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StartseiteForschung aktuellBegrünte Dächer bieten seltenen Pflanzen Heimat10.09.2019

Ökologische VielfaltBegrünte Dächer bieten seltenen Pflanzen Heimat

Pflanzenarten wie die Frühlingshaferschmiele oder das Bergsandglöckchen sind hierzulande selten geworden. Sie wachsen an trockenen, nährstoffarmen Standorten und die sind in Deutschland selten geworden. Landschaftsökologen wollen den Gewächsen jetzt eine neue Heimat geben: auf Hausdächern.

Von Volker Mrasek

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Auch das Dach der Hamburger Umweltbehörde ist begrünt (Deutschlandradio/Axel Schröder)
Grüne Dächer sind im Trend - auch die Hamburger Umweltbehörde hat eines. (Deutschlandradio/Axel Schröder)
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Kleiner Vogelfuß, Frühlingshaferschmiele, feinblättriger Schwingel, raublättrige Schwingel - noch nie von diesen Arten gehört? Kein Wunder! Denn all diese Pflanzen trifft man in einem Vegetationstyp an, der selten geworden ist: in Trockenrasen-Gesellschaften. Seine Mitglieder sind die große Leidenschaft von Roland Schröder, Landschaftsökologe an der Hochschule Osnabrück: "Im Wesentlichen sind das Spezialisten, die eben an trockene, nährstoffarme, in dem Fall auch sandige Standorte angepasst sind."

Gehölzfreie Heide- und Graslandschaften – um die geht es. Solche Biotope seien nach und nach verlorengegangen, bedauert Kathrin Kiehl, Professorin für Vegetationsökologie und Botanik in Osnabrück.

"Diese Arten kommen nur noch in sehr kleinen  Naturschutzgebieten vor. Viele Flächen sind sehr stark aufgedüngt worden, mit Gülle. Aber auch Stickstoffeintrag durch die Luft hat viele Flächen verändert. Also, uns fehlen die nährstoffarmen Lebensräume."

Neue Lebensräume für gefährdete Arten

In Osnabrück sprießen die abtrünnigen Arten seit kurzem an einem ungewöhnlichen Ort: Roland Schröder und der Landschaftsplaner Daniel Jeschke haben die Wildpflanzen auf einem Hörsaalgebäude ausgesät – eine etwas andere Form der Begrünung von Hausdächern, sagt Jeschke: "Die Mischung, mit der wir zurzeit arbeiten, umfasst circa 40 Gefäßpflanzenarten."

Und Roland Schröder ergänzt: "Sandtrockenrasen-Arten sind in der Regel gefährdete Arten, und somit schaffen wir, wenn wir diese Arten nutzen für die Dachbegrünung, nochmal neue Lebensräume. Unser Ziel ist tatsächlich auch, am Ende des Projektes eine Wildpflanzenmischung zu haben, die für die Praxis nutzbar ist. Dass die Leute wissen: O.k., hier habe ich eine Mischung! Und wenn ich mein Dach so und so gestalte, kann ich die da ausbringen, und dann bekomme ich dieses entsprechende Vegetationsbild."

Wilde Dachbegrünung - erste Erfolge sind sichtbar

So weit sind die Forscher noch nicht. Doch auf Jahrestagung der Dt. Gesellschaft für Ökologie in Münster berichteten sie jetzt von ersten Erfolgen ihrer wilden Dachbegrünung. Roland Schröder: "Wir haben die ersten Vegetationserhebungen gemacht in diesem Sommer. Und das sind wirklich gute Ergebnisse, die wir erzielt haben. 79 bis über 80 Prozent der 41 Arten haben wir jetzt im ersten Jahr im Prinzip schon wiedergefunden, sind regelmäßig dort."

Habichtskraut und Heidenelke scheinen also auch auf Hausdächern klarkommen. Kathrin Kiehl wundert das nicht. Denn die Arten der Trockenrasen seien ja besonders anspruchslos.

Nur extrem genügsame Arten haben eine Chance

"So ein Dach, was die Traglast betrifft: Man kann dort nur ein sehr flachgründiges Substrat aufbringen. Das bedeutet also: Die Möglichkeiten für Pflanzen, das überhaupt zu durchwurzeln, dort Wasser und Nährstoffe zu finden, sind sehr gering. Und das heißt aber, dass diese Hungerkünstler, die also an diese extremen Lebensbedingungen angepasst sind, sich für diese Dachbegrünung auch gut eignen."

86 Quadratkilometer – so viel Dachfläche war in Deutschland im Jahr 2014 nach Zahlen aus der Branche begrünt. Heute müssten es über hundert Quadratkilometer sein. Und es kommen ständig neue Flächen hinzu. Würde man auf den Dächern künftig Wildpflanzen aussäen, hätte auch die Fauna etwas davon, so die Biologin Kiehl.

 "Gerade die Sandtrockenrasen sind sehr, sehr wichtig für Wildbienen, weil die da auch im Boden nisten. Man kann also solche Dächer auch noch weiter aufwerten. Dass man also tatsächlich noch solche Elemente wie kleine Sandhügel, Totholz und so weiter da miteinbringt, um dann auch den Wildbienen Nistmöglichkeiten zu bieten."

Auch Wildbienen profitieren von den Grünflächen

Genau das wollen die Osnabrücker Ökologen jetzt an einem zweiten Standort testen. Ein Getränkeabfüller in der Nähe stellt ihnen dafür das Dach seines neuen Logistikzentrums zur Verfügung.

"Da werden wir das, was wir bisher gemacht haben, auch im größeren Stil auf einer ein Hektar großen Fläche nochmal weiter erproben beziehungsweise dann eben das Ganze noch weiter anreichern mit den besagten Insekten-helfenden Biodiversitätselementen."

Roland Schröder kann schon mal damit beginnen, die Saatmischungen mit der Trockenrasen-Flora zu sortieren: "Im nächsten Monat wird begrünt."

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