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StartseiteKalenderblattSeher, Schwindler oder Dichter? 02.07.2016

NostradamusSeher, Schwindler oder Dichter?

Bis heute werden die stark verschlüsselten Gedichte von Nostradamus als Hinweise auf Krisen, Umwälzungen und Katastrophen der Weltgeschichte gedeutet. Pestwellen und Glaubenskriege soll der Arzt und Astrologe aus der Provence ebenso vorhergesehen haben wie den Aufstieg Hitlers, das Kennedy-Attentat oder den Zusammenbruch der Finanzmärkte. Vor 450 Jahren starb der vermeintliche Wahrsager.

Von Andrea Westhoff

Eine Darstellung des Nostradamus (1503 - 1566) (imago stock&people)
Der Herr der düsteren Visionen: Nostradamus (imago stock&people)
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"Nachts sieht man's von der Sonne tagen –

ein Geschöpf erscheint, halb Mensch, halb Schwein –

Lärm, Geschrei am Himmel, Schlacht geschlagen –

Tiere stellen sich als Redner ein."

Eine der fast 1.000 Weissagungen des Nostradamus. Nächtliche Himmelszeichen, Monster, Höllenlärm: ein Hinweis auf den nahenden Weltuntergang? Oder auf den Ersten Weltkrieg: auf Kanonenfeuer, Soldaten mit Gasmasken und Kampfgebrüll? Möglich ist alles. Der berühmte Seher des 16. Jahrhunderts hielt sich – nach eigenen Aussagen – ganz bewusst "nebulös und verwirrend".

"Denn ich habe begriffen, dass die Menschen am ehesten bereit sind, sich für etwas zu interessieren, wenn man es ihnen geheimnisvoll vorlegt."

Geboren wurde er als Michel de Nostredame 1503 in Saint-Rémy in der Provence, als ältester Sohn einer angesehenen jüdischen Familie, die zum katholischen Glauben konvertiert war. Der Großvater soll ihn früh in mehreren Sprachen, Mathematik und Astrologie unterrichtet haben, bevor er dann Medizin studierte. Eine Weile zog Nostradamus, wie er sich jetzt nannte, durch Europa und erwarb sich dabei mit allerlei Salben und Tinkturen einen gewissen Ruf als Wunderheiler. Deshalb berief man ihn, kaum zurück in seiner provenzalischen Heimat, als Pestarzt. Eine heikle Aufgabe, wie er schreibt:

"Die Ansteckungsgefahr ist so groß und bösartig, dass eine Annäherung auf nur fünf Schritt an einen Pestkranken genügt, sich zu infizieren."

"Es droht uns Glaubensfanatismus in Kriegsgewalt…"

Doch Nostradamus selbst erkrankte nie. Nachdem er sich 1547 in Salon-de-Provence niedergelassen hatte, arbeitete er nur noch gelegentlich als Arzt. Stattdessen erstellte er nun Horoskope und schrieb historische Jahrbücher, in denen er mehr und mehr auch zukünftige Ereignisse vorhersagte.

"Es droht uns Glaubensfanatismus in Kriegsgewalt ...
Pest, Hunger, Tod von Söldnerhand ...
Verbrannt-verdörrtes Land in Trockenheit verschmachtet ..."

Zumeist waren es düstere Visionen, die Nostradamus in Vierzeiler fasste. 1555 wurden die ersten dieser Quatrains gedruckt, jeweils zu 100, den Centurien, zusammengefasst. Darunter fand sich auch jene Prophezeiung, die seinen Ruf als Seher begründete:

"Der junge Löwe überwindet den alten, auf dem Schlachtfeld bei einzigartigem Zweikampf, im goldenen Käfig sticht er ihm die Augen aus."

Seine Anhänger waren überzeugt, hier habe Nostradamus den Tod Heinrichs II. vorhergesagt. Der französische König war 1559 bei einem Turnier durch einen Lanzenstich über dem Auge schwer verletzt worden und ein paar Tage später gestorben.  Die Prophezeiungen lassen viele Deutungen zu, denn sie sind nicht nur vage, sondern zudem verschlüsselt: sprachlich ein Mix aus Latein, Griechisch, Französisch und provenzalischem Dialekt, mit vielen Metaphern, historischen Zitatfetzen und Anagrammen. Nostradamus tat dies auch aus Angst vor der Inquisition, die ihn tatsächlich mehrfach im Visier hatte.

Dennoch endete er nicht auf dem Scheiterhaufen. Sein Tod war eher unspektakulär, aber von ihm selbst klar vorausgesehen – behauptet jedenfalls die Legende. So soll der 62-jährige am Abend des 1. Juli 1566 zu seinem Assistenten gesagt haben:

"Ihr werdet mich bei Sonnenaufgang nicht mehr am Leben finden."

... und am Morgen lag Nostradamus dann tot in seinem Bett. Als Arzt dürften ihm seine chronische Gicht und "Wassersucht" allerdings auch deutliche Vorzeichen gewesen sein. Er wurde – seinem Wunsch gemäß – in aufrechter Haltung in der Kirchenmauer von Salon-de-Provence begraben. Und bald ging die Legende, er sei gar nicht tot, sondern sitze dort und beschreibe weiter die Zukunft.

Tatsächlich werden die in Büchern gedruckten Prophezeiungen des Nostradamus bis heute gelesen. Und seit 450 Jahren basteln seine Anhänger an der Entschlüsselung der Verse und deuten sie immer wieder neu als Vorhersagen auf konkrete Ereignisse der Weltgeschichte. Aber auch Skeptiker leugnen nicht seine historische Bedeutung. So nennt ihn zum Beispiel Bernd Harder in seiner kritischen Biografie einen "humanistisch beseelten Dichter" und "Renaissance-Gelehrten":

"Letztlich kann Nostradamus als eine Art zeitgenössischer Science-Fiction-Autor gesehen werden, der mit seinen Zukunftsvisionen die soziale und politische Gegenwart des 16. Jahrhunderts beschrieb und kommentierte."

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