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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Coronakrise zeigte die Stärke des deutschen Bildungssystems08.09.2020

OECD-BildungsberichtDie Coronakrise zeigte die Stärke des deutschen Bildungssystems

Die Coronakrise habe Deutschland noch mitten in der digitalen Steinzeit erwischt und die Schwächen des Bildungssystems offen gelegt, kommentiert Christiane Habermalz. Aber es hätten sich auch die Stärken des Systems gezeigt, die nun bei der Überwindung der Krise helfen könnten.

Von Christiane Habermalz

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Ausserbetriebliche Ausbildungsstätte der Handwerkskammer (HWK) Dortmund. Ausbildung zum KFZ Servicemechaniker. Hier: Auszubildende führen ihr Berichtsheft in der Werkstatt. Dortmund, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 22.09.2006 | Verwendung weltweit (picture alliance/JOKER)
Deutschlands duales System aus schulischer und betrieblicher Berufsbildung ist recht einzigartig - und erfolgreich, befindet die OECD (picture alliance/JOKER)
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Wie gut ein System funktioniert, zeigt sich oft erst in der Krise. Für Deutschlands Schulen und das deutsche Bildungssystem hat die Corona-Pandemie mit den wochenlangen Schulschließungen einiges an Defiziten aufgezeigt. Zu große Klassen, schlechte Sanitäranlagen, Lehrermangel - vor allem aber, wie schlecht Schulen und Lehrer digital aufgestellt waren.

Das zeigt jetzt auch noch einmal schmerzlich der OECD-Bildungsbericht: Nur ein Drittel der Schülerinnen und Schüler, so gaben es deutsche Schulleiter vor der Krise zu Protokoll, hätten Zugang zu einer digitalen Lernplattform gehabt - gegenüber 54 Prozent im Schnitt der OECD-Länder, und 90 Prozent in Dänemark oder Singapur. Viele deutsche Schulen wurden vom rund 17-wöchigen Lockdown noch mitten in der digitalen Steinzeit ereilt – und Kollegien verloren viel kostbare Zeit damit, ihre Schülerschaft zuhause überhaupt erst einmal zu erreichen.

Warnung vor einem verlorenen Jahrgang 

Dieser Befund deckt sich mit der Einschätzung der Eltern. In einer internationalen Umfrage des Technologieunternehmens Citrix glaubte nur jede zehnte Familie in Deutschland, dass der Wechsel zum Online-Unterricht reibungslos verlaufen sei – und landete damit auf dem letzten Platz von sieben Ländern von Australien bis Kanada. Welche langfristigen Folgen das haben wird, vor allem für diejenigen, die von zu Hause wenig Hilfe erwarten können, lässt sich kaum ermessen.

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Manche Bildungsforscher sprechen schon von einem verlorenen Jahrgang, die ökonomisch ausgerichtete OECD fasst es lieber in Wirtschaftszahlen: Auf drei Prozent weniger Lebenseinkommen durch Kompetenz- und Lernverluste würden sich für die betroffenen Jahrgänge die Schulschließungen summieren. Bis zum Ende des Jahrhunderts würden sich gar Hunderte Milliarden an Verlusten auftürmen.

Rettungsanker in der Coronakrise

Ob sich die Coronazeit so monetär verrechnen lässt, mag man bezweifeln. Die intellektuelle Auszeit so mancher Pubertierender dürfte eindeutig länger andauern als 17 Wochen – auch ohne Corona. Doch die Krise zeigt auch die Stärken des deutschen Bildungssystems: Ausgerechnet das von der OECD lange ignorierte duale System könnte zum Rettungsanker aus der Coronakrise werden. Jahrelang wurde Deutschland in den internationalen Bildungsvergleichsstudien für seine niedrigeren Studienquoten kritisiert. Jetzt lobt die OECD das deutsche duale System als Schlüssel für die Überwindung der Krise. Denn die betriebliche Ausbildung mit ihren hohen Beschäftigungsquoten sei eine gute Versicherung gegen Arbeitslosigkeit in der nun drohenden Rezession.

Allerdings hilft das duale System nur, wenn die Betriebe auch ausbilden – was sich viele Unternehmen angesichts der Corona-bedingt schlechten Wirtschaftslage dreimal überlegen dürften. Wie gut das deutsche Bildungssystem, und damit auch die Gesellschaft, durch die Coronakrise kommt, wird sich am Ende daran zeigen, welche Lehren daraus gezogen werden. Digitalisierung ist dabei ein Schlüssel. Und die Erkenntnis, dass das auch nicht alles ist: An Präsenzunterricht und engagierten, gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern führt kein Weg vorbei.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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