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StartseiteMusikjournalAntike Tonrasseln und Scheußlichkeiten aus Plastik05.12.2016

Nürnberger SpielzeugmuseumAntike Tonrasseln und Scheußlichkeiten aus Plastik

Mit seiner Internationalen Spielwarenmesse ist Nürnberg ein echtes Spielzeug-Dorado. Bis heute werden hier auch Spielzeuginstrumente hergestellt. Jetzt zeigt das Nürnberger Spielzeugmuseum eine Ausstellung mit Objekten, die Kinder in Verzückung, Erwachsene aber manchmal zur schieren Verzweiflung bringen können.

Von Thomas Senne

Verschiedene Instrumente für Kinder (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
Zum Träumen und zum Spielen: Instrumente für Kinder (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Rasseln gehören zu den ersten Musikinstrumenten und Spielsachen, mit denen Säuglinge in Berührung kommen. Auch unsere Urahnen waren davon fasziniert. Und so verwundert es nicht, dass das älteste Schaustück in der Nürnberger Ausstellung aus einem Kindergrab der Bronzezeit stammt: eine 2800 Jahre alte Tonrassel in Gestalt einer mit parallelen Ritzungen verzierten winzigen Urne.

2800 Jahre alte Tonrassel

"Rasseln sind kleine Objekte, mit denen Kindern erst mal ein sinnliches Vergnügen bereitet wird. Sie können die Rassel schütteln. Sie erfahren, wenn ich meine Hände bewege, kommt ein Ton und den kann ich hören und wahrnehmen. Oftmals haben die Rasseln auch noch so eine kleine Beißvorrichtung, weil Kinder in diesem Alter ja auch zahnen, Schmerzen haben und dann eventuell die Rassel diese Schmerzen ein bisschen lindern und ablenken kann ..."

... sagt Museumsleiterin Karin Falkenberg und verweist auf kostbare Rasseln aus getriebenem Silber, Bergkristall, Korallen oder Tierzähnen. Außer diesen - teilweise auf magischer Heilkunst basierenden -Objekten, gibt es in den Vitrinen Spielzeuginstrumente en masse zu bestaunen, die den Besucher verzaubern.

Saitenlose Mini-Gitarre aus Sperrholz

"Wir haben uns gefragt, was denn es für Unterschiede gibt zwischen Instrumenten, die Kinder spielen und Instrumenten, die nur Spielzeug sind. Die Grenzen dafür sind fließend, kann man ganz klar sagen. Man kann es so eingrenzen: Es gibt Instrumente, die sind professionell hergestellt von Instrumentenbauern und die sind einfach kleiner gemacht als große Instrumente für Erwachsene, nämlich für Kindergrößen. Der Unterschied zu den Spielzeuginstrumenten ist, dass Spielzeug tatsächlich Spielzeug ist. D.h. es ist teilweise Zeug, was nicht mal spielbar oder stimmbar ist. Man kann damit wunderbar spielen, aber eben nicht musikalisch."

Dafür kann sich das Kind aber in der Phantasie wie ein Musiker fühlen, der etwa auf einer saitenlosen Mini-Gitarre aus Sperrholz imaginäre Spitzenleistungen erbringt.

"Spielzeuginstrumente sind günstigere Instrumente als Profiinstrumente für Kinder. Das ist der Riesenunterschied. D.h. sobald ich ein tatsächliches Klavier kaufe, muss ich sehr, sehr viel mehr Geld ausgeben, als wenn ich ein Spielzeugklavier oder Toy Piano kaufe. Dann ist es auch nicht weiter schlimm, wenn ein Kind mal heftig drauf eindrischt und auch mal so ein kleines Spielzeuginstrument kaputt geht. Trotzdem haben die Kinder die Möglichkeit, ihre musikalischen Begeisterungen auszuleben, auszuprobieren und ihre Fähigkeiten zu erproben, ohne dass es bei den Eltern gleich finanziell ins Gewicht schlagen würde."

John Cage & das Spielzeugklavier

Sogar anerkannte Komponisten haben sich von dem sehr speziellen Sound eines Kinderklaviers mit weißen und manchmal nur aufgemalten schwarzen Tasten inspirieren lassen, verrät Karin Falkenberg.

"John Cage hat 1948 eine Suite für Toy Piano geschrieben. Damit hat er dieses Instrument geadelt. Also, wir wissen von ihm nicht, ob er eventuell als Kind selber darauf gespielt hat. Diese Information fehlt. Aber er hat als einer der ersten professionellen Musiker einen kleines Spielzeugklavier innendrin mit einem Glockenspiel genutzt, um eine wirklich anspruchsvolle Suite zu komponieren. Diese Suite ist in Notenform hier in der Ausstellung vorhanden. Wer kann, kann die hier nachspielen."

Aber nicht nur Freunde von Tastenmusik kommen in der kurzweiligen Schau auf ihre Kosten, sondern auch Liebhaber von Schlagwerk – von Kochtöpfen oder Waschbrettern, die im Museum einsatzbereit herumstehen. Geschnitzte Weidenflöten, Gießkannen zum Hineintröten, Miniatursaxophone, Plastikklarinetten oder auch "Blechblasinstrumente" setzen weitere Akzente, wie beispielsweise ein entzückendes Waldhorn aus Pappe beweist. Liebevoll wurde es mit Goldfarbe bemalt und mit einem hölzernen Mundstück versehen.

"Es gab in Nürnberg eine Tradition der Blechblasinstrumentenbauer für professionelle Musiker. Und die haben auch Spielzeuginstrumente hergestellt. Das hat sich verstärkt im 18. und 19. Jahrhundert. Da war die Fülle der Angebote gigantisch. Es gab Spielzeuginstrumente quasi in jeder erdenklichen Größe: bei den Klavieren, ähnlich bei den Pfeifen, bei den Trompeten, bei den kleinen Klarinetten etc. Es gab alles in allen Größen."

Scheußlichkeiten aus Plastik

Die ambitionierte Schau klammert auch Scheußlichkeiten nicht aus und hat deshalb keine Scheu, etwa eine quietschbunte Elektronik-Geige aus Plastik zu zeigen – mit fünf gespeicherten Liedern. Und die sind dann ganz mühelos, ohne den Geigenbogen umständlich betätigen zu müssen - zu hören: per Knopfdruck. Auch im Kinderzimmer hat die Zukunft längst begonnen.

Inzwischen verschwundene und wegen ihrer Fragilität nicht mehr einsetzbare Spielzeugraritäten wie beispielsweise das "Trombino", eine mit Lochstreifen spielbare Kindertrompete,  machen allerdings deutlich, dass die Zukunft manchmal auch ganz schnell wieder Schnee von gestern sein kann.

Trommeln aus der Konservenfabrik

Natürlich sind in der Präsentation jede Menge Trommeln zu sehen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren sie vor allem Spielzeug für Jungen. Bespannt waren die Trommelkörper mit Fell und Pergament, später auch mit Kunststoff oder Blech, wie ein besonders schön bemaltes Exemplar dokumentiert, das in einer Konservenfabrik gefertigt wurde. Der Protagonist von Günter Grass’ "Blechtrommel", Oskar Matzerath, der hinter Glas auf einer Fotografie aus dem gleichnamigen Film zu sehen ist, lässt grüßen.

"Die Ausstellung ist bunt gemischt von wunderbaren wertvollen Objekten bis hin zu ganz, ganz einfachen, alltäglichen  Produkten, weil Spielzeug eben so breit ist. Spielzeuginstrumente sind teilweise wirklich wertvolle einzelne Objekte, alte Instrumente, die wir hier haben und ganz einfache Bläserle aus Plastik, die nur einen Ton von sich geben, die man im Prinzip als Jahrmarktmitgebsel oder als Pfennigprodukt hergeben hat oder als Trostpreis für die Kinder."

Spieluhren runden in Nürnberg den spannenden Parforceritt durch die Geschichte der Spielzeuginstrumente ab: von der Bronzezeit bis zur Gegenwart. Sehr sehens- und auch sehr hörenswert.

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