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StartseiteEuropa heuteDie Rassenlogik der Nazis31.05.2019

Norwegens Deutschenkinder Die Rassenlogik der Nazis

Lebensborn-Heime sollten Kinder im Sinne des nationalsozialistischen Rassenwahns hervorbringen. Mehr als ein Dutzend solcher Heime stand im besetzten Norwegen. Besatzungssoldaten wurden ermuntert, Kinder mit norwegischen Frauen zu zeugen. Die Wunden dieser Kinder sind bis heute nicht geheilt.

Von Gunnar Köhne

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Eine Krankenschwester in einem sogenannten Lebensborn-Heim, ein Verein der nationalsozialistischen SS. (imago stock&people)
Eine Krankenschwester in einem sogenannten Lebensborn-Heim, ein Verein der nationalsozialistischen SS. (imago stock&people)
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Denkmal für eine unermüdliche Mutter

Einar Bangsund hat kurz vor unserem Treffen noch die wöchentliche Trainingsrunde mit seinem Rennrad gedreht. Seine 77 Lebensjahre sieht man dem drahtigen Mann mit dem schütteren, zum kurzen Zopf zusammen gebunden Haar nicht an.

Wir setzen uns in die Küche seiner bescheidenen zwei Zimmer Wohnung in der Dortmunder Innenstadt. Bangsund setzt Kaffee auf. An der Wand über dem Tisch hängt das Plakat einer Ausstellung in Oslo, an der er vor zwei Jahren teilgenommen hatte. Bangsund hat in Dortmund Fotografie studiert.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Vergangenheitsbewältigung - "Deutschenkinder" in Norwegen.

Aber Norwegen – das hört man auch seinem Namen an – ist sein Geburtsland. Zur Welt kam er in der Nordpolarstadt Tromsö, er war das Resultat einer Affäre seiner Mutter mit einem deutschen Wehrmachtssoldaten. Damit waren seine Mutter und er mit einem schweren Makel behaftet. Eine Episode aus der Nachkriegszeit hat sich in Bangsunds Gedächtnis eingegraben:

"Wir hatten einen kleinen Innenhof. Und in diesem Innenhof baute sie mir einen Schneemann. Dann kamen Jugendliche über die Pforte geklettert und zerstörten den Schneemann und verprügelten meine Mutter und mich."

"Deutschenflittchen" wurden die Mütter genannt

Seine Mutter war das, was auch in Tromsö viele ein "Deutschenflittchen" nannten. Sie hatte nicht nur das uneheliche Kind, sondern noch vor 1945 einen anderen deutschen Besatzungssoldaten geheiratet – Bangsunds späteren Stiefvater. Von der eigenen, norwegischen Familie fallengelassen, musste die Mutter sich und ihr Kind nach Kriegsende mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Der deutsche Ehemann war in einem Internierungslager, und Bangsunds Mutter hatte man - wie damals üblich - die norwegische Staatsbürgerschaft entzogen.

1949 sollte die junge Frau nach dem Willen der norwegischen Behörden endlich das Land verlassen. Einar Bangsund geht auf ein Regal in seinem Wohnzimmer zu und zieht eine Mappe hervor, darin vergilbte Dokumente und der rot eingebundene norwegische Pass seiner Mutter.

"Das ist der Pass, der nur für 14 Tage gültig war. Die Reise ging dann über Schweden und Dänemark nach Deutschland. - Eigentlich ein Pass nur zur Ausreise. - Nur zur Ausreise!"

Kinder wurden Nationalsozialisten zur Adoption angeboten

Bangsund nennt sich selbst ein "Lebensborn-Kind". Die von der SS 1935 gegründeten Lebensborn-Heime hatten die Aufgabe, "rasse- und erbbiologisch wertvolle" Kinder für die Elite des Nazi-Staates heranzuziehen. Mehr als ein Dutzend solcher Lebensbornheime - später auch "Himmlers Zuchtstationen" genannt - gab es auch im besetzten Norwegen.

Der Norweger Einar Bangsund, der sich selbst ein Lebensborn-Kind nennt (Deutschlandradio / Gunnar Köhne)Einar Bangsund studierte in Dortmund Fotografie (Deutschlandradio / Gunnar Köhne)

Schließlich entsprachen die Norweger den Rassenwahnvorstellungen der Nazis und deren Ideologie eines "germanischen Urvolkes". Die 350.000 deutschen Besatzungssoldaten wurden ermuntert, mit norwegischen Frauen viele solcher, im Nazi-Verständnis "rassisch wertvoller", Kinder zu zeugen. In den Lebensbornheimen konnten diese Frauen dann entbinden und - wenn gewünscht - ihre Kinder zur Adoption nach Deutschland freigeben. Auch Einar Bangsunds Mutter meldete sich in ihrer Not nachträglich bei der Organisation:

"Und dadurch, dass sie mich und sich selber im Lebensborn registriert hat, bekam sie dann auch Möglichkeiten an Kleidung zu kommen und an einen Kinderwagen, was sie sonst nicht gehabt hätte."

Der norwegische Junge Einar wächst in Schleswig-Holstein bei einem prügelnden Stiefvater auf und erfährt erst als Heranwachsender von seinem leiblichen Vater. Er legt die deutsche Staatsbürgerschaft ab, will nur noch Norweger sein, kehrt dennoch später zum Studium nach Deutschland zurück. Er sucht in den Archiven alles zusammen, was er über seine Herkunft heraus bekommen kann. Seine Mutter will bis zu ihrem Tod darüber nicht reden. Eine eigene Familie hat Bangsund danach nie gründen wollen:

"Ich wusste eines: Was ich gelernt habe, würde ich weitergeben. Also konnte ich keine Kinder kriegen. Ich würde ihnen gegenüber sehr aggressiv sein, sie vielleicht schlagen. Und das wollte ich nicht."

Fotoband über Lebensbornkindern

Einar Bangsund blättert in einem schmalen Fotoband, der vor ihm auf dem Tisch liegt. "Nahaufnahme" lautet der Titel, darin eindringliche Schwarz-Weiß-Porträts von sogenannten Lebensbornkindern, die heute in Deutschland und Norwegen leben. Bangsund hat sie fotografiert. Viele schauen verkniffen und misstrauisch in die Kamera. Die Ausstellung wurde vor zehn Jahren in Deutschland und Norwegen gezeigt. Kaum beachtet, in kleinen Ausstellungsräumen. Der von Einar Bangsund mitbegründete Verein der ehemaligen Lebensbornkinder in Deutschland trifft sich nur noch sporadisch. Aus den Kindern sind alte Menschen geworden, das Interesse an ihren Geschichten ist nicht zuletzt in Deutschland, dem Land ihrer Väter gering. Bangsund klappt das Buch zu. Von der Entschuldigung der norwegischen Regierung gegenüber "Deutschenmädchen" wie seiner Mutter hat er 2018 aus der Zeitung erfahren:

"Ich habe es nur registriert und gar nicht weiter darüber nachgedacht. Ich dachte nur: OK, 70 Jahre danach... Die waren ja alle tot."

Gerne würde er seinen Lebensabend in seinem Geburtsland verbringen, im Norden Norwegens unter Mitternachtssonne und Polarlichtern, sagt Einar Bangsund noch zum Abschied. Aber dafür reiche seine kleine deutsche Rente nicht.

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