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StartseiteKultur heuteUnaufgearbeitete Vergangenheit09.09.2020

NS-Geschichte von Kühne + NagelUnaufgearbeitete Vergangenheit

Beim Hamburger Harbour Front Literaturfestival wird der Klaus-Michael-Kühne-Preis vergeben. Kultur-Sponsor Kühne ist Konzernerbe des Logistik-Unternehmens Kühne + Nagel. Ihm wird vorgehalten, die NS-Vergangenheit des Unternehmens - anders als andere - nicht öffentlich aufzuarbeiten.

Von Ada von der Decken

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Klaus-Michael Kühne, Unternehmer und Manager (Axel Heimken/dpa)
Klaus-Michael Kühne, Unternehmer und Manager (Axel Heimken/dpa)
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Klaus-Michael Kühne und Hamburg - es ist seine Heimatstadt. Hier kam er 1937 zur Welt. Und es scheint sein Wunsch zu sein, in der Hansestadt einen sichtbaren Fußabdruck zu hinterlassen.

Er steckte zig Millionen in den Hamburger Sportverein, sorgte unter anderem dafür, dass das Volksparkstadion wieder genau so genannt werden kann und nicht mehr den Namen eines Sponsors tragen muss. Das feine Hotel "The Fontenay" an der Hamburger Außenalster ist Kühnes stolzes Neubau-Projekt. Eine 30-Millionen-Euro-Spende ging an ein neu gegründetes Kühne-Logistik-Institut in Hamburg.

Sponsor für Sport, Bildung und Kultur

Die Elbphilharmonie hat er mit einer Millionensumme unterstützt. Und auch das Philharmonische Staatsorchester freut sich über regelmäßige Zuwendungen. Dort ist die Kühne-Stiftung Hauptsponsor. Sport, Bildung und Kultur liegen Klaus-Michael Kühne offenbar am Herzen. Und seine Stiftung, die Kühne-Stiftung, ist auch Hauptförderer des Harbour Front Literaturfestivals. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis trägt sogar seinen Namen: Klaus-Michael-Kühne-Preis.

Nein, ein stiller Förderer ist er nicht. Tue Gutes und zeig es allen, scheint eher das Motto des 83-jährigen zu sein. Sehr still wird der Milliardär hingegen bei einem anderen Thema: der Vergangenheit des Unternehmens, dem er sein Vermögen verdankt.

Das stehe Kühne nicht gut zu Gesicht, sagt der Historiker Frank Bajohr am Telefon. Der Professor leitet das Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München.

"Ich finde schon wünschenswert und eigentlich auch moralisch gerechtfertigt, wenn sich da ein Mann, der sich gerne als Mäzen öffentlich präsentiert, für viele kulturelle Dinge - auch für Fußball: der Hamburger Sportverein wird ja von ihm seit Jahren gefördert - wenn der sich sozusagen auch auf dem gegenwärtigen Standard hier öffentlich präsentieren würde, was die Aufarbeitung von Vergangenheit gerade auch in deutschen Unternehmen betrifft. Und das ist hier erkennbar nicht der Fall."

Unrühmliche Rolle in der NS-Zeit

Klaus-Michael Kühne ist Erbe und Hauptanteilseigner des Konzerns Kühne + Nagel. Und dieses Logistik-Unternehmen, das unter seiner Führung vor Jahrzehnten seinen Sitz in die Schweiz verlegt hat, spielte zur Zeit des Nationalsozialismus eine unrühmliche Rolle.

Ab 1941 wurden Jüdinnen und Juden aus den von den Nazis besetzten Gebieten abtransportiert. Viele wurden später in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Zurück blieben die verlassenen Wohnungen samt Einrichtungen. Diese Möbel wurden im Rahmen der sogenannten "M-Aktion" ins Reichsgebiet gebracht, sagt Frank Bajohr, der zum Thema Arisierung jüdischen Eigentums geforscht hat.

"Das war natürlich eine gewaltige logistische Aufgabe. Wir sprechen hier von über rund 70.000 Wohnungen. Und da spielte die Firma Kühne + Nägel eine absolut zentrale Rolle."

Firmenarchive angeblich zerstört

Auf Anfragen zu diesem Kapitel der Firmengeschichte antwortet der Konzern seit Jahren auf ähnliche Weise. Auch auf unsere Anfrage wiederholt Kühne + Nagel im Wesentlichen eine Stellungnahme aus dem Jahr 2015. Firmenintern lägen keine Dokumente für die entsprechende Zeit vor; die Bürohäuser von Kühne + Nagel in Hamburg und Bremen und damit auch die Firmenarchive seien im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Aber – Zitat:

"Aus dem für Kühne + Nagel zugänglichen historischen Material geht hervor, dass das Unternehmen von 1939 bis 1945 über die deutschen Grenzen hinaus in den besetzten Gebieten tätig war und vor allem Versorgungslieferungen für die Armee durchführte. Ebenfalls war man im Auftrag der Reichsregierung mit den Transporten von beschlagnahmten Gütern politisch und rassisch Verfolgter befasst. Hierbei handelte es sich größtenteils um Möbel. Seit 2015 gibt es hierzu keine neuen Erkenntnisse."

Verschiedene Historiker und Historikerinnen, die um Erlaubnis baten, tiefer in die Firmengeschichten einzusteigen, erhielten ähnliche Antworten. Dabei hatte Kühne + Nagel in einer internen Festschrift zum 125. Jubiläum selbst geschrieben, dass die Firma bei Kriegsende eine Ausweichstelle im sicheren Konstanz aufgebaut hatte. Doch Firmen-Unterlagen scheinen dorthin nicht ausgelagert worden zu sein, folgt man den Aussagen des Unternehmens von 2015.

Rechercheergebnisse der "taz"

Der freie Journalist Henning Bleyl aus Bremen fand aber in vielen anderen öffentlichen Archiven viele Unterlagen, die Kühne + Nagels "Aktion-M"-Geschäfte belegen. Als das Logistik-Unternehmen vor fünf Jahren das 125-jährige Firmenjubiläum feierte, recherchierte Bleyl für die "taz" zur weniger bekannten Schattenseite des Erfolgs. 

"Und was ich sehen konnte, ist sozusagen die Gegenüberlieferung. Also es gibt in diversen öffentlichen Archiven Akten von Kühne + Nagel: im Bremer Staatsarchiv, im Hamburger Staatsarchiv. Aber auch an Orten, wo man es erstmal nicht erwartet, wie in Montreal zum Beispiel gibt es Unterlagen, die Kühne + Nagel betreffen, weil dort die Nachkommen des jüdischen Teilhabers von Kühne + Nagel sich haben retten können, nach Kanada."

Der jüdische Mitinhaber Adolf Maass schied 1933 aus der Firma aus. Er starb später in einem Vernichtungslager.

Henning Bleyl blieb dran am Thema; die "taz" schrieb nach seinen Recherchen einen Gestaltungswettbewerb für ein Arisierungs-Mahnmal in Bremen aus, wo Kühne + Nagel bis 1944 seinen Stammsitz hatte. Im Moment wird dort nach einem geeigneten Standort gesucht. Auch andere Bremer Logistiker machten Geschäfte mit der Ausplünderung und Auswanderung von Jüdinnen und Juden. Er würde sich eine umfangreichere Aufarbeitung der braunen Vergangenheit durch Kühne wünschen, sagt Henning Bleyl:

"Und ich finde schon strukturell wichtig zu sehen, dass Kühne + Nagel wörtlich zu nehmen infolge der Wehrmacht, in den Fußstapfen der Wehrmacht sich in Europa ausbreiten konnte. Weil in all diesen besetzen Ländern Niederlassungen errichtet wurden von Kühne + Nagel, die dann das zentrale logistische Rückgrat waren für die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung."

Historiker-Kommission gefordert

Statt eines knappen Kapitels in einer internen Jubiläumsschrift und einem kurzen öffentlichen Statement, dass man bedauere, was geschehen sei, wäre es angebracht, eine unabhängige Historiker-Kommission einzusetzen, wie es schon viele andere deutsche Unternehmen getan haben, meint auch Frank Bajohr. 

"Es ist mittlerweile Common Sense in Deutschland, dass sich Deutschland – auch wenn das jetzt Jahrzehnte gedauert hat nach 1945 – seiner Vergangenheit zu stellen hat und stellen sollte. Und das ist, zumindest auf der Ebene der Großunternehmen, in Deutschland seit den 1990er-Jahren auch angekommen. Und insofern wäre es an der Zeit, dass auch bei Kühne + Nagel entsprechende Konsequenzen gezogen werden."

Klaus-Michael Kühnes Vermögen schätzt das Magazin "Forbes" auf 14,8 Milliarden Euro. Kühne + Nagel, die Firma, die ihn reich gemacht hat, hat heute mehr als 82.000 Mitarbeiter in über hundert Ländern. Kühne gibt sich gerne weltgewandt. Der Milliardär öffnet sein Portemonnaie gerne für Prestigeprojekte. Eine umfassendere, unabhängige Aufarbeitung des Kapitels NS-Vergangenheit, deren Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden, würde endlich Licht ins dunkle Kapitel der Firmengeschichte bringen.

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