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StartseiteKultur heuteZauberhafter Energieaustausch17.02.2018

Notizen von der BerlinaleZauberhafter Energieaustausch

Kaum etwas wirkt so leblos wie eine unbeleuchtete Kinoleinwand: nackt, kalt und pergamentfarben. Und so durchlässig wie hauchdünnes Butterbrotpapier ist die große Bildfläche auch gelegentlich. Da kann nicht nur der berühmte Funke überspringen, sondern es kann gar zum Energieaustausch kommen.

Von Maja Ellmenreich

Leinwand im Kino (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
Wenn es auf der Leinwand sonnig ist, kann es beim Zuschauer auch schon zu Hitzewellen kommen (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
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Chela muss erst das Pensionsalter erreichen, von einer grundlegenden Lebenskrise erschüttert werden und ihren Standesdünkel überwinden, bis sie zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Zigarette zieht. Vorsichtig hält ihr Angy zunächst den Glimmstengel ein paar Zentimeter vor den Mund, damit sich Chelas Bronchien langsam an den Rauch gewöhnen können. Bloß nicht inhalieren solle Chela, warnt Angy. Doch als die Lippen den Filter umschließen und Chela erstmals zaghaft an der Zigarette zieht, wehrt sich ihr Körper trotzdem gegen den eindringenden Dampf. Es ist das typische Husten eines Zigarettenerstlings, das da nicht nur auf der Leinwand in Marcelo Martinessis Film "Las herederas"/"Die Erbinnen" zu sehen und über die Lautsprecher zu hören ist. Es gibt einen akustischen Widerhall im Saal: Im selben Moment bricht in der Reihe hinter mir ein bemitleidenswerter Husten los, als wäre auch durch den Saal eine Kippe gereicht worden. Ist es Zufall? Sind es die Spiegelneuronen? Oder liegt es einfach nur an der trockenen Luft?

Knackig-Knusprige Kaugeräusche

Der Zufall kann seine Finger nicht im Spiel gehabt haben. Denn die unsichtbare Verbindung zwischen Leinwand und Kinosaal besteht auch bei der folgenden Filmvorführung. Während in "Damsel", der Western-Verhunzung der US-Brüder Zellner, der Möchtegern-Priester Parson Henry genüsslich in einen frisch gegrillten Hühnerschenkel beißt, meine ich, in unmittelbarer Nähe ein deutliches Magenknurren vernehmen zu können. Oder war es bloß eine akustische Täuschung? Nein, kann nicht sein. Denn jetzt wird rücksichtslos eine Plastikverpackung aufgerissen, und es beginnt das vertraute Wechselspiel zwischen Tütenrascheln und knackig-knusprigen Kaugeräuschen. Pssst! zischt es auch schon aus der Nachbarschaft. Wie im echten Kino!

Hitzewelle

Mich erwischt der Energieaustausch mit dem Filmgeschehen übrigens auch: bei Christian Petzolds Adaption von Anna Seghers "Transit"-Roman. Georg alias Franz Rogowski hastet durch die engen Straßen von Marseille. Die Mittelmeersonne brennt vom Himmel; und Tempo, Hitze und Angst treiben Rogowski den Schweiß aufs Gesicht. Obwohl ich bewegungslos auf meinem Platz sitze, wird mir so heiß wie nur selten an diesen eiskalten Berlinale-Tagen. Ich zerre mir den Schal vom Hals, knülle meine Jacke unter den Sitz und sehne mich nach einem kühlen Windzug. Als ich nach 101 Filmminuten den Saal verlasse, ist die Hitze auf zauberhafte Weise wieder verflogen.

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