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StartseiteForschung aktuellNutzennachweis fraglich20.12.2012

Nutzennachweis fraglich

Unsichere Zukunft für die Protonentherapie

Medizintechnik. - Die Protonentherapie für Krebs ist in die Krise geraten. Die Überlegenheit gegenüber der konventionellen Strahlentherapie ist nicht so leicht nachzuweisen wie gedacht, und dann sind auch die Preise, die deutsche Krankenkassen für die Behandlung zahlen, offenbar nicht kostendeckend. In Deutschland laufen Anlagen in Heidelberg, München und Berlin. In Essen und Dresden wird gebaut, während fast fertige Projekte in Kiel und Marburg wohl nie einem Patienten helfen werden.

Von Volkart Wildermuth

Am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt wurden auch Anwendungen für die Medizin entwickelt. (GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung / A. Zschau)
Am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt wurden auch Anwendungen für die Medizin entwickelt. (GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung / A. Zschau)

Physikalisch ist die Sache eigentlich klar. Röntgenstrahlen gehen quer durch den Körper, schädigen auch vor und hinter dem Tumor Zellen. Protonen und Schwerionen dagegen fliegen nur eine definierte Strecke durchs Gewebe erläutert Professor Jürgen Dunst von der Universität Lübeck und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie

"Bei der Partikeltherapie, das sind größere Teilchen, also keine Wellenstrahlung, bremst die Strahlung im Körper vollständig ab. Das heißt, außerhalb des Zielgebietes ist die Strahlenbelastung des gesunden Gewebes viel geringer."

Seit fast 60 Jahren forschen Mediziner und Physiker deshalb an der Protonen- und später der Schwerionen-Bestrahlung. Weltweit wurden rund 90.000 Patienten behandelt. Auch in Heidelberg, Berlin und München laufen Anlagen. Klar belegt sind die Vorteile der Partikel für Augentumoren und für Geschwülste, die entlang der Wirbelsäule oder an der Schädelbasis wachsen. Hier ist die Gefahr groß, bei einer normalen Bestrahlung Nerven zu schädigen. Dunst:

"Also die Studienlage im Moment bedeutet: Für etwa ein Prozent der Patienten ist der Erfolg erwiesen für etwa weitere zehn Prozent wird ein Erfolg sehr stark vermutet."

Vermutungen reichen aber nicht aus, warnt Klaus-Peter Thiele vom Kompetenzzentrum Onkologie des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Er zitiert eine Studie aus den USA zu Lungentumoren. Dort haben die Ärzte die Bestrahlungspläne von Röntgen- und Partikelstrahlung verglichen.

"Bereits der Bestrahlungsplan zeigte, dass die theoretische Überlegenheit der Protonen bei diesen Patienten sich erstaunlicherweise nicht manifestiert hat."

Das hat dem guten Ruf der Partikeltherapie aber nicht geschadet. Ärzte und Strahlenexperten sahen eine Chance Patienten zu helfen und gleichzeitig Geld zu verdienen. Klaus-Peter Thiele:

"Wir haben in Deutschland zwischendurch eine echte Goldgräberstimmung gehabt von sehr, sehr vielen Konzepten sehr, sehr vielen Projekten und wir haben die Befürchtung, dass diese Anlagen sich Ihren Markt suchen werden."

Die Krankenkassen bezahlen die Behandlungen von Tumorarten, bei denen der Nutzen bereits gesichert ist. Und darüber hinaus auch bei anderen Krebsarten im Rahmen von klinischen Studien. Mit rund 20.000 Euro pro Partikeltherapie liegt die Vergütung aber deutlich niedriger, als etwa in den USA. Damit müssen nicht nur die laufenden Kosten sondern auch die hohen Investitionen beglichen werden.

"Das bedeutet: Entweder muss die Anlage sehr viel preiswerter sein, oder man muss doppelt so viele Patienten behandeln. Und alle Hersteller, die in Deutschland Anlagen gebaut haben, Exell in München, IBA in Essen und auch Siemens in Marburg und Kiel haben genau das versprochen, dass sie die Anlagen schneller machen würden. Keiner hat es geschafft."

So Jürgen Dunst. Siemens zum Beispiel erklärt, dass sich die Feinabstimmung zwischen den 40, 50 komplexen Einzelkomponenten so einer Partikelanlage anders als gedacht einfach nicht beschleunigen lässt. Konsequent wird eine fast fertige Anlage in Kiel nun abgerissen, die schon zertifizierte Anlage in Marburg nur von Siemens Technikern genutzt, die Erfahrungen für einen Neubau in Shanghai sammeln wollen. Den Standort Marburg will Jürgen Dunst in jedem Fall für die deutschen Patienten erhalten.

"Ich halte es für ethisch quasi nicht vertretbar, eine solche fertige Anlage abzureißen und diese Anlage nicht in Betrieb zu nehmen, denn der laufende Betreib wäre ja wahrscheinlich kostendeckend machbar."

Aber auch wenn diese Anlage nie im klinischen Betreib genutzt wird, sieht Hans-Peter Thiele keine Versorgungslücken. Für die rund 1000 Patienten jährlich, die im Moment für eine Partikeltherapie in Frage kommen, gibt es genug Kapazitäten in Heidelberg, Berlin und München, genauso für klinische Studien. Forderungen, die Vergütung zu erhöhen um die theoretisch vorteilhafte Bestrahlung mit Protonen oder Schwerionen zu fördern, hält er für verfehlt.

"Am Anfang steht der Nachweis des überlegenen Nutzens und dann anschließend stellt sich die Frage nach den Preisen."

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