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StartseiteInterview"Ich würde mein Geld Libra nicht geben"20.07.2019

Ökonom Bofinger zu Facebook-Währung Libra"Ich würde mein Geld Libra nicht geben"

Der Ökonom Peter Bofinger hat Verbraucher vor der geplanten Facebook-Digitalwährung Libra gewarnt. Für Facebook sei es ein "großartiges Geschäftsmodell", völlig wertlose Dinge gegen gutes Geld zu verkaufen, sagte er im Dlf. Verbraucher hätten keinerlei Anspruch, ihr Geld jemals wieder zurückzukriegen.

Peter Bofinger im Gespräch mit Jürgen Zurheide

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Peter Bofinger, Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweiser). (imago / IPON)
Der Ökonom Peter Bofinger warnt Verbraucher vor der geplanten Facebook-Digitalwährung Libra. (imago / IPON)
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Jürgen Zurheide: Facebook plant eine Digitalwährung, Libra soll sie heißen. Die Kurzfassung lautet: Wir können Geld eintauschen und bekommen dafür Libra, und Libra ist so etwas wie ein fester Wechselkurs oder an einen Währungskorb gebunden.

Facebook garantiert das Ganze, und man soll es auch zurücktauschen können. Das ist die Theorie. Das war die Kurzfassung. Was da wirklich hintersteckt, wollen wir bereden mit Peter Bofinger, den ich jetzt am Telefon begrüße. Guten Morgen, Herr Bofinger!

Peter Bofinger: Guten Morgen, Herr Zurheide!

Zurheide: Herr Bofinger, der Bundesbankpräsident hat sich diese Woche, fanden viele, erstaunlich positiv geäußert. Er hat zwar die eine oder andere Bedingung geknüpft an seine Einschätzungen und damit das funktionieren kann, aber er war durchaus positiv.

Ich will mal mit Ihnen die kritischen Punkte durchgehen. Also zunächst: Dieser Währungskorb, gegen das man da eintauscht, was versteckt sich denn eigentlich dahinter?

Bofinger: Ja, das ist gar nicht so einfach zu erklären. Ein Währungskorb, den kann man sich am besten vorstellen tatsächlich wie so einen Korb, in dem in der Kirche die Kollekte eingesammelt wird, in dem eben etwas Dollar drin ist, etwas Yen, etwas Renminbi, etwas Pfund Sterling und etwas Euro. Das heißt, wenn ich jetzt Euros habe und diese Libra-Tokens kaufe, dann tausche ich Euro in etwas, was etwa zu einem noch Euro ist, was aber zu zwei Dritteln Fremdwährung ist. Das heißt, ich habe damit ein Währungsrisiko.

Wenn ich also mein Geld nicht mehr in Euro halte, sondern in Libra, dann ist das spekulativ, weil ich jetzt eben zu etwa zwei Dritteln fremde Währungen halte. Also das Versprechen von Libra, dass ich damit eine stabile Währung habe, stimmt einfach nicht, weil ich eben meine stabile nationale Währung in einen Korb tausche, in dem auch fremde Währungen drin sind, die ja gegenüber dem Euro ganz ordentlich schwanken können.

Peter Bofinger, Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweiser). (imago / IPON)Peter Bofinger, Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre (imago / IPON)

Zurheide: Auf Deutsch: Ich werde zum Währungsspekulanten.

Bofinger: Ganz genau.

Zurheide: Kommen wir zu dem anderen Punkt, der ja zentral ist. Facebook sagt ja: Wir garantieren das. Das ist das Versprechen eines privaten Unternehmens. Punkt. Oder?

Bofinger: Ja, selbst das ist nicht so ganz eindeutig, denn nehmen wir das Beispiel, dass Sie jetzt 100 Euro in bar haben und Sie bringen das zu Ihrer Sparkasse, dann verspricht Ihnen die Sparkasse, dass Sie jederzeit von Ihrem Sparkassenkonto diese 100 Euro in bar zurückbekommen, und das ist rechtlich ganz klar auch geklärt.

Bei Libra ist das alles andere als klar. Ich gebe jetzt Euros an Facebook, kriege Libra zurück, aber - ich habe jetzt die ganzen Unterlagen gelesen, die Libra dazu ja auch ins Netz gestellt hat - es ist nicht die Rede davon, dass ich einen rechtlich verbindlichen Anspruch habe, dann auch wieder meine 100 Euro zurückzukriegen.

Das ist also offensichtlich nur so eine allgemeine Zusage, dass man das tut, aber es fehlt an der klaren rechtlichen Verbindlichkeit. Und damit ist das natürlich ein fundamentaler Unterschied zu einer klassischen Bank, wo ich eben immer für die 100 Euro, die ich reingebe, immer wieder den Anspruch habe, 100 Euro wieder zurückzubekommen.

"Libra-Tokens sind eher so eine Art Spielgeld"

Zurheide: Auf der anderen Seite, ich fasse das noch mal zusammen, jetzt umgangssprachlich: Facebook wird zu einer Art Bank, aber ohne Regulierung, ist das ein Strich, den wir da bisher drunter ziehen können?

Bofinger: Ja, ich finde das Wort Bank schon zu viel, weil die Bank immer dieses Versprechen gibt. Libra-Tokens sind eher so eine Art Spielgeld, das heißt, ich gebe mein gutes Geld hin, aber ich habe keinen Anspruch, das jemals wieder zurückzukriegen. Das ist eine reine Absichtserklärung, die da Libra macht. Aber sie ist, so weit ich das sehe, nicht rechtlich verbindlich.

Zurheide: Also um einen Strich drunter zu ziehen: Sie sind da einigermaßen skeptisch.

Bofinger: Also ich würde mein Geld Libra nicht geben. Man muss es umgekehrt sehen: Es ist ja ein großartiges Geschäftsmodell von Facebook. Sie produzieren diese Libra-Tokens, das kostet sie nichts, und verkaufen die gegen gutes Geld. Was will man denn mehr haben als Geschäftsidee, dass ich was völlig Wertloses gegen gutes Geld verkaufe? Und die Libra-Inhaber haben keinen richtigen Anspruch gegenüber Facebook.

Es ist auch kein Eigenkapital, man könnte ja sagen, wenn du Libra hast und der Laden läuft gut, dann kriegst du von uns eine Gewinnbeteiligung – auch das nicht. Also wirklich für Facebook ein tolles Geschäftsmodell, völlig wertlose Dinge gegen gutes Geld zu verkaufen.

Ein Smartphone mit Facebook-App vor einem Libra-Logo. (picture alliance/Kay Nietfeld/dpa)Im Juni stellte Facebook seine Pläne für die Kryptowährung Libra vor. (picture alliance/Kay Nietfeld/dpa)

"Wir brauchen mehr Wettbewerb bei den Zahlungssystemen"

Zurheide: Um das jetzt noch mal kurz abzuschichten, das ist ein ganz anderes Thema, aber die Bitcoins, das ist eine hochspekulative Geschichte, aber es kann theoretisch oder praktisch, wenn man richtig kauft und verkauft, noch einen Gewinn geben. Das ist hier völlig raus?

Bofinger: Also die Bitcoins sind von der Logik her ganz ähnlich, weil auch da keinerlei Anspruch gegenüber dem Emittenten besteht. Aber bei Bitcoins habe ich immer noch eine Chance, dass da eine Gewinnmöglichkeit drin ist, weil das Angebot an Bitcoin ja sehr, sehr starr ist, das heißt, neue Bitcoins werden ja nur geschaffen im Rahmen dieses sehr, sehr schwierigen Mining-Komplexes, das heißt, ich habe ein relativ starres Angebot.

Wenn die Nachfrage steigt, dann kann der Bitcoin auch im Wert steigen, das heißt, er hat ein Gewinnpotenzial. Bei Libra ist das anders. Wenn jetzt ganz viele Menschen mehr Libras wollen, dann gibt die Libra-Gesellschaft einfach mehr Libras aus. Das heißt, der Kurs ist nach oben hin völlig gedeckelt.

Zurheide: Ziehen wir noch mal einen Strich drunter. Die Grundfrage, die dahinter steht, ist doch: Brauchen wir überhaupt so etwas wie private Währungen, oder privatisieren wir da einen weiteren Bereich unseres gesellschaftlichen, ökonomischen Lebens, was wir in anderen Bereichen ja schon längst hatten mit Konsequenzen, die katastrophal waren zum Teil?

Bofinger: Also wenn man das jetzt zu Ende durchdenken würde und man würde sagen, tatsächlich, Libra schafft es, die Weltwährung zu schaffen, dann, würde ich sagen, ist das sicher keine Entwicklung, die wünschenswert ist, denn man hätte dann ein privates Geldmonopol, und da, muss ich sagen, sind mir die staatlichen Geldmonopole lieber, und die haben ja auch nicht so schlecht funktioniert.

Wir haben ja in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sehr niedrige Inflationsraten gehabt. Das heißt also, diese staatlichen Geldanbieter haben es ja geschafft, dass das Geld, das wir im Alltag verwenden, vergleichsweise stabil ist.

"Ich würde eine Verbraucheraufklärung machen"

Zurheide: Na, die Grundfrage ist ja: Warum kommen dann überhaupt solche Dinge auf, weil möglicherweise der Zahlungsverkehr, ist das das Versprechen dahinter, abgesehen von dem Gewinninteresse von Facebook, dass natürlich für die Konsumenten gesagt wird, der Zahlungsverkehr wird einfacher. Das könnte man doch auch anders regeln, oder?

Bofinger: Also das ist ja der entscheidende Punkt: Nach wie vor ist es relativ teuer, wenn ich jetzt in den USA eine Zahlung machen müsste von Deutschland ausgehend. Die Kosten sind relativ hoch. Das heißt, wir brauchen da mehr Wettbewerb bei den Zahlungssystemen. Aber bei den Zahlungssystemen ist es ja überhaupt nicht notwendig, dass man die gleichen Währungen hat.

Das heißt, wenn ich mit meiner Master- oder Visakarte jetzt in den USA Urlaub mache und alles in Dollar bezahle, dann wird das ja auf meinem Euro-Konto verbucht. Das heißt, entscheidend sind funktionsfähige Zahlungssysteme. Was man überhaupt nicht braucht, sind einheitliche Währungen.

Zurheide: Wie kommen wir dahin? Wo brauchen wir jetzt Regulierung und wo nicht, oder wo ist Regulierung dann auch vielleicht zu viel?

Bofinger: Na, ich habe ja auch das Vertrauen drauf, dass jetzt im ganzen Zug der Digitalisierung der Wettbewerb bei den Zahlungsverkehrssystemen zunimmt. Da ist ja schon eine ganze Menge in Bewegung, und da habe ich Vertrauen darauf, dass der Wettbewerb diese Zahlungssysteme preisgünstiger macht, dass also internationale Zahlungen billiger gehen. Und dann braucht man keine Libra.

Zurheide: Das heißt aber, staatliche Regulierung und die G7 haben sich mit dem Thema Libra beschäftigt, sollten hingucken, und Herr Weidmann müsste vielleicht auch etwas deutlicher die Risiken betonen, was wäre Ihr Rat an ihn?

Bofinger: Also mein Rat wäre, eine Verbraucheraufklärung zu machen, den Verbrauchern zu sagen, das ist ein hochriskantes Aktivum, das ist alles andere als sicher, also genau das, was Libra verspricht, wird nicht gehalten, lasst die Finger davon.

Und ich denke, das halte ich für wirksamer, als wenn man von vornherein mit Verboten an die Sache herangeht, dass am Schluss Libra als Märtyrer dann da steht. Also ich würde zunächst mal auf Aufklärung setzen und bin dann eigentlich ziemlich zuversichtlich, dass Libra dann auch keine Chance hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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