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StartseiteKultur heuteWortspiel und Wimmelbild29.10.2019

Ödön von Horváth am Deutschen TheaterWortspiel und Wimmelbild

Die Verrohung der Gesellschaft, das verunsicherte Kleinbürgertum, der aufkommende Faschismus - die Themen von Ödön von Horváth sind heute aktueller denn je. Am Deutschen Theater inszeniert Regisseur Jürgen Kruse nun "Glaube Liebe Hoffnung" - und sein kruder Kruse-Stil taugt für Horváth.

Von Michael Laages

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Linda Pöppel und Natali Seelig, v.l., während der Fotoprobe zu "Glaube Liebe Hoffnung" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, 24. Oktober 2019. // Von Ödön von Horváth. Regie: Jürgen Kruse. Bühne: Bernd Damovsky. Kostüme: Sophie Leypold. Premiere ist am 27. Oktober 2019. (www.imago-images.de)
Horváth-Heldin: Linda Pöppel als Elisabeth in Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" am Deutschen Theater (www.imago-images.de)
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Der "kleine Totentanz" hat schon begonnen, wenn wir die Plätze einnehmen. Speziell ganz vorn balancieren wir unter Wäscheleinen hindurch und an Bücherreihen entlang. Und links an der Bühne beobachtet uns dabei ein Polizist in Fantasie-Uniform. Wunderliche Wesen tappen durch den Raum, merkwürdige Klänge liegen in der Luft. Und kaum hat das Spiel dann wirklich angefangen, gibt eine große Verstorbene den Ton vor für dieses Delirium über und immer auch mit dem Klassiker Horváth. Therese Giehse, die unvergessene Brecht-Interpretin, spricht dessen "Ballade von den ertrunkenen Mädchen".

"Als sie ertrunken war und hinunterschwamm/
Von den Bächen in die größeren Flüsse/
Schien der Opal des Himmels sehr wundersam/
Als ob er die Leiche begütigen müsse!"

So wird es von nun an weiter gehen. Jürgen Kruse vermengt Horváths Panorama aus Aussichtslosigkeit und Untergang, 1932 fertiggestellt, mit sehr viel Zeitgenossenschaft: immer wieder mit Brecht, etwa mit dem "Lied von der Moldau", das sehr leise irgendwo hinten gesungen wird, aber auch mit dem "Stempellied" von Hanns Eisler und Robert Gilbert. Und weil Elisabeth, die immer wieder aller Chancen beraubte Horváth-Heldin, letztlich - wie von Brecht besungen - zum "ertrunkenen Mädchen" wird, singen dazu die meiste Zeit über rätselhaft und leise die Wale: alles wie unter Wasser.

Spinnennetz aus Zeichen und Texten

Wo immer Kruse, der ewige Hippie, dauerhaft gearbeitet hat, ist um ihn herum eine Art Gemeinde entstanden - das gelingt nicht vielen. Kruses eigen- und einzigartiger Stil bewegt sich immer im eigenen Kosmos und von dort aus auf die Stücke zu, um ihnen dann in furioser Detailvernarrtheit das Spinnennetz aus Zeichen und Texten überzuwerfen.

Zu Kruses Stil gehört die Behandlung der Sprache. Sie wird gegen die eigentliche Bedeutung gewichtet. "Kleine Worte", Konjunktionen, Präpositionen: All das ist Kruse wichtig, was wir kaum beachten im Alltags-Sprech. Das klingt oft ein bisschen affektiert und an langen Haaren herbei gezerrt. Bei Horváth aber, dem "Sprach-Verknapper", ist dieser Effekt sinnvoller und erhellender als sonst. Hier steht ja eh kaum ein Wort im Text, das nicht mindestens einen Doppelsinn hätte. Und auch die berühmten, in den Text geschriebenen Pausen funktionieren in Kruses Manier viel interessanter. Er pflegt sie in die Sätze selber ein. Und dass etwa Verneinungen oft angehängt werden bei Horváth, ist für Kruse eine Steilvorlage: "Ich sehe Dich - Pause - nicht."

Gesellschaftspanorama fundamentaler Verarmung

So schärft der Regisseur den Text intern, schreckt aber auch vor überdrehten Wortspielereien nicht zurück. Und der Wörtersee wird für den Blick von außen immer auch zum Wimmelbild: Eine Litfaßsäule auf Bernd Damowskis Bühne verweist eben auf "Körperwelten" wie bei Gunther von Hagens, logisch, weil ja auch Elisabeth in aussichtsloser Lage den eigenen Körper der Anatomie verkaufen will - zu Beginn. Und über zahllosen Rumsteherchen im ewigen Halbdunkel thront auch wieder ein Globus in Kruses Welttheater.

Exquisiter Musikgeschmack kommt hinzu, diesmal stark konzentriert auf Uralt-Schlager, die die Beziehungsunfähigkeit aufnehmen aus Horváths Gesellschaftspanorama fundamentaler Verarmung.

Kruse taugt auch für Horvárth

"Keine Karikatur!" Das Postulat steht auf dem Programm-Faltblatt. Stimmt! Jürgen Kruse karikiert die Fabel überhaupt nicht. Elisabeth jagt werktreu hinter dem "Wandergewerbeschein" her und verstrickt sich dabei immer stärker in kleine Rechtsbrüche. Und ausgerechnet im Zusammensein mit dem traurigen Polizisten vom Beginn nützt weder Glaube noch Liebe noch Hoffnung.

"Aber es könnte doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen." - "Also, das ist viel...so viel. Was gefällt Dir denn - eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur selten dazu - an mir?" - "Alles!"

Linda Pöppel und Manuel Harder sind ein starkes Kruse-Paar im Zentrum, gerade weil sie die Präsenz des wimmelnden Kollektivs nie infrage stellen. Klar, wie immer gibt’s auch Momente, in denen das Spinnennetz kleine und größere Risse hat, doch Kruses Methode, dieser krude Kruse-Stil, taugt auch für Horváth.  

  

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