Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

Notre-DameJahrelange Schließung

Das Bild ist aus aus der Ferne gemacht, man sieht die Feuerwehrleute klein an der Balustrade. Im Vordergund ein großes Baugerüst.  (Marcel Kusch/dpa)
Feuerwehrmänner auf einem Turm von Notre-Dame. (Marcel Kusch/dpa)

Nach dem Brand im Dach von Notre-Dame bleibt die französische Kathedrale für fünf bis sechs Jahre geschlossen. Während dieser Zeit soll der Wiederaufbau erfolgen - eine Herausforderung in finanzieller, wissenschaftlicher und architektonischer Hinsicht. Helfen soll ein Architekten-Wettbewerb.

Der Domdekan von Notre-Dame, Bischof Chauvet, begründete die mehrjährige Schließung mit den Schäden durch das Feuer. Ein Segment der Kathedrale sei sehr geschwächt worden, sagte er in der Hauptstadt. Es sei unklar, was die 67 Mitarbeiter des Gotteshauses künftig tun sollten.

Präsident Macron hatte gestern in einer TV-Ansprache versprochen, dass die Kathedrale binnen fünf Jahren wieder aufgebaut werden solle. "Wir sind das Volk von Baumeistern", sagte Macron. Notre-Dame solle "schöner als zuvor" werden. Der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich befürchtet dagegen, dass der Wiederaufbau Jahrzehnte dauern könnte.

Architekturwettbewerb für Spitzturm

Frankreichs Regierung beriet in Paris darüber, wie es mit der Kathedrale weitergehen soll. Eine Frage ist, ob und - wenn ja - wie der kleine Spitzturm wieder aufgebaut wird, der bei dem Brand am Montag einstürzte. Dies soll über einen internationalen Architektenwettbewerb geklärt werden, wie Premierminister Philipp nach dem Kabinettstreffen mitteilte. Ein neuer Turm müsse den "Techniken und Herausforderungen unser Zeit" standhalten, sagte er.

Außerdem kündigte Philippe ein neues Gesetz an, dass Transparenz im Umgang mit den Spenden sicherstellen soll. "Jeder Euro, der für den Wiederaufbau von Notre-Dame eingezahlt wird, wird dafür eingesetzt - und für nichts anderes". Nach dem zerstörerischen Feuer hatte es weltweit eine riesige Spendenbereitschaft gegeben.

Das Kabinett entschied zudem, dass eine öffentliche Einrichtung den Wiederaufbau leiten soll.

Erster Schritt: Ein provisorisches Dach

Zunächst muss das Innere der etwa 850 Jahre alten Kathedrale vor Wettereinflüssen geschützt werden. Erste Priorität ist deshalb ein provisorisches Dach, das Regen abhält. Dann beginnen Ingenieure und Architekten mit der Einschätzung des Schadens.

Duncan Wilson, Vorsitzender der staatlichen englischen Denkmalpflegebehörde Historic England, forderte eine genaue Untersuchung des Schutts. Dieser könne wertvolle Informationen und Material für die Restauratoren enthalten.

Sobald das Gebäude stabilisiert und der Schaden eingeschätzt ist, können die Restaurierungsarbeiten beginnen. Eine grundsätzliche Entscheidung steht dabei an - nicht nur den Spitzturm betreffend: Soll die Kathedrale wieder so aufgebaut werden, wie sie vor dem Feuer war, oder soll es einen kreativeren Ansatz geben?

Neues Dach aus Metall?

Erste Planspiele für die Wiederherstellung der Dachkonstruktion gibt es schon: Der bisherige Holzdachstuhl könnte durch eine Version aus Metall ersetzt werden. Manche könnten sich zwar nur einen originalgetreuen Wiederaufbau der Kathedrale vorstellen, sagte der Londoner Architekt Francis Maude, der nach dem schweren Brand im Schloss von Windsor in den Neunzigerjahren an dessen Restaurierung beteiligt gewesen war. Tatsächlich aber sei das nur eine von mehreren Möglichkeiten. Maude nannte als Beispiel die im Ersten Weltkrieg beschädigte Kathedrale von Reims. Sie hat seitdem ein feuerbeständiges Stahldach.

Ähnlich sieht das auch der Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Universität Bamberg, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Architektur von Notre-Dame gehört. Er sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er könne sich nicht vorstellen, dass der Dachstuhl aus Holz nachgebaut werde. Albrecht verwies auf den Stephansdom in Wien: Dessen hölzerner Dachstuhl war 1945 völlig abgebrannt und wurde durch eine Konstruktion aus Stahl ersetzt. Unklar bleibt auch der Zustand des außergewöhnlich gefärbten Glases der Kirchenfenster.

Grundsätzliche Struktur ist wohl intakt

Fachleute haben laut dem französischen Innenstaatssekretär Nuñez Schwachstellen im Gebäude entdeckt, vor allem im Gewölbe. Entgegen der anfänglichen Sorge, dass wegen des Brandes die ganze Kathedrale zerstört sein könnte, ist die Struktur angeblich intakt. Laut Nuñez entging Notre-Dame aber nur knapp einer völligen Zerstörung. "Wir wissen jetzt, dass alles auf 15 Minuten ankam", schrieb er bei Twitter.

Der Dozent für mittelalterliche Kunst und Architektur am Londoner Courtauld Institut, Nickson, sagt, das Gewölbe habe "wie eine Art Feuertür zwischen dem hochentzündlichen Dach und dem hochentzündlichen Inneren gewirkt" - so wie es die Baumeister der Kathedrale im Mittelalter beabsichtigt hatten. Jedoch könnten hier nun einige Arbeiten anstehen.

Das Problem: Es fehlen Experten

Ein großes Hindernis dürfte das Fehlen von Experten sein. "Ein Riesenproblem ist, dass die handwerklichen Fähigkeiten dünn gesät sind, um die vielen Kräfte mobilisieren zu können, die einen raschen Wiederaufbau ermöglichen", sagte der Vorsitzende der Vereinigung der Europäischen Dombaumeister, Wolfgang Zehetner, dem österreichischen Magazin "trend". Von den 20 Fachkräften, die permanent mit der Restauration des Stephansdoms in Wien betraut seien, könnten zwei Leute abgestellt werden. Auch Köln und Freiburg wollten Hilfe schicken, sagte Zehetner.

An allen Kathedralen in Frankreich werden heute als Zeichen der Solidarität um 18:50 Uhr die Glocken läuten. Das war der Zeitpunkt, an dem das Feuer im Dachstuhl von Notre-Dame am Montagabend entdeckt wurde.