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StartseiteInterviewDeutschland für Hochqualifizierte nicht die Nummer eins28.02.2020

Ökonom zum Fachkräfte-EinwanderungsgesetzDeutschland für Hochqualifizierte nicht die Nummer eins

Bei hochqualifizierten Fachkräften sei Deutschland wegen seinen hohen Steuern und vergleichsweise niedrigen Löhnen nicht besonders beliebt, sagte Thomas Bauer vom Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung im Dlf. Auch für ausländische Handwerker seien die Hürden immer noch relativ hoch, so Bauer.

Thomas Bauer im Gespräch mit Sandra Schulz

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Drei Menschen stehen auf einer Baustelle. Sie gießen gerade das Beton-Fundament eines Gebäudes.  (imago images / Jochen Tack)
Vor allem mittlere Betriebe brauchen Unterstützung bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland (imago images / Jochen Tack)
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In Deutschland wird in vielen Branchen händeringend nach Fachkräften gesucht. In der Software-Entwicklung oder der Elektrotechnik genauso wie in der Pflege und im Handwerk. Unternehmen fordern darum schon länger, dass die Hürden für die Arbeitsmigration gesenkt werden. Das soll jetzt mit dem sogenannten Fachkräfte-Einwanderungsgesetz passieren. Die schwarz-rote Koalition hat es im vergangenen Jahr nach zähem Ringen und jahrzehntelangen Diskussionen auf den Weg gebracht. Am 1. März tritt das neue Gesetz in Kraft.

Über die neuen aber auch die verpassten Möglichkeiten sprechen mit Professor Thomas Bauer, Vizepräsident des RWI Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Ruhr-Universität in Bochum. Bis zum vergangenen Jahr war außerdem Mitglied im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Sandra Schulz: Was sagen Sie? Wird jetzt, da das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz in Kraft tritt, alles gut?

Thomas Bauer: Es ist zumindest ein wichtiges Signal an Fachkräfte aus Drittstaaten, dass Deutschland händeringend nach Arbeitskräften sucht. Es werden hier viele Dinge für potenzielle Zuwanderer, potenzielle Fachkräfte erleichtert. Die Rechtsetzung ist eine Sache; die Rechtsumsetzung ist eine zweite Sache. Das muss jetzt begleitet werden mit zusätzlichen Maßnahmen.

Schulz: Mit welchen zusätzlichen Maßnahmen?

Bauer: Es geht darum, hier die behördliche Infrastruktur auszubauen, in Auslandsvertretungen beispielsweise oder Ausländerbehörden. Man braucht eine Politik, die Arbeitsverwaltungen und Unternehmen in geeigneten Zielländern vorsieht, Fachkräfte zu rekrutieren. Man muss im Ausland die Möglichkeiten des Spracherwerbs verbessern, im Inland die Möglichkeit der Nachqualifizierung. Da gibt es einiges zu tun.

"Die Unternehmen haben ein sehr hohes Interesse"

Schulz: Was denken Sie, was sind die Bereiche, bei denen das am ehesten funktionieren wird?

Bauer: Bei denen, bei denen der Fachkräftebedarf am allerhöchsten ist. Die Unternehmen haben ein sehr hohes Interesse, diese Leute, entsprechende Personen nach Deutschland zu bekommen, und die haben selber einen ausreichenden Anreiz, die Infrastruktur aufzubauen und die Fachkräfte anzuwerben.

Ein bisschen Sorgen mache ich mir über zwei Dinge. Zum einen: Gerade Nicht-Hochschulabsolventen müssen eine gleichwertige Berufsausbildung nachweisen. Das dürfte sehr, sehr schwierig werden und gerade bei Fachkräften ohne Hochschulabschluss hier zu erheblichen Problemen führen. Das wissen wir schon aus der Vergangenheit. Da hätte man sich vielleicht im Gesetz mehr Mut gewünscht und diese Gleichwertigkeitsprüfung nicht vorgelegt. Das zweite sind kleine und mittlere Unternehmen, die nicht die internationalen Netzwerke haben, um Fachkräfte anzuheuern.

"Es geht eher um die kleineren und mittleren Handwerksunternehmen"

Schulz: Sie sagen, dass jetzt immer noch bürokratische Hürden da sind, dass die aber niedriger sind als vorher. Müsste von den Unternehmen, so wie Sie es schildern, nicht auch viel stärker der Impuls ausgehen? Wir sehen jetzt, dass zum Beispiel Bundesgesundheitsminister Spahn im Ausland auf Werbetour ist, zum Beispiel auf der Suche nach Pflegekräften im Kosovo und in Mexiko. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe der Unternehmen?

Bauer: Der einzelnen Unternehmen nicht. Die großen Unternehmen können dies sowieso schon tun über ihre Handelsbeziehungen und die Beziehungen, die sie international schon haben. Die großen Konzerne haben hier tendenziell kein Problem. Es geht eher um die kleineren und mittleren Handwerksunternehmen, die diese internationalen Netzwerke unter Umständen nicht haben. Hier würde man sich durchaus mehr Unterstützung durch die Unternehmensverbände wie den IHKs beispielsweise wünschen. Aber auch die sind hier schon tätig, aber auch das muss noch verstärkt werden.

"Ein Bildungssystem, das dem deutschen sehr ähnlich ist"

Schulz: Sie haben gerade gesagt, dass es auch darum geht, geeignete Zielländer auszumachen. Das wären aus deren Perspektive ja dann Startländer. Welche könnten das sein?

Bauer: Das ist sehr schwierig, weil wir ja von sehr unterschiedlichen Qualifikationen sprechen. Es müsste ein Bildungssystem haben, das zumindest sehr ähnlich zum deutschen ist, so dass man hier sehr leicht aufsetzen kann. Wie gesagt: Gerade für nicht akademisch ausgebildete Fachkräfte wird im Gesetz ein gleichwertiger Berufsabschluss gefordert. Wir haben in Deutschland das duale Ausbildungssystem, das es ansonsten nirgends in der Welt gibt. Das heißt, man bräuchte hier Länder, in denen man sehr nahe an dem dualen Ausbildungssystem ist und nur noch ein bisschen was draufsetzen muss, um den gleichwertigen Abschluss hier hinzubekommen.

Die Suche ist nicht so ganz einfach. Es sollte nicht so weit weg sein. Die Kultur sollte vielleicht relativ ähnlich sein. Das Ausbildungssystem sollte ähnlich sein. Es gibt hier einige Länder insbesondere in Osteuropa, aber die Suche ist nicht so ganz einfach.

"Das heimische Gesundheitssystem nicht gefährden"

Schulz: Da gibt es jetzt aber natürlich auch schon die Klage, dass es um die qualifizierten, um die guten Leute geht. Ist es nicht auch ein Problem, dass diese Menschen dann in ihrer Heimat fehlen?

Bauer: Da streitet die Wissenschaft nach wie vor, ob es so etwas wie ein Brain Drain gibt, oder ob das nicht mittel- bis langfristig sogar positiv ist für die jeweiligen Herkunftsländer. Aber hier wird relativ vorsichtig auch agiert, zumindest von der Bundesregierung, die beispielsweise bei Pflegekräften schon festgestellt hat, dass sie aus einigen Ländern keine Pflegekräfte rekrutieren möchte, um nicht das heimische Gesundheitssystem zu gefährden.

Schulz: Heißt im Gegenschluss dann aber ehrlicherweise auch, dass es nicht besonders gut funktioniert.

Bauer: Das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Aber Sie sehen natürlich gerade in EU-Ländern, wo der Zugang vollkommen frei ist, Probleme dadurch, dass qualifizierte Leute weggehen, und das ist der Versuch, das einzuschränken. Am Ende werden Sie, wenn Leute wandern wollen – und das wissen wir aus unserer Vergangenheit sehr genau -, wenn Leute wandern wollen, werden Sie sie schwer aufhalten.

"Im Asylverfahren würde ich einen Spurwechsel ablehnen"

Schulz: Jetzt gab es aus der Wirtschaft ja auch die Forderung nach dem sogenannten Spurwechsel, die Möglichkeit für Menschen, die als Asylbewerber hergekommen sind, die jetzt möglicherweise irgendwo auch schon in Lohn und Brot stehen, dass die so an einen Aufenthaltstitel kommen können. Das war politisch aber nicht mehrheitsfähig. Fehlt Ihnen diese Möglichkeit zum Spurwechsel?

Bauer: Wenn wir über Spurwechsel sprechen, müssen wir sagen, wann der Spurwechsel stattfinden soll. Im Asylverfahren, da würde ich ihn ablehnen. Oder nach dem Asylverfahren, da kann man nach einer gewissen Karenzzeit über einem Spurwechsel durchaus nachdenken und hier Möglichkeiten eröffnen. Die Möglichkeiten sind im Übrigen zum Teil auch schon gegeben. Aber der Spurwechsel im Asylsystem würde dazu führen, dass viele Leute das Asylsystem noch mal zusätzlich missbrauchen würden, um aus Arbeitsgründen zu migrieren. Das würde über kurz oder lang das gesamte Asylsystem gefährden. Daher wäre ich persönlich nicht für einen Spurwechsel im Asylverfahren, sondern nach einer Karenzzeit nach der Entscheidung über den Asylantrag.

"Nicht alle sehnen sich nach Deutschland"

Schulz: Das sind ja auch die Anreize, die die Union nicht setzen wollte. Das war ja auch die Argumentation im Gesetzgebungsverfahren. – Wenn wir jetzt auf die Gesamtlage schauen: Sie haben ja auch gesagt, das läuft jetzt eher zäh an. Ist Deutschland für qualifizierte Menschen überhaupt ein attraktives Ziel?

Bauer: Auch hier kommt es darauf an, welche Herkunftsländer Sie ansehen. Aber tendenziell haben wir in Deutschland eine vergleichsweise hohe Steuerbelastung, selbst für Qualifizierte im höheren Einkommensbereich, zumindest im Vergleich zu den USA oder anderen Ländern, vergleichsweise geringe Löhne. Wir haben jetzt die Diskussion über Rassismus in Deutschland. Das alles hilft nicht notwendigerweise, Deutschland sehr attraktiv zu machen für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Die haben viele Optionen in anderen Ländern und da ist Deutschland nicht notwendigerweise die Nummer eins, nach der sich alle sehnen würden, nach Deutschland zu kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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