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StartseiteInterviewÖkonom Otte fordert erneut europäische Ratingagentur16.11.2011

Ökonom Otte fordert erneut europäische Ratingagentur

Regulierungsvorschläge der EU-Kommission reichten nicht aus, um Dominanz der US-Agenturen zu brechen

"Die amerikanischen Agenturen messen mit zweierlei Maß", sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Investmentfondsmanager Max Otte. Das Defizit der USA sei mehr als doppelt so hoch wie das Italiens, dennoch blieben die USA bei der Bestnote AAA. Nur eine europäische Ratingagentur könne hier als Gegenmacht wirken.

Max Otte im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Der Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Max Otte ist selbst Manager eines Investmentfonds. (Max Otte)
Der Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Max Otte ist selbst Manager eines Investmentfonds. (Max Otte)

Tobias Armbrüster: Die großen Ratingagenturen haben in der europäischen Haushalts- und Finanzkrise bislang eine große Rolle gespielt. Manche Leute sagen, ihre Rolle war vielleicht ein bisschen zu groß, denn wenn eine Ratingagentur ein Land in seiner Wertung herabstuft, dann kann das sofort Konsequenzen haben, wie wir etwa in der vergangenen Woche erlebt haben, als irrtümlich Frankreich herabgestuft wurde. Viele Politiker haben in den vergangenen Monaten geklagt, die Entscheidungsprozesse innerhalb dieser Ratingagenturen seien nicht transparent genug. Gestern hat nun die EU-Kommission Vorschläge gemacht, um das Geschäft der Ratingagenturen auf neue Füße zu stellen.
Am Telefon ist jetzt der Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor Max Otte. Er ist außerdem selbst Gründer und Manager eines Investmentfonds. Schönen guten Morgen, Herr Professor Otte.

Max Otte: Guten Morgen.

Armbrüster: Herr Otte, Sie haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder kritisch mit den Ratings befasst. Wenn diese Vorschläge der EU-Kommission jetzt offizielle Politik werden, ist die Macht der großen Ratingagenturen dann gebrochen?

Otte: Nein, leider nicht. Die Erpressungsspiralen, die wirklichen Probleme sind nicht behoben. Man legt den Agenturen einige Fesseln an, es werden vielleicht einige Exzesse vermieden, aber das grundsätzliche Problem der Erpressbarkeit von Staaten und der Tatsache, dass die Agenturen eben immer zu spät kommen und Probleme eigentlich verschärfen - sie sind zwar Boten, aber dadurch, dass der Mechanismus so ist, wird das Problem verschärft -, dieses grundsätzliche Problem bleibt bestehen.

Armbrüster: Was müsste die EU-Kommission stattdessen machen?

Otte: Ich habe ja genau an dieser Stelle hier bei Ihnen auch schon gefordert, was jetzt auch gefordert wurde und leider abgelehnt wurde: zeitweilige Aussetzung von Länderratings, Gründung einer europäischen Ratingagentur. Dann hätten wir wirkliche Gegenmacht. Die Ratingagenturen projizieren Macht, sie sind Machtinstrumente und dann brauchen sie letztlich Gegenmacht, um diese Spirale zu brechen. Und sie müssen die Macht nicht nur etwas bremsen. Und da wäre sicherlich eine europäische Ratingagentur sehr gut geeignet, denn die amerikanischen Agenturen messen mit zweierlei Maß. Es ist okay, Italien herabzustufen; was nicht okay ist, eine USA, die ein mehr als doppelt so hohes Defizit hat wie Italien, bei Tripple A zu belassen. Wenn sie so etwas machen, dann konzentriert sich die negative Stimmung auf Italien und die USA bleiben außen vor, und solche Dinge hat man noch nicht behoben mit dem jetzigen Vorschlag.

Armbrüster: Sie haben jetzt noch mal angesprochen diesen Vorschlag, Ratings zeitweise auszusetzen, wenn ein Staat in eine Krise gerät. Wäre so etwas nicht auch ein sehr deutliches Signal an Investoren, wenn Politiker sagen, wir verbieten euch Agenturen jetzt für kurze Zeit, Ratings auszusprechen? Wäre das nicht ein deutliches Signal dafür, dass ein Unternehmen oder ein Staat wirklich am Ende ist?

Otte: Natürlich, das muss man sagen, und das ist ja hier auch als Gegenargument gebracht worden. Besser wäre es natürlich, die eigene Ratingagentur zu haben und ein anderes Rating zu veröffentlichen, was natürlich stimmen muss. Aber wenn die Ratings über die verschiedenen Länder, USA, Europa und so weiter, einheitlich sind, was man jetzt zwar will, aber was lange, lange dauern kann - das kann man eigentlich nur schaffen mit einer eigenen Ratingagentur, die sofort eigene Akzente setzt -, dann hat man Wettbewerb in diesen Ratings, dann wäre es besser neutralisiert.

Armbrüster: Die EU-Kommission will den Ratingagenturen jetzt außerdem vorgeben, nach welchen Kriterien sie ihre Ratings herstellen beziehungsweise auch dann veröffentlichen. Kann das denn überhaupt funktionieren, dass Politiker vorschreiben, welche Methoden diese Agenturen anzuwenden haben?

Otte: Also das hat schon eine gewisse Aussicht auf Hoffnung. Es ist jetzt sicherlich nicht der Königsweg, aber wenn die Agenturen ihre Methoden veröffentlichen, dann kann man eben nicht mal eben eine USA, die doppelt so hohes Defizit haben wie Italien oder mehr als doppelt so hoch, auf Tripple A belassen und Italien herabstufen. Dann wird es zumindest schwerer. Das ist ein Lichtblick in der ganzen Sache. Die Aussetzung der Abhängigkeit ist ein weiterer Lichtblick. Die Ratings der Agenturen sind ja in vielen Anlagerichtlinien von Versicherungen und so weiter drin, und da ist zum Teil sogar ein Automatismus drin. Wenn also die Ratingagentur herabstuft, dann muss die Versicherung das Papier und die Anleihe verkaufen. Das soll gelockert werden oder auch aufgehoben werden, das ist ein weiterer Lichtblick.

Armbrüster: Warum schätzen Sie denn sind die EU-Kommissare hier so eher lasch vorgegangen? Warum haben sie sich nicht richtig herangetraut an diese wirklich harten Methoden?

Otte: Beides hat ja Michel Barnier vorgeschlagen, aber er hat eben Gegenwind bekommen. Natürlich England, das war absolut zu erwarten, erstaunlicherweise auch Schweden und Spanien, die dagegen gestimmt haben, und er konnte sich jetzt mit der eigenen europäischen Ratingagentur nicht durchsetzen, ebenso mit dem Verbot. Er hat zwar angekündigt, dass die Diskussion weitergeht, aber es geht hier um einen Kompromiss und wenn Merkel und Sarkozy oder irgendein Spitzenteam die Sache nicht anschiebt und da noch mal kräftig eigene Akzente setzt und auch die Priorität und Wichtigkeit betont, dann wird das so ein Kompromiss bleiben.

Armbrüster: Barnier hat gesagt, eine eigene Ratingagentur würde die EU ungefähr 300 Millionen Euro kosten, das sei in der derzeitigen Situation einfach zu viel, das sei den Leuten auch nicht vermittelbar. Was halten Sie von einem solchen Finanzargument?

Otte: Das ist wahrscheinlich seine Ausflucht. Aber sehen Sie, man braucht, wenn man Macht hat, die die Ratingagenturen nun mal darstellen, auch europäische Gegenmacht und das kostet Geld. Aber wenn es in die Hunderte von Millionen geht, dann ist es besser als in die Hunderte von Milliarden potenzieller Schulden und potenzieller Verpflichtungen, die wir jetzt eingehen.

Armbrüster: Die Ratingagenturen sollen jetzt auch verklagt werden können. Auch das sehen diese Pläne vor, dass man Klage einreichen kann, wenn ein Unternehmen oder wenn eine Investition aufgrund falscher Bewertungen daneben gegangen ist. Rechnen Sie da mit großen Prozessen in der Zukunft?

Otte: Nein! Das gibt einige Schauprozesse. Auch das ist ja Teil des Systems der organisierten Verantwortungslosigkeit. Wenn sie jetzt eine Ratingagentur verklagen, dann können sie vielleicht Millionen, vielleicht Hunderte von Millionen herausholen. Aber der Schaden, den diese Agentur anrichtet, der geht ja in die Hunderte von Milliarden unter Umständen. Wir haben ja gerade das Problem, dass Haftung und Urteil auseinanderfallen. Die Ratingagenturen sprechen das Urteil aus und haften würde letztlich natürlich beziehungsweise die kaufmännische Verantwortung übernimmt die Versicherung oder der Finanzinvestor, oder wer auch immer diese Ratings anwendet, und das darf eigentlich nicht so sein. Derjenige, der investiert, sei es Versicherung, sei es irgendein anderer Investor, der sollte letztlich haften und der sollte auch seine eigenen Bewertungen und Ratings aussprechen.

Armbrüster: Herr Professor Otte, Sie sind selber Manager eines Investmentfonds. Wie wichtig sind Ratingagenturen für Sie?

Otte: Ich ignoriere die in meiner Arbeit komplett, weil ich weiß, beziehungsweise sind sie auch ein guter Contraindikator manchmal. Wenn jetzt ein Land total herabgestuft wird, dann gibt es da eine negative Stimmung; in einer negativen Stimmung kann man eigentlich immer ganz gut Schnäppchen finden. Insofern sind sie dann doch wichtig. Aber als ernsthafte Ratgeber ignoriere ich sie.

Armbrüster: Max Otte war das, Wirtschaftswissenschaftler, Buchautor und selbst Manager eines Investmentfonds. Besten Dank, Herr Professor Otte, für das Gespräch.

Otte: Guten Morgen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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