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StartseiteSonntagsspaziergangÖkotourismus im zweitgrößten Feuchtgebiet der Erde08.07.2012

Ökotourismus im zweitgrößten Feuchtgebiet der Erde

Die Iberá-Sümpfe in Argentinien

Corrientes, im Nordosten Argentiniens, gehört zu den ärmsten Provinzen des Landes. Lange zog es die Menschen weg ins ferne Buenos Aires. Doch seit die gewaltigen Iberá-Sümpfe zum Naturschutzgebiet erklärt wurden, können immer mehr vom Ökotourismus leben. Und nicht nur die Menschen kehren zurück.

Von Victoria Eglau

Dick, träge, drollig: Carpinchos-Wasserschweine in den Iberá-Sümpfen. (Vicoria Eglau)
Dick, träge, drollig: Carpinchos-Wasserschweine in den Iberá-Sümpfen. (Vicoria Eglau)

Ein Bootsausflug auf der Laguna Iberá beginnt mit einem kurzen Halt am Besucherzentrum der Parkwächter. Am Ufer steht ein Ranger in olivgrüner Kleidung und wünscht gute Fahrt. Jetzt ist unsere Exkursion in den Naturschutzpark genehmigt, und wir fahren zum Corrientes-Bach, wo man die meisten Tiere beobachten kann, erklärt "Rodo”, der Bootsführer, den Touristen. Rodo, der eigentlich Rolando Segovia heißt, ist Anfang dreißig, trägt einen schwarzen Hut und eine gelbe Schwimmweste.

Das Motorboot nimmt Fahrt auf. Auf der glatten Wasseroberfläche spiegelt sich ein blauer Himmel mit großen Wattewolken. Die gut drei Meter tiefe Lagune ist das zweitgrößte Gewässer der Iberá-Sümpfe. Die Esteros del Iberá, so die spanische Bezeichnung, sind ein riesiges Feuchtgebiet – eine Million dreihunderttausend Hektar groß. Es bedeckt fünfzehn Prozent der argentinischen Provinz Corrientes, und besteht nicht nur aus Sümpfen.

"Leuchtendes Wasser - das ist die Bedeutung von Iberá: ein Wort aus der indianischen Guaraní-Sprache. Die Esteros del Iberá bestehen aus Lagunen, schwimmenden Inseln, Bächen, Trockenland, Überschwemmungsgebieten und eben Sümpfen, in denen das Wasser nicht mehr als einen Meter hoch steht."


Rodo lenkt sein Boot aus der Iberá-Lagune in den Corrientes-Bach, der von blühenden Wasserpflanzen übersät ist. Er fährt bis auf wenige Meter ans Ufer heran, das von mannshohem Schilf bewachsen ist. Plötzlich sind schwarze, glänzende Krokodile zu erkennen, einige fast zwei Meter lang. Es sind Yacarés – eine südamerikanische Kaiman-Spezies. Reglos liegen die Reptilien in der Sonne, anscheinend unbeeindruckt von der Anwesenheit der Touristen.

"Die Tiere sind daran gewöhnt. Nur an Tagen, an denen sehr viele Exkursionen stattfinden, reicht es ihnen irgendwann und sie verschwinden im Wasser. Sie haben dann keine Lust mehr auf Fotos."

Rodo deutet er auf eine Gruppe von Carpinchos – Wasserschweinen – die sich in der Nähe der Yacarés arglos am Ufer tummeln. Carpinchos sind Nagetiere und die wohl häufigste Tierart in den Esteros del Iberá. Sie sehen aus wie überdimensionierte Meerschweinchen: dick, träge, drollig, mit dunkelbraunem Fell. Fasziniert drücken die Ausflügler auf die Auslöser ihrer Kameras. Schließlich zeigt Rodo ihnen auch noch ein Sumpfhirsch-Männchen: hellbraun, mit anmutigem Körper und edel geschwungenem Geweih.

"Der Sumpfhirsch ist der größte Hirsch Südamerikas.Vor 20, 25 Jahren war er hier, in den Esteros del Iberá, vom Aussterben bedroht. Dank der Arbeit der Parkhüter hat sich der Bestand erholt, und heute gibt es wieder viele Exemplare."

Der Sumpfhirsch ist der größte Hirsch Südamerikas (Victoria Eglau)Der Sumpfhirsch ist der größte Hirsch Südamerikas. (Victoria Eglau) Vor drei Jahrzehnten erklärte die Provinz Corrientes die gesamten Iberá-Sümpfe – bis dahin ein riesiges Jagdrevier – zum Naturschutzgebiet. In dessen Mitte liegt der Naturschutzpark – mit strengeren Schutzbestimmungen. Das Interessante: viele der einstigen Jäger mit ihrer unersetzlichen Kenntnis des Feuchtgebiets wurden als Parkwächter eingestellt – und bewahren seitdem Flora und Fauna. Heute sind die Esteros del Iberá in Argentinien das Reiseziel für Tier- und Vogelbeobachter. Einheimische wie Rodo haben dadurch ein Auskommen. Aber der Bootsführer sorgt sich um die Nachhaltigkeit seiner Tätigkeit.

"Die Esteros de Iberá sind kein Ort für Massentourismus. Die Tiere brauchen Ruhe, wir müssen auf sie achtgeben. Ich merke, dass dieser Ort durch den zunehmenden Tourismus in den letzten Jahren gelitten hat. Als ich mit den Fahrten anfing, sah dieser Bach noch anders aus. An den Ufern gab es mehr Vegetation. Wir müssen den Tourismus so organisieren, dass er nicht zu konzentriert ist. Alle müssen an einem Strang ziehen, damit diese Natur – unsere Lebensgrundlage – erhalten bleibt."

Corrientes, im Nordosten Argentiniens, gehört zu den ärmsten Provinzen des Landes. Aus vielen Dörfern ziehen die Menschen weg, um im fernen Buenos Aires oder anderen Städten Arbeit zu suchen. Colonia Pellegrini, am Ufer der Iberá-Lagune, war eines dieser Dörfer ohne Zukunft. Doch inzwischen leben die meisten der rund siebenhundert Einwohner vom Ökotourismus in den Iberá-Sümpfen. Es gibt zwei Dutzend Unterkünfte verschiedener Kategorien und einen Campingplatz.

Vierzig Kilometer von Colonia Pellegrini entfernt liegt die Estancia Rincón del Socorro. Eine holprige Schotterpiste führt dorthin. Links und rechts: flaches Land, auf dem dunkelbraune Rinder weiden. Die Estancía Rincón del Socorro war einmal ein Rinderzuchtbetrieb. Heute befindet sich dort ein Hotel für Urlauber mit gehobenen Ansprüchen. Valeria Berlaguer, die Betreiberin, ist auch die örtliche Tourismus-Direktorin. An einem regnerisch-kühlen Nachmittag sitzt sie im Wohnzimmer der Estancia vor dem Kamin.

"Es gibt in dieser Gegend nur eine Art von Tourismus: Ökotourismus. Dadurch sind viele Jobs entstanden. Die meisten jungen Leute beenden die Schule und arbeiten als Touristenführer in den Iberá-Sümpfen. Tatsächlich trägt der Tourismus dazu bei, unsere Ressourcen, das heißt, die Natur, zu erhalten. Denn die Touristen kommen hierher, um Tiere zu sehen, und die Tiere benötigen ein intaktes natürliches Umfeld. Wer im Tourismus arbeitet, muss die Natur also schützen."

In Colonia Pellegrini darf kein Hotel mehr als zehn Zimmer haben, erzählt Valeria Verdaguer – eine blonde, zierliche Frau Mitte dreißig. Pro Jahr übernachten dreißigtausend Besucher im Dorf – mehr sollen es nicht werden. Die Kommunalregierung weiß, dass sie sich ins eigene Fleisch schneiden würde, wenn zu viele Touristen das empfindliche Ökosystem der Esteros del Iberá gefährdeten.

In der Estancia Rincón del Socorro sind Erwachsene und Kinder von einem Ausflug zurückgekehrt und wärmen sich am Kaminfeuer. An den Wänden des geschmackvoll-rustikal eingerichteten Wohnzimmers hängen Schwarz-Weiß-Bilder von Tieren aus dem Feuchtgebiet: Yacaré-Krokodile, Wasserschweine, Ameisenbär en und der ausgestorbene Jaguar.

"Was wir anbieten, ist Safari-Tourismus. Weil es hier mehr als vierhundert Vogelarten gibt, kommen viele Ornithologen und Vogelliebhaber zu uns. Wir veranstalten Ausritte und Bootsfahrten, nächtliche Safaris im Jeep und Fahrradtouren. Bei all diesen Exkursionen beobachten wir Vögel und Fauna in ihrem natürlichen Umfeld."

Die Estancia Rincón del Socorro besteht aus einer Reihe von einstöckigen, weißgetünchten Häusern mit Ziegel- oder Reetdächern. Dazwischen: rotbraune Sandwege, ausgedehnte Rasenflächen und hohe Bäume, in deren Kronen große Vogelnester zu erkennen sind.

Zur Estancia gehören 150.000 Hektar Land, die der Umweltstiftung des Philantropen Douglas Tompkins gehören. Tompkins, US-Amerikaner und Gründer der Mode-Marken Esprit und The North Face, verkaufte vor zwei Jahrzehnten seine Unternehmensanteile und begann, in Südamerika riesige Ländereien zu erwerben. In Argentinien und Chile stieß der Multimillionär deswegen lange auf Misstrauen und offene Ablehnung. Tompkins‘ Stiftung Conservation Land Trust, kurz CLT, kauft Land zu Naturschutz-Zwecken.

"Conservation Land Trust arbeitet daran, auf diesen 150.000 Hektar Land das ursprüngliche natürliche Ökosystem mit seiner Flora und Fauna wieder herzustellen."

Erklärt die argentinische Biologin Sofía Heinonen, die für die Stiftung von Douglas Tompkins tätig ist. Das Areal, das der Conservation Land Trust besitzt, gehört zum Naturschutzgebiet Esteros del Iberá. In einem Teil dieses Gebiet, nämlich dem wirtschaftlich nutzbaren Trockenland rings um die Iberá-Sümpfe, sind Land- und Forstwirtschaft erlaubt. Durch intensive Viehzucht, Reisanbau und Holzplantagen hat sich die Biodiversität des Trockenlands in den vergangenen Jahrzehnten verringert. Deswegen lässt der CLT auf seinen Ländereien nur Tourismus und extensive Viehzucht zu, denn sie greifen am wenigsten in das Ökosystem ein. Sofía Heinonen ist schmal, Anfang vierzig, trägt Jeans und eine grüne Strickjacke. Die Biologin spaziert über eine Wiese hinter den Gebäuden der Estancia, die von zahlreichen Wasserschweinen und einigen straußenähnlichen Ñandu-Laufvögeln bevölkert wird.

"Dass die Tiere so zutraulich sind und sich den Häusern nähern, zeigt ganz klar, dass es uns gelungen ist, die hiesige Fauna zu retten. Es ist wichtig, zu erwähnen, das wir hier keine Hunde haben. Sie würden die Tiere verschrecken und vertreiben. Hunde werden als Raubtiere wahrgenommen. Hätten wir Hunde, wäre es etwa viel komplizierter, den Ameisenbär wiedereinzuführen."

Der Ameisenbär gehört zu den ausgestorbenen Tierarten der Iberá-Sümpfe. Seit 2007 bemüht sich der Conservation Land Trust, die Spezies wiederanzusiedeln. Die ersten Exemplare holten die Biologen aus anderen Provinzen Argentiniens in das Naturschutz-gebiet. Inzwischen leben wieder zwei Dutzend Ameisenbären in den Esteros del Iberá, wodurch das Feuchtgebiet noch spannender für Tierbeobachter geworden ist. Bald will die Stiftung auch den Yaguareté, den Jaguar, zurück in die Iberá-Sümpfe bringen. Karina Lerdrup Spoerring aus Dänemark arbeitet für das sogenannte Rewilding-Programm des CLT:

Iberá - des Nachts wird das leuchtende Wasser von glitzernden Krokodilsaugen erhellt. (Victoria Eglau)Iberá - des Nachts wird das leuchtende Wasser von glitzernden Krokodilsaugen erhellt. (Victoria Eglau)"Das Projekt zur Wiederansiedlung des Jaguars läuft gut, aber wir wollen nichts überstürzen. Die Leute aus Corrientes müssen bereit dafür sein, dass dieses Raubtier zurückkommt. Einer Untersuchung zufolge mögen die Einheimischen den Jaguar, sie sehen ihn als Teil ihrer Kultur, als etwas sehr Männliches. Viele haben Großväter, die Jaguar-Jäger waren. Logischerweise leisten die Rinderzüchter am meisten Widerstand gegen die Rückkehr des Jaguars, aber immerhin sechzig Prozent von ihnen sind dafür."

Noch liegt einiges an Überzeugungsarbeit vor den Mitarbeitern des Conservation Land Trust. Sie wollen erreichen, dass sich die Rinderzüchter an den Rändern des Feuchtgebiets des Werts einer vielfältigen Fauna bewusst werden, auf Ökotourismus setzen und den Viehbestand reduzieren. Denn die intensive Weidehaltung raubt vielen Tierarten ihre Lebensgrundlage. Das große Ziel der Stiftung: ein Nationalpark in den Iberá-Sümpfen. Dafür würde der CLT sein Land spenden – aber nur, wenn die Provinz Corrientes ihren Naturschutzpark dazu gibt, was die örtliche Regierung bislang aber ablehnt.

Vor der Estancia Rincón del Socorro steigt eine kleine Touristengruppe in den Geländewagen von Domingo René Gonzalez, genannt "Mingo". Es ist sieben Uhr abends und stockdunkel. Die nächtliche Safari kann beginnen. Langsam setzt Mingo den Jeep in Bewegung.

"Unsere Safari wird etwa eine Stunde dauern, und wir werden diesen Weg nehmen, auf dem es die meisten Vizcachas gibt. Schauen Sie, dort, rechts von uns. Ich werde sie mit meiner Laterne anstrahlen, können Sie sie sehen?"

Eine Großfamilie von Vizcachas, einer südamerikanischen Kaninchenart, hoppelt furchtlos neben dem Jeep her. Die Vizcachas gehören zu den Tieren, die sich erst nach Einbruch der Dunkelheit zeigen. Auf einmal huscht ein Gürteltier über den Weg. Gebannt folgen die Touristen dem Lichtstrahl von Mingos Laterne. Nach etwa zwanzig Minuten hält der Jeep an der Lagune. Im schwachen Mondschein zeichnet sich am anderen Ufer ein Sumpfhirsch ab.

"Der Hirsch ist von Natur aus scheu. Vor vier, fünf Jahren liefen die Sumpfhirsche noch weg, wenn sie uns sahen. Das ist heute anders. Gestern haben wir zwei Hirsche aus weniger als zehn Metern Entfernung beobachtet. Das ist spektakulär, ein wunderschönes Erlebnis!"

Die Safari-Teilnehmer steigen aus dem Jeep und blicken schweigend über die Iberá-Lagune. Nur das leise Quaken der Frösche ist zu hören. Plötzlich zeigt Mingo auf das Wasser.

"Sehen Sie, wie es leuchtet? Dieses orangefarbene Auge? Dort sehe ich eins, und links davon noch eins, etwas größer."

Die funkelnden Augen gehören zwei Yacaré-Kaimanen, die auf der undurchdringlich schwarzen Oberfläche schwimmen. Iberá – leuchtendes Wasser. Am Tage glänzt es in der Sonne, des Nachts wird es von glitzernden Krokodilsaugen erhellt.

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