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StartseiteEine WeltJunge Nigerianer wollen die Politik aufmischen14.04.2018

#nottooyoungtorunJunge Nigerianer wollen die Politik aufmischen

Dem Druck der Bewegung #nottooyoungtorun ist ein Gesetz in Nigeria zu verdanken, mit dem das Mindestalter für Präsidentschaftskandidaten herabgesetzt wird. Was noch fehlt, ist die Unterschrift von Präsident Muhammadu Buhari. Der ist 75 - und will selbst für eine zweite Amtszeit kandidieren.

Von Jens Borchers

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Junge Nigerianer demonstrieren bei einem Protestmarsch der Bewegung #nottooyoungtorun in Abuja für die Absenkung des Mindestalters für Präsidentschaftskandidaten (AFP)
Junge Nigerianer demonstrieren bei einem Protestmarsch der Bewegung #nottooyoungtorun in Abuja für die Absenkung des Mindestalters für Präsidentschaftskandidaten (AFP)
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Sie demonstrieren, sie machen Druck, sie nehmen kein Blatt vor den Mund:

"Nigeria steht heute dort wo es steht, weil wir von den Alten regiert werden, die keine Ideen haben."

Das ist Moses Siasia. Er war 35 Jahre alt, als er 2015 für das Gouverneursamt im nigerianischen Bundesstaat Bayelsa kandidierte. Siasia hatte keine Chance, er verlor die Wahl. Trotzdem kämpft Moses Siasia dafür, mehr junge Menschen in Nigerias Politik zu bringen:

"Diese alten Herren, teilweise seit Jahrzehnten in der Politik – manche von ihnen benutzen nicht mal E-Mails. Sie verstehen nichts vom aktuellen, weltweit funktionierenden Informationssystem. Sie haben keine Ahnung, was Soziale Medien sind."

Moses Siasia hat sich bei der Bewegung "#nottooyoungtorun" in Nigeria engagiert. "Nicht zu jung für eine Kandidatur" – so lässt sich das in etwa übersetzen. Diese Bewegung hat schon etwas geschafft: Ihrem Druck ist ein neues Gesetz zu verdanken, das bereits in beiden Parlamentskammern verabschiedet wurde. Damit würde das Mindestalter gesenkt, ab dem sich Frauen und Männer für politische Mandate bewerben können.

Zwei Drittel der Nigerianer sind unter 35

Jetzt fehlt nur noch die Unterschrift des amtierenden Präsidenten. Stimmt er zu, dürfen sich bei der Wahl im kommenden Jahr Menschen ab 35 Jahre für Nigerias höchste Machtposition bewerben. Bisher lag die Grenze bei 40 Jahren. Die Bewegung #nottooyoungtorun will erreichen, dass sich mehr junge Leute in die Politik einmischen. Die Aktivistin Chioma Chuka macht eine einfache Rechnung auf:

"Mehr als zwei Drittel der Nigerianer sind unter 35 Jahre alt", sagt Chioma Chuka. Und es könne doch nicht sein, dass so viele nicht mitbestimmen dürften, wie das Land regiert wird.

Die Aktivisten von #nottooyoungtorun meinen, dass Nigeria miserabel regiert wird. Dass Ämter-Patronage, Korruption und Parteien-Netzwerke viele junge Nigerianer politisch frustriert haben. Dass viele meinen: Ist doch egal, ob ich wählen gehe oder nicht – die da oben tun sowieso nichts für uns.

Chioma Chuka argumentiert leidenschaftlich dagegen. Das Gesetz zur Senkung des Mindestalters für Kandidaturen sei der Beweis, dass sich eigener Einsatz lohne:

"Junge Menschen müssen ihre Haltung ändern. Bisher denken viele, Engagement lohnt sich nicht. Wir haben uns ans Repräsentantenhaus gewandt, wir haben die Medien genutzt, wir waren viele. Und junge Leute können jetzt sehen – oh, Politiker reagieren ja doch."

Muhammadu Buhari hat die Wahl in Nigeria gewonnen  (picture alliance / dpa )Nigerias Präsident Muhammadu Buhari bei seiner Wahl 2015 (picture alliance / dpa )

#nottooyoungtorun ist eine kleine Bewegung

Die Frage ist allerdings, wie viele junge Nigerianer dieses politische Erwachen tatsächlich erleben. "#nottooyoungtorun" ist eine sehr aktive, aber kleine Bewegung. Sie trifft auf die mächtige Organisationsmaschinerie der nigerianischen Politik, die von zwei großen Parteien dominiert wird. In deren Machtzirkeln werden die Kandidaten gekürt – oder eben nicht.

Aiysha Osori, eine engagierte Rechtsanwältin, hat das bei den Wahlen 2015 erlebt. Sie wollte in der damaligen Regierungspartei PDP für einen Sitz im Repräsentantenhaus kandidieren. Was sie erlebte, war ein innerparteilicher Kampf um Geld, Beziehungen und Einfluss:

"Ich habe gelernt, dass unsere Politikindustrie Generationensache ist. Ich traf Väter in diesem System, die ihre ältesten Söhne darin platziert haben, die wiederum ihre Söhne hineinbringen. Das wird nicht einfach aussterben. Das ist ein System, ein Prozess, eine Kultur."

Der Auswahl-Prozess der Kandidaten für politische Ämter in den Parteien, so sieht es Aiysha Osori, sei undemokratisch. Die Delegierten, die über die Kandidaten abstimmen, würden mit Geld und Geschenken geködert. Osoris Schlussfolgerung aus der persönlichen Erfahrung ist aber keineswegs, dass junge Leute sich aus der Politik heraushalten sollten. Im Gegenteil, sagt Osori:

"Die Chance der jungen Leute ist, in diese Parteien einzutreten mit dem Ziel, sie demokratischer zu machen. Viele sollten das tun und die Parteien dann durch ihre schiere Anzahl zu Veränderungen zwingen."

Adamu Garba will 2019 gegen Präsident Buhari antreten

So denken auch die Aktivisten der #nottooyoungtorun-Bewegung. Der Fortschritt kommt in Trippelschritten daher. Beispielsweise in Person von Adamu Garba: 35 Jahre alt, ein junger Unternehmer, der vor zehn Jahren seine eigene Firma für Cloud-Computing aufgezogen hat. Groß, dunkle Brille, sehr selbstbewusst. Adamu Garba will 2019 für die Präsidentschaft kandidieren. Und zwar in der Partei, die vor gut drei Jahren dem amtierenden Staatschef Muhammadu Buhari zur Macht verhalf.

Damals gehörte Adamu Garba zu den vielen jungen Nigerianern, die für Buhari stimmten. Heute ist er enttäuscht. Zu wenig greifbare Ergebnisse, sagt der junge Mann. Bei der Wahl 2015 sei es nur um Personen gegangen:

"Diesmal müssen wir alle Kandidaten auffordern, uns ihre konkreten Programme zu geben: Wie wollen sie Jobs schaffen? Wie wollen sie die Wirtschaft nach vorn bringen? Was wollen sie für die Sicherheit tun? Vergessen wir das allgemeine Wort Veränderung, das den Wahlkampf 2015 dominierte. Wir müssen die Kandidaten fragen, wie sie etwas machen wollen.

Wenn Adamu Garba Kandidat werden sollte, dann wird er selbst diese Fragen beantworten müssen. Aber so weit ist es ja noch gar nicht: Nur wenn der amtierende 75-jährige Präsident Buhari das Gesetz zur Senkung des Mindestalters für Kandidaten unterschreibt – nur dann kann der vier Jahrzehnte jüngere Adamu Garba überhaupt anfangen, an Buharis Stuhl zu sägen.

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