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StartseiteMusikjournalEin Straßenköter auf dem Parkett10.12.2018

Offenbachs "Barkouf" in StraßburgEin Straßenköter auf dem Parkett

In Jacques Offenbachs Oper Barkouf bringt es ein Hund zum Gouverneur einer Stadt - und bellt sich in die Herzen des Volkes. Bei der Uraufführung 1860 floppte das Werk und verschwand in der Schublade. Nun hat es die Rheinoper Straßburg wieder auf die Bühne gebracht.

Von Sabine Weber

Der Kopf eines grauen Pudels im Seitenprofil (picture-alliance / dpa / PA Wire / Joe Giddens/)
Kurz vor Schluss hat ein Pudel in Offenbachs Oper Barkouf seinen großen Auftritt (picture-alliance / dpa / PA Wire / Joe Giddens/)
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Ein Straßenköter auf dem Parkett! Und Jacques Offenbach, der seine frivolen Erfolge am Thèâtre des Bouffes-Parisien auch noch an die Opéra comique verlagert! Zudem verkrachen sich die Sänger im Ensemble, nicht zuletzt Librettist Eugène Scribe und Komponist Offenbach. Das Stück geht mit einem Eklat im Dezember 1860 unter. Dass es nach 150 Jahren eine neue Chance bekommt, ist vor allem das Verdienst von Jean-Christophe Keck. Der Mitherausgeber der neuen Offenbach-Ausgabe , durch seinen Großvater von frühester Kindheit an für Offenbach begeistert, klopft mutig und immer wieder bei den Nachfahren Offenbachs an.

"Oh, ich habe oft angerufen und das 20 Jahre lang. Ich wusste über jemanden, dass die Partitur dort liegt. Aber die Familie ist speziell, misstrauisch und wollte nicht mit einem Fremden sprechen. Eine totale Absage war das erst mal. Vor drei Jahren habe ich eine junge französische Opernsängerin kennen gelernt. Die sagte, 'Ich gehöre zur Familie!' Und ich habe sie gefragt, 'Könntest Du nicht etwas über Deinen Ehemann erreichen?' Ihr Mann gehört nämlich der Offenbach-Familie an. Und mit einem Schlag war die Tür offen."

Langer Weg bis zur vollständigen Partitur

Keck steht vor einem Schrank voller Manuskripte und zieht "Barkouf" heraus. Aber der Krimi geht weiter. Die Partitur ist unvollständig. Sie muss durch Hinzuziehung eines fragmentarischen Klavierauszugs ergänzt werden. Die letzten fehlenden Seiten findet Keck sogar in einer Bibliothek in den USA.

Kurz vor Probenbeginn ist die Partitur fertig und kommt heraus. Im Rahmen der Offenbach Edition Keck beim Boosey & Hawkes Verlag, Berlin. Denn mit Verlagsleiter Frank Harders- Wuthenow hat Keck längst einen glühenden Mitstreiter für "Barkouf" gewonnen. Brandaktuell bis heute!

"Das Wort Zynismus kommt von Canes. Das Zuspitzen der Macht bis hin zum Zynischen sehen wir in der ganzen Welt. Das Gegengift dazu liegt in der Übernahme der Macht durch die Frauen. Es ist eine Schule der Frauen, der wir da begegnen. Eine Emanzipationsgeschichte, wie sie für das 19 Jahrhundert absolut unfassbar ist. Eine volle Breitseite gegen das Patriarchat, die da abgefeuert wird. Die sich erklärt aus allen Werken Offenbachs. Aber Barkouf ist die Kugel."

Ein Hund, der besser regiert als alle mächtigen Männer zusammen, wenn er von einer Frau geführt wird. Da geht das Patriarchat in die Knie. Auch in der Regie von Mariame Clément für die Opéra du Rhin.

Volle Breitseite gegen das Patriarchat

Clement versetzt die Handlung in die Parteizentrale irgendeines faschistoiden Regimes. Der Chor steckt in orangefarbener Partei-Uniform, hochrangige Funktionäre in grauer Polizeiuniform. Wohl weil Blumenmädchen Maïmas unzertrennliche Freundin Balkis mit Orangen handelt, ist das die Farbe des Regimes. Maïma und Balkis, die Drahtzieherinnen des Abends, liefern sich quietsch-orange gekleidet ein erstes Duett.

Sie bieten den Männern Paroli. Führen Bababeck koloraturenstark an der Nase herum, und was sie erreichen, ist im Eigeninteresse und zum Wohle des Volkes: Zum Beispiel den widerständigen und Steine werfenden Freund retten, in dem die Todesstrafe generell abgeschafft wird.

Die Mächtigen drohen, sind aber immer mächtig nah am Lächerlichen und Liederlichen. Der Großmogul befiehlt wie ein Junta-Chef. Und verwandelt sich zu einem Lebemann auf einer Varietébühne. Großwesir Bababeck bekommt Hundeallüren und hebt auf allen Vieren das Bein. Ein Archivar ist der Running Gag und jongliert als Umbau-Pausenclown vor dem Vorhang mit Aktenstapeln auf quietschenden Schuhen.

Im zweiten Akt reduziert Julia Hansen nämlich das Bühnenbild auf Archiv-Regale. Inmitten von grauen Karteileiche steht Barkoufs plastikbunte Hundehütte. Vor dieser "Machtzentrale" verkündet Maïma in einer Art Regierungsszene ihre unerhört modernen Erlasse. Und die Hütte wackelt ordentlich, wenn es bellt - das kommt vom Band. Oder knurrt. Dann tönen heftige Streicherglissandi aus dem Orchestergraben.

Barkouf noch heute noch aktuell

Eine Verschwörungsszene ist der Höhepunkt. Die Herrschenden beschließen, den hündischen Volksvertreter loszuwerden. Und da wird Offenbach sogar richtig modern, meint Jean-Christophe Keck.

"In der Verschwörungsszene im 3. Akt. da gibt es sogar Polytonalität! Die große Masse des Orchesters spielt in einer Tonart, die Holzbläser in einer anderen. Und machen satirische Kommentare."

Die Verschwörer ziehen nämlich Masken auf. Von Emmanuel Macron, François Hollande oder Ségolène Royale. Heutige Politiker als Widersacher des Volkswillen. Brisant, so Eva Kleinitz, Intendantin der Opera du Rhin:

"Dass aufgrund der aktuell angespannten Lage in Frankreich, in Paris, das Werk noch einmal eine völlig neue Farbe bekommt. Denn wir haben die junge Maïma, die das Bellen von Barkouf übersetzt, senkt sofort die Steuern. Und man denkt sich 150 Jahre nach der Uraufführung, was ist der Offenbach doch für ein aktueller Komponist!"

Eva Kleinitz hat das Werk 2016 programmiert. Und nimmt gelassen hin, dass der Bürgermeister von Strasbourg den Premierenbesuch abgesagt hat.

Denn dieses Offenbach-Werk lässt erstaunliche Töne hören, auch musikalisch: Solistische Holzbläser die mal jazzig klingen und im Tutti an Mendelssohn erinnern. Vier Violoncelli sorgen für Romantik pur. Das zu Barkoufs Hundehütte vorgelassene Volk, der Choeurs de l‘Opéra national du Rhin, trägt seine Anliegen ehrfürchtig wie ein Kirchenchor vor. In "Barkouf" sind Komödie und Drama eng verzahnt.

Deutsche Erstaufführung 2019 in Köln

Die Wiederentdeckung wird an diesem Abend in Strasbourg gefeiert. Jacques Lacombe hätte sein Orchester mit etwas Geschmeidigkeit noch spritziger dirigieren können. Tolle Chorszenen und das wunderbare Ensemble machen alles wett. Pauline Texier mit einer hellen Stimme entspricht perfekt dem hier gefragten lyrischen Koloraturfach der Maïma. Wunderbar dazu das samtige Mezzotimbre von Fleur Barron als Balkis. Rudolphe Briand, derzeit ein gefragter Offenbach-Interpret in Frankreich, liefert den perfekten Bababeck. Und einmal ist er dann doch zu sehen. Barkouf, der in dieser dreiaktigen Opéra bouffe eigentlich keine aktive Rolle hat. Kurz vor Schluss entweicht der Hütte ein kleiner Pudel mit Krönchen und findet unter großem Applaus seinen Weg zum Bühnenrand.

Bleibt abzuwarten, was die Deutsche Erstaufführung von "Barkouf" nächstes Jahr in Köln ins Bild bringt. Es soll in französischer Sprache gesungen werden. Die Dialoge werden aber auf Deutsch aktualisiert. Bis dahin fließt noch eine Menge Wasser den Rhein flussab.

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