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StartseiteForschung aktuellSchimpansen-Waisen zeugen selbst weniger Nachwuchs21.09.2020

Nutzen mütterlicher FürsorgeSchimpansen-Waisen zeugen selbst weniger Nachwuchs

Der Tod eines Elternteils hinterlässt bei Kindern tiefe Spuren - das gilt offenbar auch für Schimpansen. Zum Bespiel zeugten verwaiste Schimpansenmännchen weniger Nachkommen, sagte der Anthropologe Roman Wittig im Dlf.

Roman Wittig im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Zwei Schimpansen-Kinder laufen gemeinsam über den Rasen ihres Geheges "Pongoland" im Leipziger Zoo.  (Peter Endig, dpa )
Verwaiste männliche Jungtiere haben Wettbewerbsnachteile bei der Fortpflanzung (Peter Endig, dpa )
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Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzögertes Wachstum und gesundheitliche Probleme können die Folgen sein.Eine neue Studie des Taï-Schimpansenprojekts in der Elfenbeinküste belegt nun, dass bei Schimpansen verwaiste Söhne weniger konkurrenzfähig sind und weniger eigene Nachkommen haben als solche, die weiterhin mit ihren Müttern leben. Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat an der Studie mitgearbeitet

Lennart Pyritz: Spielen die Mütter - vergleichbar wie bei Menschen – auch bei Schimpansen über Jahre eine ganz entscheidende Rolle im Leben ihrer Kinder?

Roman Wittig: Schimpansen brauchen auch circa 15 Jahre, bis sie erwachsen sind, das heißt, das ist vergleichbar mit uns, und in dieser Zeit spielen Mütter eine ganz entscheidende Rolle. In den ersten fünf Jahren werden die Kinder gesäugt und werden herumgetragen, und danach bleiben die Kinder dann mindestens noch fünf, sechs Jahre fast die ganze Zeit bei der Mutter und lernen von ihr, was sie fürs Leben brauchen.

Wesentlicher Einfluss auf Fitness der Kinder

Pyritz: Es ist ja bekannt, dass Kinder, die ihre Mütter verlieren, verzögertes Wachstum oder gesundheitliche Probleme entwickeln können. Sie konnten in Ihrer Studie mit freilebenden Schimpansen in der Elfenbeinküste jetzt zeigen, dass bei denen verwaiste Söhne weniger konkurrenzfähig sind und weniger eigene Nachkommen haben als solche, die lange mit ihren Müttern gelebt haben. Wie haben Sie das eigentlich im Wald erforscht, und wie lange dauert das, Daten dafür zu sammeln?

Wittig: Das Tai Chimpanzee Project besteht schon seit 40 Jahren, hier in dieser Studie sind Daten von 30 Jahren eingeflossen. Wir folgen den Schimpansen jeden Tag, nehmen ihre Verhaltensdaten auf, und wir sammeln auch Kotproben von diesen Tieren, aus denen wir dann genetisches Material der Schimpansen entnehmen, und zum Beispiel Vaterschaftstests zu machen. Das heißt, wir wissen von jedem Tier, was in die Gruppe geboren worden ist, wer die Mutter und wer der Vater ist.

Buchcover "Mamas letzte Umarmung" von Frans de Waal vor einem grafischen Hintergrund  (Verlag Klett-Cotta / Deutschlandradio) (Verlag Klett-Cotta / Deutschlandradio)Buchkritik - Wenn Schimpansen trauern
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Pyritz: Was genau waren denn jetzt die Ergebnisse Ihrer Studie, also wie viele Nachkommen weniger haben Schimpansenmännchen, die relativ früh im Leben ihre Mütter verlieren?

Wittig: Wir sehen, dass Schimpansenmänner, die Waisenkinder geworden sind während ihrer Kindheit, nicht so lange die Alphaposition in der Gruppe einnehmen können, also der Boss der Gruppe sein können, und das hat einen direkten Einfluss darauf, wie viele Nachkommen diese Tiere tatsächlich zeugen. Waisenkinder haben ungefähr nur die Hälfte der Nachkommen, die nicht Waisenkinder haben.

Pyritz: Können Sie da eine konkrete Zahl dran machen, wie viel Kinder hat denn so ein Schimpansenmann im Freiland?

Wittig: Unsere Mittelwerte liegen nun bei circa einem für Waisenkinder und bei circa zwei Nachkommen für Nichtwaisenkinder, wobei man hier natürlich auch sagen muss, dass die Variation relativ groß ist.

Nachteile bei der Fortpflanzung

Pyritz: Was ist denn sozusagen der Mechanismus dahinter, also warum kommt die mütterliche Fürsorge offenbar den Männchen bei ihrer späteren eigenen Fortpflanzung zugute? Sind das Strategien, wie man am besten Nahrung findet, die die Mütter weitergeben, oder könnte das auch mit sozialen Kompetenzen zu tun haben?

Wittig: Mütter sind natürlich unglaublich wichtig in der Entwicklung von Kindern. Von den Müttern lernen die Kinder zum Beispiel, die richtigen Nahrungsbäume zu finden, aber sie lernen auch Strategien für den sozialen Umgang in der Gruppe. Schimpansen sind hochpolitische Tiere, die sowohl Freunde wie auch Feinde in ihren Gruppen haben, und diese Freundschaften und Feindschaften werden genutzt, um die eigenen Machtansprüche durchzusetzen. Das heißt, das ist ganz ähnlich wie in einer menschlichen Gesellschaft, dass Freunde einander helfen und Feinde auch die Feinde eines Feinds bekämpfen.

Pyritz: Könnte es bei uns Menschen ähnliche Effekte geben? Schimpansen gehören ja immerhin zu unseren nächsten lebenden Verwandten?

Wittig: Ich meine, wir sehen sehr, sehr ähnliche Effekte im Bereich Gesundheit, auch im Bereich Körperwachstum, und natürlich sind Rollenmodelle durch Eltern ein ganz wichtiger Anteil unserer Entwicklung. Ich denke, wir können davon ausgehen, dass die Rollenmodelle, die Kinder durch die Eltern haben, einen großen Einfluss darauf haben, wie sie hinterher als Erwachsene auf Situationen reagieren und wie sie mit Problemen umgehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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