Muscheln schon nachgewiesen, die man dann ja leider isst. Mit dem Plastik in der Muschel. Mikroplastik kann auch bei uns auf dem Teller landen am Ende."

Mikroplastik landet im Magen der Vögel 

Aber zuallererst verschmutzen die Kleinstteile die Nahrung von Fischen und Vögeln: "Das plakativste Beispiel sind die Eissturmvögel. Wenn man da mal einen toten findet und öffnet, dann hat man im Prinzip immer den Fund von Plastik im Magen. Dann hat man viele bunte Teilchen, die da nicht hingehören. Und der Vogel hat den Eindruck, er ist satt. Er nimmt keine Nahrung mehr auf. Und verhungert mit vollem Magen."

Andere verfangen sich in den angeschwemmten Knäueln von Plastikschnüren. "Das sind diese Geschenkbänder, mit denen man auch Geschenke einpackt. Und die man so toll kräuseln kann. Die sind ja aus ganz widerstandsfähigem Material. Und die halten auch echt lange in der Natur. Und wir finden die in den Nestern der Vögel. Wir finden sie eben an verendeten Vögeln selbst."

Jährlich, so die Umweltaktivistin Lisa Maria Otte, gelangen weltweit bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere. Auch die letzten Probenahmen von Greenpeace aus deutschen Flüssen, aus Rhein, Main und Donau belegen die Wasserverschmutzung mit Mikroplastik. Die Politik müsse handeln, fordert Lisa Maria Otte. Klare Vorgaben zur umweltgerechten Entsorgung von Schiffsabfällen wären ein wichtiger Schritt.

Überrascht war Imme Flegel vom Verein Jordsand aber nicht. Obwohl bei der Sammelaktion am Ende rund zwei Tonnen Müll zusammen kamen. "Scharhörn ist tatsächlich ein Hotspot, weil das eben quasi in der Trichtermündung der Deutschen Bucht liegt. Und die Elbe und Weser auch viel mitbringen und die Schifffahrt eben sehr, sehr dicht vorbeikommt." Herausgekommen ist das bei der letzten Auswertung der zahlreichen, regelmäßigen Müllsammlungen auf den Nordseeinseln und –stränden. Dreiviertel der Fundstücke sind aus Plastik. Und jeden Tag kommen aus unseren Abflussrohren durch die Flüsse neue Plastikteilchen dazu.

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