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StartseiteTag für TagExportierter Antisemitismus17.10.2019

NS und Naher Osten Exportierter Antisemitismus

Der Antisemitismus der arabischen Welt kam aus Berlin, meint der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel. In seinem neuen Buch zeigt er, wie die Nationalsozialisten auch auf Radio-Propaganda setzten, um im Nahen Osten Judenhass zu verbreiten. Das wirkt bis heute nach.

Von Thomas Klatt

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Muslimische Waffen SS Mitglieder lesen 1943 ein Heft namens 'Islam und Judentum'.  (HO / AFP)
Muslimische Waffen-SS-Mitglieder lesen 1943 in der Propaganda-Broschüre 'Islam und Judentum'. (HO / AFP)
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Die Nazis und der Nahe Osten - dieses Zweckbündnis lässt sich personalisieren - und auf den Führer und Großmufti von Jerusalem reduzieren. Wie etwa in der Deutschen Wochenschau im Dezember 1941:

"Der Führer empfing den Großmufti von Jerusalem, einen der einflussreichsten Männer des arabischen Nationalismus. Der Großmufti ist das religiöse Oberhaupt der Araber in Palästina und gleichzeitig deren oberster Richter und Finanzverwalter. Wegen seiner nationalen Haltung verfolgten ihn die Engländer erbittert und setzten auf seinen Kopf einen Preis von 25.000 Pfund aus. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte er über Italien nach Deutschland."

Die Zusammenkunft Adolf Hitlers mit dem Großmufti von Jerusalem Mohammad Amin Al-Husseini war demonstrativer Höhepunkt einer längeren Zusammenarbeit. Die Nationalsozialisten versuchten schon vor Kriegsbeginn, die arabische Welt auf ihre Seite zu ziehen. Bereits im August 1937 wurde in Kairo die Schrift "Islam und Judentum" veröffentlicht und auf der ersten panarabischen Konferenz verteilt.

Latenter Antijudaismus wird zu politischem Antisemitismus

"Es war das erste Dokument, das tatsächlich den muslimischen Antijudaismus, also die Geschichte Mohammeds mit den Juden in Medina, verbunden hat mit dem europäischen Antisemitismus. Das 'Weltjudentum', die also nur 'den Islam zerstören wollen'. Das war ein ganz neuer Schritt und das war eine neue Etappe in der Geschichte des Antisemitismus, dass diese Broschüre damals erschien und auch diese massenweise Verbreitung erfuhr, weil die Nazis mit Beginn des Zweiten Weltkrieges diese Broschüre auf Arabisch, auch Serbokroatisch massenweise verbreitet hatten", weiß Politikwissenschaftler Matthias Küntzel.

In der arabischen Welt gab es traditionell immer einen latenten Antijudaismus. Es war die Überlegenheit der Muslime über die Dhimmis, die Schutzbefohlenen, also Christen und Juden, die bestenfalls geduldet wurden. Die Nazis verstanden es, diese Haltung gegenüber Juden mit Hilfe ihrer Propaganda in einen politischen Antisemitismus umzuwandeln, so die These von Matthias Küntzel. Allerdings mussten sich die Nazis zu dieser Linie erst durchringen. Denn schon im Ersten Weltkrieg war der Plan der deutschen Heeresführung gescheitert, einen arabischen Dschihad gegen die Entente auszurufen. Erst der Plan der so genannten Peel-Kommission brachte Hitler 1937 zum Umdenken. Denn die Briten planten, ihr Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Nun setzte das Deutsche Reich ganz auf die arabische Karte. Obwohl Hitler ursprünglich nicht viel übrig hatte für Muslime und Araber.

NS-Nahost-Politik: den jüdischen Staat verhindern

"Und Hitler hat sich in 'Mein Kampf' lustig gemacht darüber, man könne mit diesen Leuten nicht arbeiten. Er hat seinen ganzen Rassismus da auch gegen die Araber gewandt in 'Mein Kampf'. Und es gab in der Nazi-Szene in den 30er-Jahren eine Auseinandersetzung, wie man jetzt die Muslime ansprechen soll. Ob man mehr den Nationalismus, also mehr Kemal Atatürk als Vorbild nehmen soll, was lange Zeit in Nazi-Deutschland der Fall war. Oder man sich tatsächlich auf dieses Gebiet des Islam begeben soll. Und dann kam tatsächlich hinzu, dass ein jüdischer Staat in Palästina gegründet werden sollte.

Von da ab begann eine aktive Nahost-Politik des Nationalsozialismus mit dem Ziel, diesen jüdischen Staat, den man als eine Art jüdischen Vatikan befürchtet hatte, zu verhindern. Und damit begann eine Zusammenarbeit, die vorher schon vom Mufti von Jerusalem gesucht worden ist, aber bis dahin immer abgelehnt wurde, dass dieser Islam in seiner islamistischen Variante durchaus Massen zu bewegen vermag. Am Freitag, am Tag des Gebetes, sind immer die größten Demonstrationen. Und dann hat man auf Anregung des Mufti begonnen, diesen arabischsprachigen Radiosender zu installieren", so Küntzel.

Propaganda-Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen

"Achtung, Achtung. Hier ist Berlin Königs Wusterhausen und der deutsche Kurzwellensender."

"Und von dieser Warte aus haben sie zum Beispiel ihre Radiopropagandasendungen gegen die Juden mit Koran-Zitaten eröffnet. Sie haben religiöse Talks gemacht in den Radiosendungen. Sie haben also die Araber nicht angesprochen als nationalistische Araber, sondern als fromme Muslime", sagt Küntzel.

Alles lief über den Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen südlich von Berlin. Antisemitische Dauerpropaganda bis 1945 - bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches.

30. November 1941: Der Großmufti von Jerusalem, Mohammad Amin Al-Husseini, bei einem Treffen mit Adolf Hitler in Berlin. (HO / AFP)30. November 1941: Der Großmufti von Jerusalem, Mohammad Amin Al-Husseini, bei einem Treffen mit Adolf Hitler in Berlin. (HO / AFP)

Küntzel: "Man hat den ehemaligen Rundfunkansager aus dem Irak Younis Bahri gewinnen können. Und der war nun jemand, der eine Artikulation hatte, die sehr an die Reden von Hitler erinnert hat. Allerdings nur auf Arabisch. Das gilt auch für das Persische. Auch der Mufti von Jerusalem hat viele Reden gehalten in dem Radio. Es gab aber auch Palästina-Deutsche, also Deutsche, die in Palästina aufgewachsen waren, die Arabisch sehr gut beherrschten."

Einrichten von Fake-Untergrundsendern

Hauptbotschaft der vor allem arabischsprachigen Sendungen: Das angebliche Weltjudentum beherrsche die Engländer und die Amerikaner. Das Weltjudentum wolle im Krieg den ganzen Islam vernichten. Jeder gute Muslim müsse sich zusammen mit den Deutschen wehren.

"Es ging so weit, dass man Geheimsender eingerichtet hat. Die Nazis waren so schlau zu ahnen, dass das, was direkt aus Berlin kommt, mit Misstrauen betrachtet wird. Also haben sie Sender eingerichtet, die so taten, als seien sie Untergrundsender in Ägypten. Dass sie aus Berlin sendeten in Wirklichkeit, das blieb geheim. Da brauchte man Leute, die das Lokalkolorit perfekt treffen konnten. Und diese Geheimsender konnten dann in der Propaganda der Nazis den größten Irrsinn verbreiten, weil keiner ihren Ursprung zurückverfolgen konnte. Und dann konnten sich die offiziellen Nazi-Medien auf die Information des so genannten Geheimsenders dann stützen", so Küntzel.

Alliierte wollten nicht pro-jüdisch auftreten

Natürlich sendeten die Alliierten Gegenpropaganda. Allerdings: Engländer und Amerikaner wollten auf keinen Fall als Freunde der Juden auftreten.

"Sie haben Störsender eingerichtet, haben angefangen, den Koran zu rezitieren in BBC-Sendungen auf Arabisch", sagt Küntzel. "Sie haben versucht, muslimische Kräfte wie den Emir Abdullah von Transjordanien als Gegenstück zum Mufti von Jerusalem zu präsentieren. In einem Punkt blieben sie ganz still. Und das betraf den Antisemitismus von Radio Zeesen. Weil, wenn man sich als BBC eingesetzt hätte gegen den Antisemitismus, man vielleicht den Verdacht erregt hätte, man sei selber pro-jüdisch. Und dann würde man der ganzen Logik des Antisemitismus der Nazis eine Bestätigung liefern. Und das war der Punkt, wo die Nazis freie Hand hatten."

Nazis nutzten Koran-Zitate und Hadithe

Sie nutzten, was sie nutzen wollten: Koran-Zitate und Hadithe, also Überlieferungen von Aussprüchen und Handlungen Mohammeds. Etwa den Hadith vom Stein und Baum, der bereits in der Nazi-Broschüre "Islam und Judentum" von 1937 Verbreitung fand. Zuvor hatte er in der islamischen Welt kaum eine Rolle gespielt.

"Das ist ein schrecklicher Hadith, der besagt, dass am Ende der Tage die Muslime die Juden töten werden. Die Juden werden sich hinter einem Baum und einem Stein verstecken, und der Baum und der Stein werden sagen: Komm her Moslem, hinter mir versteckt sich ein Jude. Komm her und töte ihn! Und dieser Hadith wurde dann nach der Gründung Israels neu interpretiert. Als die Juden als Dhimmis überall verstreut lebten, hatten wir gar keine Möglichkeit, alle Juden zu töten. Aber Allah in seiner Größe hat gewollt, dass die Juden einen Staat bilden, in dem sie sich alle konzentrieren und dann kann man sie auch zusammen töten. Dann kann der Hadith Wirklichkeit werden."

Propaganda wirkte nach Ende des Zweiten Weltkriegs weiter

Bis heute werde dieser Hadith in der islamisch geprägten Welt zitiert. Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirkte die Nazi-Propaganda weiter, sagt Küntzel. Nur so sei auch der arabische Überfall auf den gerade erst gegründeten Staat Israel 1948 zu erklären.

Der Großmufti von Jerusalem, Mohammad Amin Al-Husseini, besucht am 13. Januar 1944 eine bosnische Freiwilligendivision der Waffen-SS.  (AFP PHOTO / AFP ARCHIVES)Der Großmufti von Jerusalem, Mohammad Amin Al-Husseini, besucht am 13. Januar 1944 eine bosnische Freiwilligendivision der Waffen-SS. (AFP PHOTO / AFP ARCHIVES)

Küntzel: "Dass die Nazis schon ab 1944, als sie wussten, sie werden das nicht schaffen mit dem Zweiten Weltkrieg, sicherstellen wollten, dass zumindest dann auch ein Israel nicht entstehen kann. Da gab es die Abwürfe von Munitionskisten 1944 über Palästina. Da gab es die besonderen Gelder, die der Mufti noch im April 1945, die den Zweck verfolgten, ihm zu helfen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es gab die Propaganda in Radio Zeesen, die in grellsten Farben ausgemalt hat, was passieren würde, wenn jetzt die Alliierten den Krieg gewinnen und ein jüdischer Staat entstehen könnte. Es wurde immer behauptet, der jüdische Staat würde nur entstehen, um den Islam zerstören zu können, um die arabische Welt zerstören zu können. Von daher hat das Nachwirkungen gehabt nach dem Zweiten Weltkrieg."

Bis heute werden Adolf Hitler und seine Nationalsozialisten in Teilen der muslimisch geprägten Welt bewundert - etwa wenn auf YouTube die SS-Division "Handschar" verherrlicht wird. Bosnische Muslime, die für Hitler kämpften, werden immer noch verehrt wie Helden. Politikwissenschaftler Matthias Küntzel will dagegen mit seinem Buch aufklären und die bis heute wirkende Nazi-Propaganda entlarven.

Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand.
264 Seiten, Hentrich & Hentrich Berlin Leipzig, 19,90 €.

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