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StartseiteHintergrundNur die Starken überleben10.07.2006

Nur die Starken überleben

Über die desolate Situation illegaler Migranten in Afrika

Im Rahmen einer euro-afrikanischen Konferenz, die derzeit in der marrokanischen Hauptstadt Rabat stattfindet und an der Vertreter aus 60 Ländern Afrikas und Europas teilnehmen, soll ein Aktionsplan gegen illegale Migration in den Westen verabschiedet werden. Bisherige Maßnahmen zur Eindämmung der Flüchtlingsströme haben kaum etwas bewirkt. Die Lage ist weiterhin prekär.

Von Rüdiger Maack

Flüchtlingsboot aus Afrika im Hafen von Teneriffa. (AP)
Flüchtlingsboot aus Afrika im Hafen von Teneriffa. (AP)
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Boubakar Abale und seine Freunde sitzen im Schatten eines verfallenden Kolonialhauses und spielen Karten. Sie sitzen im Staub, umgeben von Müll, ein paar Ziegen und Schafen, und ein paar anderen Illegalen, die wie sie in dem ummauerten Gelände leben. Das verfallende Haus, in dem eine malische Familie wohnt, steht im Zentrum von Gao.

Wir sind in Mali - zwischen Senegal und Algerien gelegen. Gao ist eine Stadt, die in Westafrika jeder kennt, obwohl sie am Eingang zur Wüste liegt, mehr als 1000 Kilometer von der malischen Hauptstadt Bamako entfernt ist, und es hier außer Staub, Dreck, Hitze, Insekten und Geländewagen nichts gibt.

Aber wer nach Europa will, und kein Geld für ein Flugticket hat, muss nach Gao: Von hier fahren die Konvois durch die Wüste - nach Libyen im Nordosten, nach Niger im Osten, nach Algerien im Norden und seit neuestem auch nach Mauretanien im Westen. Und von da aus soll es nach Europa gehen: nach Italien, Spanien oder auf die kanarischen Inseln.

Der 19-jährige Boubakar und seine Karten spielenden Freunde wollten da hin. Sie kommen aus Senegal, sind allesamt Bauern und haben sich unterwegs kennen gelernt. Bis Algerien hatten sie es geschafft, doch dann wurden sie verhaftet und nach Mali abgeschoben.

"Sie haben gesagt, meine Dokumente wären gefälscht, und der Einreisestempel auch. Ich konnte mich nicht wehren. Dabei sind sie alle in Ordnung! Dann haben sie sie uns abgenommen und uns abgeschoben. Einige unserer Gruppe sind verschwunden, wir wissen bis jetzt nicht, wo sie sind. Ein paar Malier haben uns schließlich an einem Ort in der Wüste gefunden, wo es weder zu essen noch zu trinken gab. Wir sind mehr als drei Tage gelaufen. Ein paar sind gestorben!"

Seit gut zwei Wochen sind sie jetzt hier. Das letzte Mal hat er vor drei Tagen etwas gegessen, sagt Boubakar.

"Ich möchte zurück nach Hause und mich um meine kleinen Brüder kümmern, die ich zurückgelassen habe. Der Platz hier ist wirklich schlecht, alles voller Staub und Mücken, alles! Guck dir an, wie wir hier leben! Keiner von uns hat eine Unterlage, wir schlafen im Sand. Ich selbst habe noch nicht einmal eine Decke, die habe ich in Algerien verloren. Ich bin hier angekommen, mit dem, was ich am Leib trage. Waschen, Duschen, das ist schwierig, das kostet 50 Franc. Wenn du kein Geld für Essen hast, wo soll das Geld fürs Duschen herkommen? Wir sind einfach nur fertig. Selbst um auf die Toilette zu gehen, müssen wir fast zwei Kilometer ins Gelände außerhalb der Stadt gehen."

Zu Hause bewirtschaftete Boubakar knapp einen Hektar Land. Allein. Seine Eltern sind gestorben, er versorgte jüngere Brüder und Schwestern. Reis, Hirse und Erdnüsse reichen nicht für alle - geschweige denn dafür, das Schulgeld für die Kleinen zu bezahlen. Also hat er sich nach der letzten Ernte aufgemacht Richtung Europa.

"Ich glaube, dort ist es besser als in Afrika. Ich habe die Leute gesehen, die in Europa waren und was sie jetzt bei uns machen. Sie haben alles! Sie tun viel für ihre Eltern und Familien. Ich will Geld dort verdienen. Mit dem Geld komme ich dann zurück, um für meine kleinen Brüder zu sorgen. Eines ist klar: Von der Landwirtschaft können wir alle zusammen nicht leben."

Sein Traum ist fürs Erste zerstört: Alles Geld, das er zusammengekratzt hatte, ist weg. Es waren immerhin 125.000 Francs, gut 180 Euro.

"Verschwendetes Geld! Hätte ich gewusst, was mich erwartet, wäre ich zu Hause bei meinen kleinen Brüdern geblieben. Einer von meinen jüngeren Brüdern geht zur Schule, und er hat kein Geld für Hefte und Bücher, weil ihm niemand etwas geben könnte außer mir. Und jetzt habe ich das Geld verprasst. Das tut weh."

Als er von seiner Familie erzählt, stehen ihm die Tränen in den Augen:

"Sie haben geweint und gesagt, ich solle sie nicht allein lassen. Ich habe ihnen gesagt, Gott wird sie beschützen, bis ich wiederkomme. Wenn ich wiederkomme, dann helfe ich euch auch, dorthin zu gehen. Das habe ich gesagt, aber es ging uns dort so schlecht, wirklich, jetzt gehe ich lieber wieder zurück, nur um sie wieder zu sehen und bei ihnen zu bleiben."

Eine Frisierstube könnte man diesen Raum wohl nennen, in einer Ecke steht ein tragbarer CD-Spieler, auf einer Bank wartet der nächste Kunde. Vor dem Eingang steht Kodjo. Er ist der Besitzer. Kodjo kommt aus Nigeria, trägt einen kleinen Spitzbart, hat einen kleinen Bauchansatz, und ist nie allein. Er ist immer umgeben von Freunden, die genau wie er aus dem Nichts auftauchen. Er besitzt zwei Frisiersalons, zwei Handys, und wenn man mit nigerianischen Emigranten sprechen will, die auf dem Weg nach Europa sind, dann kommt man um Leute wie Kodjo kaum herum.

Die Nigerianer stellen eine der größten Gruppen unter den Migranten - und sie sind bestens organisiert. Kodjo ist so ein Organisator. Er nennt sich "Chairman" eines Ghettos. Das Ghetto, das ist ein Ort, in dem die Emigranten kurzfristig unterkommen - am besten schön getrennt von Leuten wie Boubakar.

Eigentlich wollte auch Kodjo nach Europa. Seine Narben und ein schlecht ausgeheiltes Sprunggelenk zeugen noch davon: Er stand am Zaun der spanischen Enklave Melilla in Nordmarokko. Wer auf dieser Seite steht, ist in Afrika. Dahinter ist Europa. Fast jeden Abend haben Hunderte von Emigranten versucht, den Zaun zu übersteigen. Kodjo wurde geschnappt und abgeschoben.

"Ich habe hier in Gao Geschäfte gestartet: Ich habe einen Frisiersalon und ein zweites Geschäft. Ich kaufe und verkaufe. Manchmal gibt es Leute, die kommen nach Gao und wollen nach Europa und haben kein Geld, dann helfe ich ihnen. Ich erzähle ihnen von meinen Erfahrungen. Manchmal zeige ich ihnen die Transporteure und dann gehen sie."

Kodjo weiß, dass viele Emigranten sterben beim Versuch, die Wüste zu durchqueren, oder beim Versuch, über das Mittelmeer nach Spanien zu gelangen.

"Weißt Du, wenn Du einem Afrikaner einfach die Wahrheit sagst, dann wird ihn das auch nicht davon abhalten, das zu tun, was er sich vorgenommen hatte."

Kodjo ist 32. Er hat beste Verbindungen, reist auch ab und zu mal nach Algerien, um zu sehen, wie es seinen Landsleuten dort so ergeht. Er verdient gut an ihnen, aber er sagt, das sei alles nur für einen guten Zweck.

"Also, als Chairman helfe ich den Reisenden, und bekomme etwas dafür. Ich bekomme dann vielleicht eine Fahrtgebühr Kommission. Wenn jemand, sagen wir 8000 Francs bezahlt, von hier nach Kidal, und es sind fünf Leute, die gehen wollen, wird der Fahrer mir das Geld von einem geben. Damit kann ich dann bezahlen, wenn Landsleute völlig mittellos hier ankommen."

Das ist Sarah, ein hübsches Mädchen, die immerhin einfach, aber sauber gekleidet ist - Jeans und T-Shirt. Seit Januar ist sie in Gao - und sie will nur noch eines: so schnell wie möglich weg von hier. Seit Ende letzten Jahres schieben die algerischen Behörden regelmäßig illegale Durchreisende nach Mali und Niger ab.

Der Weg nach Norden ist teurer geworden: Jahrzehntelang war die Sahara zwischen Mauretanien, Mali, Niger, Algerien und Libyen ein größtenteils rechtsfreier Raum. Jetzt versuchen die Sahara-Länder mit massiver amerikanischer Hilfe, die Wüste zu überwachen. Amerikanische Soldaten führen Manöver durch, sie haben Lauschposten aufgestellt - all das macht den Transport Richtung Algerien schwieriger und teurer. Um die Abgeschobenen in Gao, die weder vor noch zurück können, kümmert sich keine Menschenrechtsorganisation und keine Bürgerinitiative.

Nur die katholische Kirche hat einen ihrer vier Pfarrer in Gao dazu abgestellt, sich um sie zu kümmern. Er hat keinen Etat. Manchmal kann er ihnen etwas zu essen bringen, manchmal ein Telefon, mit dem sie ihre Familien anrufen können. Wer es von der Wüste wieder zurück hierher schafft, sagt er, hat Glück gehabt: Nur die Starken kommen durch. Der Rest stirbt unterwegs.

Auf der anderen Seite der Wüste liegt Tamanrasset - die erste Stadt in Algerien. Wer nach Marokko will, kommt fast sicher hier vorbei. Manche kommen auch öfter vorbei, als sie wollen. George und Romeo zum Beispiel. Mit ihrem letzten Geld kaufen sie gerade bei einem kleinen Tante-Emma-Laden ein - Trockenkekse und Spaghetti. Auch Tamanrasset besteht zu weiten Teilen aus Sand und Staub. Doch wenigstens sind die Häuser hier rot getüncht, das macht sie weniger deprimierend als die in Gao. Tamanrasset ist die wichtigste Stadt in Südalgerien - 300 Kilometer von der Grenze zu Algerien entfernt.

George und Romeo kommen aus Kamerun. Romeo ist letztes Jahr aufgebrochen, George schon 2003. Er ist ein Veteran und mittlerweile schon das vierte Mal in Tamanrasset gelandet - abgeschoben aus Marokko oder Algier von der algerischen Polizei. Auch in Tamanrasset lässt man die illegalen Ausländer nicht in Ruhe: Alle paar Tage fahren Armee-Lastwagen mit Dutzenden Illegalen auf der eingezäunten Ladefläche Richtung Süden, und laden die Männer und Frauen im "Niemandsland" zwischen Mali und Algerien ab - zumeist in der Nähe des Grenzortes Tin Zawatine. Die Kameruner haben den Ort "Das Haus Satans" getauft.

"Es gibt Leute, die sterben da unten. Andere haben kein Geld mehr und können nicht mehr weg. Es gibt Leute, die sind schon seit drei Jahren dort, andere haben den Verstand verloren. Wenn du zuviel nachdenkst, kann das passieren. Es gibt Leute, die hungern, es gibt keine Arbeit."

Die Emigranten werden in der Wüste ausgesetzt - kilometerweit von Tin Zawatine entfernt. Immer wieder, erzählt Romeo, sterben Schicksalsgenossen bei Gewaltmärschen.

"Erst wurde er sehr schweigsam, dann sagte er immer wieder "Ich habe Durst". Aber es gibt nichts zu trinken. "Ich habe Hunger", aber es gibt nichts zu essen. Irgendwann konnte er dann nicht mehr laufen, und dann muss er kapitulieren. Wir haben ihn zuerst getragen, und als er gestorben war, haben wir ihn beerdigt und sind weiter."

In Tin Zawatine soll es ganze Gräberfelder geben. Vor ein paar Monaten ist die Modernität nach Tin Zawatine gekommen: Ein Büro von "Western Union" hat eröffnet. Die Glücklicheren unter den Abgeschobenen können sich jetzt Geld hierher schicken lassen - von ihrer Familie in der Heimat oder von Leuten, die es nach Europa geschafft haben. George war jedes Mal gleich wieder weg aus Tin Zawatine.

"Wenn ich hier bin, brauche ich zumindest ein Handy. Wenn Du dann in Tin Zawatine ankommst, kannst Du das einem Fahrer geben, der Dich wieder hierher zurückbringt. Dann rufst Du einen Freund an, der Dir 2500 Dinar gibt, die gibst Du dem Fahrer und der gibt Dir das Handy zurück."

George ist ein mittelgroßer jungenhafter Typ mit hellwachen Augen. Er trägt Schiebermütze und "Bayern-München"-Trikot. In Kamerun war er Automechaniker und was genau ihn dazu gebracht hat, sich nach Europa aufzumachen, kann er heute gar nicht mehr genau sagen. Er war 18, als er ging:

"Das habe ich doch im Fernsehen gesehen! Eines Tages habe ich mir dann die Karte Afrikas angeschaut. Und ich habe gesehen: Ich kann durch Nigeria, da war ich schon mal, das geht. Durch Nigeria, dann Niger, dann Algerien. Algerien ist neben Marokko, und Marokko ist neben Spanien. Also kann ich auch ein gutes Leben in Spanien haben!"

Aber daraus wurde nichts - stattdessen lebt er jetzt in Angst in Algerien. Sein Freund Romeo, der sagt, er sei Fußballspieler und wolle eine Profikarriere verfolgen, hat genug. Er will wieder heim:

"Jetzt versuche ich, hier ein bisschen Geld zu verdienen, und dann gehe ich heim. Also, falls ich es noch mal versuchen sollte, dann per Flugzeug und nicht durch Algerien durch."

Doch wie will er Geld verdienen? In der Nähe des Tante-Emma-Ladens verläuft der "Oued Tamanrasset", ein ausgetrockneter Flusslauf, der wie ein sandiges breites Band die Stadt durchschneidet. Überall an der Uferpromenade entlang treffen sich tagsüber die Emigranten. Sie sitzen auf der Mauer, mit der der Oued begrenzt ist, spielen Dame oder reden und warten auf Arbeit. Vor den Toren der Stadt, nahe dem Flughafen, entsteht eine neue Universität. Viele der Emigranten haben hier Arbeit gefunden - nur Wenige Geld:

"Hier in Tamanrasset können wir nirgendwo hin, es gibt keine Arbeit. Wenn uns jemand Arbeit gibt, dann lässt er uns einen ganzen Monat arbeiten, und am Ende des Monats ruft er die Polizei und lässt uns in die Wüste abschieben. Und so landen wir da ohne Geld. Jedes Mal, wenn ich hierher kam, habe ich mir Arbeit gesucht, und man hat mich kein einziges Mal dafür bezahlt, und jetzt arbeite ich nicht mehr."

An den illegalen Emigranten verdienen viele: Die marokkanische Regierung wird von der Europäischen Union mit Millionensummen dafür bezahlt, ihre Grenzen zu sichern. Marokkos Polizisten stehlen den Illegalen Geld und Wertsachen, bevor sie abgeschoben werden. Algerische Polizisten schauen bei Kontrollen weg, wenn man ihnen Geld in die Hand drückt. Bei Abschiebungen nehmen sie die Möbel der Emigranten mit. Die Bauunternehmer beuten ihre Arbeitskraft aus, ohne sie zu bezahlen. Mittlerweile hat sich um George und Romeo eine ganze Gruppe versammelt, die Diskussion wird heftiger. Der 22-jährige Nana Lè schaltet sich ein:

"Im letzten Jahr wurden alle Afrikaner, die nach Europa wollten, abgeschoben aus Marokko. Was haben die Europäer gemacht? Sie haben diese Abschiebungen finanziert. Sie haben den Marokkanern 40 Millionen Euro gegeben. Wissen Sie, dass man mit einer Milliarde Franc CFA, das ist ein Bruchteil dieser Summe, eine Firma gründen kann? Warum nehmen die Europäer dieses Geld nicht und investieren es in Afrika, damit man überall Firmen gründen kann, damit die Arbeitslosigkeit geringer wird? Soll uns die Europäische Union Geld geben, damit wir wieder abhauen? Dabei waren sie es, die unsere Reichtümer geplündert haben. Wir jungen Afrikaner, uns geht es schlecht wegen denen! Sie haben alles geplündert, alles!"

Golf heißt der Stadtteil Dakars, in dem das Haus von Ahmeds Onkel liegt. Ein Flachdachgebäude, mit ein paar einfachst eingerichteten Zimmern um einen offenen Innenhof. Zwei Mädchen fegen den Innenhof, im Hintergrund dösen zwei Hammel. Ahmed ist Schweißer von Beruf. Seit ein paar Monaten ist der 24-Jährige wieder in der senegalesischen Hauptstadt Dakar - 3000 Kilometer von seinem Ziel entfernt. Ahmed hatte es schon fast geschafft. 2004 hat er Dakar verlassen. Die Familie hatte Geld zusammengelegt. Damit sind er und ein Cousin nach Mali, und über Burkina Faso und Niger nach Libyen.

Dort haben sie Geld verdient, für die Weiterreise nach Marokko. Sie haben wochenlang im Freien geschlafen oder in Zelten übernachtet. Sie wurden zugeschneit und nass geregnet. Und eines Tages stand Ahmed Konté vor dem Zaun der zweiten spanischen Enklave in Nordmarokko: Melilla. Das war im Herbst, und es war die Zeit, als jede Nacht mehr Menschen versuchten, die drei Meter hohen Zäune mit selbst gebastelten Leitern zu stürmen. Als es deutlich mehr als 1000 waren, begannen spanische und marokkanische Grenzschützer zu schießen. Es gab Tote.

"Ich bin gesprungen, und zwischen den beiden Zäunen haben sie mich erwischt und den Marokkanern übergeben. Gleich in der Stadt Nador haben sie begonnen, uns zu verprügeln, wir hätten sie fast angegriffen, die wollten uns umbringen! Dann haben sie uns irgendwann in Ruhe gelassen. Wir wurden drei Tage lang in einem Bus Richtung Süden nach Tan-Tan gefahren. Wir hatten Angst, sie würden uns in der Sahara aussetzen. Sie haben uns unser Geld gestohlen, sie haben alles genommen, was wir hatten. Wir sind mit leeren Händen zurückgekommen. Das war hart."

Die marokkanische Armee hatte bereits Hunderte in der Wüste ausgesetzt. Nach internationalen Protesten, wurden sie in Kasernen gebracht und dann per Flugzeug abgeschoben. So reagierte Marokko auf den wachsenden Druck der Europäischen Union, die Angst hat vor der Einwanderung aus dem Süden. Im September und Oktober 2005 wurden über 3000 Menschen von Marokko aus nach Mali, Senegal und Nigeria geflogen. Ahmed war einer von ihnen:

"Ich habe mich geschämt, nach Hause zurückzukehren, wirklich geschämt. Aber im Leben darf man die Hoffnung nicht verlieren. Ich habe meinen Onkel angerufen und bin dann nach Pikin gefahren. Aber sie waren mittlerweile hierher umgezogen, ich kannte die Adresse nicht, und er hat mich dann dort abgeholt. Der Anruf hat mich ziemlich überrascht. Gut, er sagte, Onkel, ich bin wieder da, hol mich ab. Das habe ich getan, als wir nach Hause zurückkamen, war die ganze Familie da, und hat geweint. Die Umstände seiner Rückkehr waren traurig. Er hatte nichts außer einem Hemd und der Hose, die er am Leib trug."

Samba Roubalde, Ahmeds Onkel, hat nicht nur Ahmed aufgenommen: Er hat acht eigene Kinder und sechs von der weiteren Verwandtschaft aufgenommen - die anderen leben auf dem Land. Doch Roubalde kann sie nicht alle versorgen: Er bezieht eine bescheidene Rente und ist der einzige, der Geld bekommt.

"Wenn wir heute die Jungen dazu drängen, in Europa ihr Glück zu suchen, dann weil sie damit ihrer Familie helfen können. Dort verdienen sie mehr. Deswegen lassen wir unsere Jungen gehen. Schauen Sie sich um in diesem Haus! Mehr als 14 Leute, und ich bin der einzige, der für sie aufkommt, hier schlafen vier Jungen wie er. Keiner hat Arbeit, die sind hier zusätzlich zu meinen eigenen Kindern. Ich muss Wasser und Strom und Telefon bezahlen, und das Essen und andere Ausgaben. Einer, der emigriert, kann mir aus Europa jeden Monat Geld schicken. So geht das."

Die Scham, der Familie unter die Augen zu treten und das Geld verschwendet zu haben, das sie in ihn investiert hatten - das war für Ahmed das Schlimmste. Mit seiner Cousine Kumba hat er bis heute nicht über seine Reise geredet.

"Das war sehr traurig. Da geht er schon weg als illegaler Emigrant, das ist sehr hart. Und Du hoffst, eines Tages wird er sein Leben meistern können, und dann schafft er es noch nicht einmal nach Europa. Und man schiebt ihn ab, das war sehr traurig!"

Kumba ist 19, und sie macht bald Abitur. Danach möchte sie studieren - am liebsten in Europa. Aber wenn, dann nur mit Visum - "illegal, nein danke", sagt sie. Sie erinnert sich noch genau an den Tag, als Ahmed zurückkam:

"Ich war in der Schule. Als ich zurückkam, laufe ich Ahmed vor der Tür über den Weg. Und ich ahnte doch nicht, dass er eines Tages in diesem Zustand zurückkommen würde! Das war eine große Überraschung. Ich habe mich zu sehr geschämt, um ihm Fragen zu stellen. Ich habe nichts gesagt, und dann bin ich reingegangen und habe meine Mutter gefragt, und sie hat mir die Situation erklärt. Bis heute habe ich ihm keine Fragen gestellt. Manchmal erzählt er von sich aus meinen Brüdern, was ihm alles passiert ist, aber mir niemals. Ich mische mich nicht in sein Leben ein. Vielleicht ist es göttlicher Wille, also ich will mich da nicht einmischen."

Ahmeds Cousin ist mittlerweile in Spanien gelandet. Zwar meldet er sich ab und zu von dort. Geld hat er aber noch keines geschickt. Nur den Eltern ein bisschen. Und Fotos.

"Seit er weggegangen ist, hat er mir kein Geld geschickt. Aber da er gesund ist, und seine Aufenthaltserlaubnis hat, kann er sein eigenes Geld verdienen, und ich muss nicht mehr für ihn aufkommen. Darauf bin ich stolz."

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