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StartseiteForschung aktuellHungerkrise durch lokalen Atomkrieg? 07.04.2015

Nukleare Bedrohung Hungerkrise durch lokalen Atomkrieg?

Die symbolische Atomkriegsuhr des "Bulletin of the Atomic Scientists" steht derzeit wieder auf drei Minuten vor zwölf. Dabei geht es keinesfalls nur um den Kampf der Supermächte. Auch kleinere Nuklearkonflikte sind möglich, unter anderem zwischen Pakistan und Indien. Welche Folgen ein solcher Krieg für die Nahrungsmittelversorgung der Welt hätte, haben US-Forscher berechnet.

Von Dagmar Röhrlich

Ausgetrockneter Boden  (AFP PHOTO / Nelson Almeida)
Den Berechnungen der Forscher zufolge würde ein atomarer Konflikt zwischen Indien und Pakistan die globalen Niederschläge um zehn Prozent sinken lassen: mit gravierenden Folgen für die Landwirtschaft. (AFP PHOTO / Nelson Almeida)
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Schon seit den Staatsgründungen von Indien und Pakistan im Jahr 1947 schwelt der Kaschmirkonflikt. Es kam und kommt immer wieder zu Zwischenfällen - nur dass die beiden Nationen inzwischen über mehr als 100 Atomwaffen verfügen. Tendenz: steigend. Die Nukleartests der Kontrahenten legen nahe, dass ihre Sprengköpfe etwa die Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe haben. Angesichts dieser Eckdaten fragen sich Klimaforscher, welche Folgen ein atomarer Konflikt zwischen beiden Nationen für die Umwelt hätte:

"Was würde bei einem Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan passieren? Welche Folgen hätte ein solcher regionaler Krieg für die Welt? Dabei spielt unter anderem eine Rolle, dass es in beiden Ländern Megastädte gibt, die bei einem Atomkrieg in Brand gerieten. Schätzungen zufolge würden diese Feuersbrünste mehr als sechs Millionen Tonnen an Rauch freisetzen, wenn jedes Land die Hälfte seines nuklearen Arsenals einsetzen würde",

erläutert Alan Robock von der Rutgers University in New Jersey. Um die Folgen konservativ abzuschätzen, rechneten er und seine Kollegen durch, wie fünf Millionen Tonnen Rauch und Ruß das Klima verändern würden. Das Ergebnis:

"Ein in der Menschheitsgeschichte nie da gewesener Klimawandel"

"Es gab keinen nuklearen Winter, aber die globale Durchschnittstemperatur sank schlagartig um 1,25 bis 2 Grad Celius. Das wäre ein in der Menschheitsgeschichte nie da gewesener Klimawandel."

Zum Vergleich: Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf Sumbava im Jahr 1815 ließ die Durchschnittstemperatur um 0,5 Grad sinken, 1816 war das "Jahr ohne Sommer". Ein regionaler Atomkrieg in den Tropen hätte durch den Ruß sehr viel langlebigere Folgen:

"Die Brände setzen im wesentlichen schwarze Partikel frei, die sich innerhalb weniger Wochen in der Stratosphäre wie ein Schleier rund um den Globus legen. Weil diese schwarzen Partikel sich aufheizen, erhalten sie Auftrieb: Anders als die hellen Schwefelaerosole eines Vulkanausbruchs verschwinden sie nur langsam wieder aus der Stratosphäre. Die Durchschnittstemperatur liegt noch zehn Jahre später um ein halbes Grad niedriger als zuvor. Außerdem laufen in dieser Zeit Prozesse ab, die die Ozonschicht schädigen, sodass mehr ultraviolette Strahlung bis zur Oberfläche gelangt."

In den Modellrechnungen sanken die Niederschläge um zehn Prozent - und zwar global betrachtet. Dabei waren die regionalen Unterschiede sehr groß: So brächte der Monsun 40 Prozent weniger Regen. Das alles hätte Folgen für die Landwirtschaft:

"Wir haben berechnet, wie sich die Produktion von Reis verändern würde, die von Winterweizen und Mais. In China, dem größten Nahrungsmittelproduzenten überhaupt, sänke im ersten Jahr die Produktion von Winterweizen um 50 Prozent, die von Reis um 24 Prozent und von Mais um 23 Prozent. Die Folgen wären noch nach zehn Jahren spürbar."

Auch in den USA ginge die Nahrungsmittelproduktion deutlich zurück - ein Ergebnis, das sich auch in den ersten Berechnungen für andere Länder der Nordhalbkugel abzeichnet. Weil das Meer Temperaturunterschiede abmildert, sind Küstenzonen weniger betroffen als das Binnenland - wo jedoch die besonders produktiven Zonen liegen.

"Wir vermuten, dass es eine Panik geben würde. Weil in den wichtigsten Anbaugebieten weniger Lebensmittel produziert werden könnten, bräche wahrscheinlich der Handel ein. Bei einem Atomkrieg zwischen Pakistan und Indien würde weniger als ein Prozent des derzeitigen Atomwaffenarsenals eingesetzt. Selbst eine unter diesem Aspekt so begrenzte Auseinandersetzung, führte zu einem Zusammenbruch auf globaler Ebene."

In der Welt gäbe es so etwas nicht wie einen begrenzten, regionalen Atomkrieg - unter den Folgen würden immer alle leiden, schließt Alan Robock.

 

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