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StartseiteKulturfragen„Es gab keine Kommunikation zwischen Theater und Politik“31.05.2020

Öffnung von Theatern und Opernhäusern„Es gab keine Kommunikation zwischen Theater und Politik“

Die Bühnen in NRW dürften wieder öffnen, bleiben in vielen Städten aber trotzdem zu, etwa in Aachen. Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und rund 30 Mitarbeitende hatten sich im März mit dem Coronavirus infiziert. Die Öffnung der Häuser beurteilt er skeptisch - auch aus praktischen Gründen.

Michael Schmitz-Aufterbeck im Gespräch mit Barbara Behrendt

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Blick auf das Stadttheater Aachen mit Leuchtüberschrift über dem Haupteingang. (picture-alliance/ dpa/dpaweb / Horst Ossinger)
Erst am 9. Oktober heißt es wieder "Willkommen im Theater Aachen" (picture-alliance/ dpa/dpaweb / Horst Ossinger)
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Über die Ansage von Ministerpräsident Armin Laschet, die Theater dürften in Nordrhein-Westfalen schon am 30. Mai wieder öffnen, war Michael Schmitz-Aufterbeck "sehr überrascht". Man habe lange Zeit nichts von der Politik gehört und wäre vorab gern gefragt worden, wie man eine Öffnung überhaupt bewerkstelligen solle. "Wir haben nichts auf dem Spielplan, was wir unter diesen Bedingungen spielen könnten." Es habe zwischen Theater und Politik "überhaupt keine Kommunikation" stattgefunden. Und es sei derzeit gar nicht möglich, neue Produktionen zu zeigen, denn ein annähernd normaler Probenbetrieb sei noch nicht in Sicht.

Für die Absage der Ruhrtriennale seitens der Kulturpolitik zeigte Schmitz-Aufterbeck teilweise Verständnis: "Man hätte das Festival schon sehr stark verändern müssen."

Den Öffnungswettbewerb der Bundesländer sieht der wieder genesene Intendant kritisch: "Auch aus meiner eigenen Erfahrung heraus würde ich mir wünschen, dass man da ein bisschen vorsichtiger rangeht."

Open-Air-Theater ist keine Option

In der Aufgabe, die Balance zwischen Kulturauftrag und Gesundheitsschutz zu halten, sieht Schmitz-Aufterbeck sich ähnlich gefordert wie die Schulen, die zwischen Bildungsauftrag und Gesundheitsrisiko abwägen müssen.

Zwar würden in den nächsten Wochen und Monaten noch Theaterveranstaltungen und Konzerte unter freiem Himmel stattfinden – doch das seien mehr "kleine Versuche, das Publikum wieder anzulocken, im Kontakt zu bleiben, das hat nichts mit dem zu tun, was wir eigentlich machen wollen". Mehr Open-Air-Programm sei nicht möglich, weil das Ordnungsamt das nicht zulasse. Das Theater Aachen bleibt geschlossen und eröffnet offiziell erst wieder mit einer Schauspielpremiere am 9. Oktober.

Deutlich weniger Publikum

Bis dahin ist viel zu tun: Der Zuschauerraum muss nach Abstands- und Hygieneregeln umgebaut und zu einem "Kreislaufsystem" umstrukturiert werden – doch die größeren Schwierigkeiten sieht Schmitz-Aufterbeck für die Arbeit hinter der Bühne. Dort sei es eng in den Garderoben, der Kantine, dem Treppenhaus. Statt etwa zwölf Menschen dürften sich im Maskenraum künftig höchstens vier Personen aufhalten. Alles müsse zudem mit dem arbeitsmedizinischen Dienst abgesprochen sein.

In den Orchestergraben des Hauses passten unter den geltenden Regeln statt 70 nur noch acht bis neun Musiker. Im Saal wird es statt 730 rund 170 Sitzplätze geben. Die Zuschauer müssen beim Einlass und Ausgang Mundschutz tragen. Der Spielplan sei neu konzipiert worden, mit Inszenierungen mit weniger Personal – Genaueres will der Intendant nächste Woche bekannt geben.

Spielen braucht Nähe

Schmitz-Aufterbeck stimmt im Prinzip Thomas Ostermeier zu, dem Intendanten der Berliner Schaubühne, der Theater unter diesen neuen Bedingungen als "Theater zum Abgewöhnen" hält: "Für den Anfang ist es wichtig, dass man mit Regisseuren arbeitet, die sich der Situation mit einer gewissen Lust widmen. Aber auf die Dauer wäre das eine Katastrophe. Wenn man eine gewisse Sinnlichkeit auf der Bühne behalten will, dann braucht man auch Nähe."

Die Stimmung unter den Intendanten an anderen städtischen NRW-Theatern sei ähnlich wie an seinem Haus. Mit Theatern der freien Szene sei er nur in lockerem Kontakt, denn: "Wir waren einfach sehr beschäftigt mit den eigenen Problemen." Für die kleineren Häuser brauche es Unterstützung von Staat, Land oder Stadt. Die finanzielle Situation am eigenen Haus könne er für die Zukunft noch nicht einschätzen. "Der Wirtschaftsplan, den wir für die nächste Spielzeit aufgestellt haben, ist eigentlich Makulatur."

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