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StartseiteKultur heute"Odyssee - ein Atemzug"08.09.2005

"Odyssee - ein Atemzug"

Uraufführung einer Oper von Isabel Mundry an der Deutschen Oper Berlin

Nichts weniger als eine neue Sicht der Gattung Oper auf den Mythos haben sich die Komponistin Isabel Mundry und Bühnebildnerin Reinhild Hoffmann vorgenommen. In der Deutschen Oper Berlin hatte jetzt ihr "Odyssee - ein Atemzug" Uraufführung, Musiktheater an der Schwelle von Oper und Choreografie.

Von Georg Friedrich Kühn

Ein Atemzug - die Odyssee (Deutsche Oper Berlin)
Ein Atemzug - die Odyssee (Deutsche Oper Berlin)
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Deutsche Oper Berlin

Odysseus ist in diesem Stück ein sich selbst Beobachtender, lange stumm. Erst am Ende, als er auf Penelope trifft, singt er.

" Es ging mir erstens darum, dass Odyssee erstens nicht diese klassische Geschichte sein muss, obwohl ich mich darauf beziehe. Und es ging mir ganz besonders darum, dass Odyssee nicht einfach eine Reise ans Ende der Welt sein muss, sondern dass Phänomene, die in der Odyssee sehr vielschichtig thematisiert werden wie Erinnerung, Vergessen, Orientierungslosigkeit in der Zeitwahrnehmung, räumliche Desorientierung - dass das nicht eine Sache von großen Strecken sein kann, sondern dass das eine Erfahrung ist, die schon im intimsten Raum beginnen kann."

Die Komponistin Isabel Mundry. "Ein Atemzug - die Odyssee" nennt sie ihr Stück für Sänger, Tänzer, Instrumentalisten und Chor, alles andere als eine Literatur-Oper. Wahrnehmungs-Psychologisches steht im Mittelpunkt. Was ist Heimat, was Fremde?

" Deshalb habe ich vor diese große unendliche Wort Odyssee einen Begriff genommen, der die erste auch akustische Bewegung von innen nach außen thematisiert: nämlich den Atem, den wir immer haben, den wir oft vergessen, weil er bei uns ist, der uns aber auch fremd werden kann, wenn man in einem stillen Raum ist und plötzlich denkt man, mein Atem ist so laut - das ist eigentlich schon die erste Fremdheitserfahrung. Und diese Strecke wollte ich ausmessen."

Der Atem der Penelope, ihre Erinnerung an Odysseus löst das Geschehen aus. In der Inszenierung von Reinhild Hoffmann sitzt Penelope zu Beginn an der Brüstung über dem Orchestergraben. Zu ihren Füßen ein Akkordeonspieler. Odysseus schwebt auf einem Gestell hoch oben im Bühnenportal.

Eine multiple Figur - mal Athene, Hermes, Theresias oder Kirke - lenkt ihn auf seinen Wegen. Mundry hat sie mit einem Altus besetzt. Sie kleidet Odysseus bei seiner Rückkehr nach Ithaka auch neu ein.

Penelope verbringt ihre Zeit mit Webmuster-Knüpfen, die sie immer wieder auflöst. Mechanisch repetiert sie das noch, wenn sie auf Odysseus trifft. Sie sind einander fremd, berühren sich kaum. Odysseus bleibt heimatlos.

" Im Grunde geht es mir um den Begriff von Heimat: was ist eigentlich der Ort der Orientierung. Nicht in dem Sinn: das ist das Haus, wo ich geboren bin, sondern was ist überhaupt handlungsorientierend. Und Handlungsorientierung hat auch immer mit unserer Sozialisation, unserer Prägung zu tun. Aber ich glaube, jeder kennt das auch, dass man manchmal durch biografische Umbrüche tatsächlich ins Schwimmen gerät, dass man nicht mehr weiß, wie man sich richtig oder falsch verhält."

" Und letztlich um diesen Begriff, um die Erneuerung, Rekonstruktion und permanente Hinterfragung dieses Begriffes geht es mir. Heimat steht für Handlungsorientierung. Und bei Odysseus - er ist immer wieder mit der Frage konfrontiert: ess' ich jetzt Lotosblüten, vergess' ich jetzt alles, bleibe ich hier, lasse mich von den Sirenen korrumpieren, die mir versprechen, dass sie mich absolut loben und verherrlichen, oder gibt es etwas anderes, nach dem ich suche.

Und das Interessante ist: das andere ist zwar die Heimat, an die er sich erinnert, aber wenn er zurückkommt, erkennt er sie ja nicht mehr."

Der Text ist bis zu Odysseus' Rückkehr bloß assoziatives Laut-Material. Und Reinhild Hoffmann abstrahiert das schon abstrakte Geschehen mit ihrer Tanzsprache noch mehr.

Die Bühne, erarbeitet von Absolventen der Bühnenbildklasse von Hartmut Meyer an der Berliner Universität der Künste, zeigt einen offenen Raum mit umlaufenden Schaukästen einer Hemden- und Anzug-Auslage. Die Kästen können verschoben werden zu einem Laufsteg für die maskenhaften Freier. Das Orchester ist verteilt im ganzen Raum bis hinauf in den oberen Rang.

Am Ende gab es einhelligen Beifall für die vorzüglichen Sänger, Thomas Laske, Salome Kammer, Kai Wessel, den Dirigenten Peter Rundel und Regisseurin Reinhild Hoffmann. Besonders gefeiert Isabel Mundry. Ihr choreografisches Musiktheater erschließt sich nur langsam. Aber mehrmals hinhören und hinsehen lohnt.

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