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StartseiteKalenderblattOfen aus10.12.2007

Ofen aus

Vor 20 Jahren kämpfte Duisburg-Rheinhausen vergeblich um sein Stahlwerk

Am 10. Dezember 1987 protestierten rund 100.000 Menschen im Ruhrgebiet gegen die geplante Stilllegung der Stahlhütte Krupp in Duisburg-Rheinhausen. Doch einer der größten Arbeitskämpfe in Deutschland konnte nicht verhindern, dass sechs Jahre später das Werk schloss. Heute steht auf dem Gelände ein Logistikzentrum.

Von Kai Toss

Das Archivbild vom Oktober 1992 zeigt das Werk in Rheinhausen. (AP Archiv)
Das Archivbild vom Oktober 1992 zeigt das Werk in Rheinhausen. (AP Archiv)

"In zahlreichen Städten des Ruhrgebietes haben heute Stahlarbeiter zahlreiche Straßen und Brücken besetzt, um gegen die geplante Schließung des Werkes in Rheinhausen zu protestieren."

Eine Region stellt sich quer. 100.000 Menschen wollen nicht hinnehmen, dass das Krupp-Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen dicht gemacht wird, so wie es der Vorstandsvorsitzende Gerhard Cromme einige Tage zuvor bekannt gegeben hatte.

"Sie werden sagen, und ich habe dafür Verständnis, wir wollen weiter in Rheinhausen beschäftigt bleiben. Sie müssen aber wissen, dass man wirtschaftliche Tatsachen nicht einfach übergehen kann."

"30 Jahre lang am Ofen, mit jedem Tropfen Schweiß, Du warst einer der ersten, nun sollst Du aufs Abstellgleis."

Dies sang vor 20 Jahren die Duisburger Band Alma Ata und brachte so die Gefühle der Menschen auf den Punkt. Rund 5000 Mitarbeiter sollten ihren Job verlieren - in einem Stadtteil, der ausschließlich von Krupp lebte. Am 10. Dezember 1987, dem sogenannten Stahlaktionstag, machten die Demonstranten ihrer Empörung Luft. So hat es der ehemalige Krupp-Betriebsrat Theo Stegmann damals erlebt:

"Die haben einfach überall Verkehrsknotenpunkte zugemacht in ganz Rheinhausen. Es war nicht nur die Brücke, es waren alle wesentlichen Kreuzungen. Wir haben dann, als die Aktion abgeblasen war, morgens teilweise noch Leute eingesammelt, die das gar nicht mitbekommen haben, die auf irgendwelchen Verkehrskreuzungen standen und einsam ihre Brücke oder ihre Straßenkreuzung besetzt hielten. Es war einfach alles zu. Sie kamen auch nirgendwo mehr durch."

"Die Stimmung war ganz kämpferisch","

erinnert sich Josef Krings, der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Duisburg. Von den Schließungsplänen hat er nicht von der Konzernspitze, sondern vom Betriebsrat erfahren.

""Und was ich sonst immer nur bei Mai-Kundgebungen beschwörend hörte - Solidarität, die war da zu spüren - nicht nur im Werk, sondern auch im ganzen Stadtteil. Ich glaube, dass es so einen Arbeitskampf nie nochmal geben wird. Rheinhausen stand geschlossen dahinter. Denn Krupp und Rheinhausen, das war eine hohe Identität. Es gab ein Denkmal von Krupp, es gab das Krupp-Krankenhaus, den Konsum. Krupp war identisch mit Rheinhausen. Und das sollte nun zerfallen."

Dutzende Demonstrationen folgten: Die Frauen der Stahlkocher gingen auf die Straße, ebenso Tausende Schüler. Wer statt zur Demonstration zum Unterricht ging, musste sich einen Tag später vor der Klasse und dem Lehrer rechtfertigen. Mit der von Ministerpräsident Johannes Rau ausgehandelten Düsseldorfer Erklärung ging der Arbeitskampf nach 160 Tagen zu Ende. Niemandem sollte gekündigt werden, Vorruhestandsregelungen wurden vereinbart und Übernahmen in andere Stahlwerke. Dennoch: 1993 ging der Ofen in Rheinhausen endgültig aus.

"Mag da kommen was da wolle, auch mit Tränen im Gesicht. Wir kämpfen um Rheinhausen, mit voller Zuversicht!"

Dort, wo einst Stahl gekocht wurde, steht heute ein Logistikzentrum. Logport heißt es. Waren aus aller Welt werden hier umgeschlagen auf Züge, Schiffe und Lkw.

Mit über 200 Millionen Euro Steuer- und EU-Geldern ist das Gelände zum Logistikstandort entwickelt worden. Dies geschah nicht zuletzt wegen des politischen Drucks, den der Arbeitskampf in Rheinhausen ausgelöst hatte. Logport-Chef Erich Staake:.

"Wenn wir jetzt knapp 3000 neue Arbeitsplätze geschaffen haben, und die Entwicklung ist noch nicht am Ende, ich rechne eigentlich damit, dass wir 4000 Arbeitsplätze zusammenbekommen, dann haben wir nicht nur von den absoluten Zahlen her etwas geschaffen, was hier schon einmal stattgefunden hat, sondern wir haben Arbeitsplätze schaffen können, die dauerhaften Charakter haben, die zukunftsgerichtet sind."

Die Ansiedlung der Logistikfirmen ist ein positives Zeichen für die Stadt Duisburg, die sich schon im kommenden Jahr auf das Ende des subventionierten Steinkohleabbaus einstellen muss. Andererseits: Thyssenkrupp fährt schon bald einen neuen Hochofen in Duisburg an. Investitionssumme: 340 Millionen Euro. Es wird dann das modernste Stahlwerk der Region sein. Wie einst das Werk in Rheinhausen.

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