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StartseiteInformationen am MittagKindertagesstätten schlagen Alarm 28.03.2019

Notstand bei BetreuungKindertagesstätten schlagen Alarm

Kita-Leitungen müssen laut einer Umfrage mit "bedenklich zu wenig Personal" auskommen. Nur wenige Einrichtungen können den empfohlenen Betreuungsschlüssel einhalten. Sie setzen wenig Hoffnung auf das sogenannte Gute-Kita-Gesetz, das die Bundesregierung vor Kurzem beschlossen hat.

Von Mathias von Lieben

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Eine Erzieherin spielt mit Kindern in einem Kindergarten (Imago)
Die meisten Kindergärten haben zu wenig Personal (Imago)
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Für Udo Beckmann ist klar: "Wir haben die Alarmstufe rot." Das sagte der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, VBE, im Blick auf die Situation in deutschen Kitas. Er stützt seine Warnung auf eine neue Umfrage, die von seinem Verband gemeinsam mit dem Informationsdienstleister Wolters Kluwer und der Hochschule Koblenz für den Deutschen Kindergartenleitungskongress DKLK in Düsseldorf durchgeführt wurde.

Alarmstufe rot – gegenüber dem Deutschlandradio-Hauptstadtstudio wählte Beckmann diese drastischen Worte: "...weil das Bildungs- und Betreuungsangebot von Kitas nach der Umfrage massiv beeinträchtig ist und hier wird sehr deutlich in dramatischer Klarheit, in welchem Ausmaß sich die Versäumnisse der Politik der zurückliegenden Jahre im Kita-Bereich jetzt rächen."

Klage über schlechte Arbeitsbedingungen

14 inhaltliche Fragen wurden im Zuge der Umfrage an mehr als 2600 Kitaleiter verschiedenster Träger gestellt. Der Zeitraum der Umfrage: November 2017 bis Ende 2018. Das zentrale Ergebnis: Viele Kita-Leiter klagen über schlechte Arbeitsbedingungen. Neun von zehn befragten Kitaleitern gaben an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten mit "bedenklich zu wenig Personal" auskommen mussten.

Die Folge: 86 Prozent aller Kindergärten mussten ihre Betreuungsangebote für Kinder vorübergehend reduzieren - Öffnungszeiten wurden verkürzt, ganze Gruppen geschlossen - oder die Kinderzahl pro Erzieher stieg an. Nur in fünf Prozent der Kitas gebe es so viele Erzieher pro Kind wie wissenschaftlich empfohlen, hieß es in der Studie. Kritisch ist demnach besonders die Situation bei den unter Dreijährigen. Hinzu kommt: Mehr als 17 Prozent der Kitas suchen aktuell zwei oder mehr Fachkräfte. Kurzfristige Engpässe gibt es bei mehr als 90 Prozent. Udo Beckmann kommt daher zu dem Schluss:

"Das Gute-Kita Gesetz ist von dem, was es jetzt sugerriert, fernab von jeder Realität."

Keine verbindlichen Standards

Das sogenannte Gute-Kita-Gesetz von Familienministerin Franziska Giffey heißt eigentlich "Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität in der Kindertagesbetreuung" und ist seit Jahresbeginn in Kraft. Der Bund investiert damit bis zum Jahr 2022 insgesamt 5,5 Milliarden Euro in die Kindertagesbetreuung. Die bereitgestellten Mittel sollen von den Bundesländern in qualitätssteigernde Maßnahmen investiert werden. Doch: Verbindliche Standards gibt es nicht. Jedes Bundesland entscheidet selbstständig, welche Änderungen es mit den Milliarden aus Berlin umsetzen möchte. Einige Bundesländer, wie zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, haben bereits angekündigt, einen Teil der Zusatzmittel in die Reduzierung von Elternbeiträgen zu stecken. Nicht nur für Beckmann das falsche Signal.

Kritik der Opposition

Frau Giffey hat auf das falsche Pferd gesetzt, sagt auch Katja Dörner, die Vizechefin der Grünen-Bundestagsfraktion und Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik. Angesprochen auf den Zeitraum der Umfrage, der vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes lag, sagte Dörner gegenüber diesem Sender: Es sei nicht zu früh, um Kritik zu äußern: "Ich finde, dass die Studie eben genau zeigt, wo die wirklichen Bedarfe sind: mehr Personal und mehr Qualitätsstandards. Und dieses Gesetz setzt eben genau die falschen Prioritäten und geht auf Gebührenfreiheit und ausdrücklich nicht auf verbindliche Standards und mehr Personal."

Dass nur etwa fünf Prozent der Kitas die Betreuungsstandards einhalten könnten, sagt auch Bernd Riexinger, Parteivorsitzender der Linken, zeuge "von jahrelanger verfehlter Beschäftigungspolitik". Das Bundesfamilienministerium wollte zu der Studie und der Kritik keine Stellung nehmen.

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