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StartseiteForschung aktuellPlastikmüll im Südatlantik01.10.2019

Offenbar von Schiffen entsorgtPlastikmüll im Südatlantik

Seit ein paar Jahren sammelt sich an den einsamen Stränden von Inaccessible Island im Südatlantik Plastikmüll an. Vor allem Einwegflaschen. Nun hat sich ein Vogelkundler gemeinsam mit seinem Team daran gemacht, die Herkunft dieses Mülls zu ergründen. Offenbar spielt dabei der Schiffsverkehr eine große Rolle.

Von Christine Westerhaus

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Unterwasseraufnahme: Plastikmüll im Pazifischen Ozean vor der Küste der Philippinen (imago / Jürgen Freund)
Plastikmüll - wie hier vor der philippinischen Küste - belastet an vielen Orten die marinen Ökosysteme. (imago / Jürgen Freund)
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Frisches Mineralwasser aus der Einwegflasche. Für viele Menschen ist das der normale Weg, den Durst zu löschen. Doch die Spuren dieses Wegwerf-Trends lassen sich an den Stränden einsamer Inseln ablesen. Zum Beispiel auf Inaccessible Island. Seit den 1980er Jahren hat der Ornithologe Peter Ryan von der Universität von Kapstadt die Insel regelmäßig besucht. Dabei hat er einen denkwürdigen Trend beobachtet.

"Die Zusammensetzung des Plastikmülls hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. In den Neunziger Jahren stammte der Großteil des Plastiks aus Südamerika. Als wir dann 2009 erneut auf der Insel waren, stellten wir fest, dass die Plastikmenge deutlich angestiegen war und dass die meisten Teile aus Asien stammten. Zuerst haben wir uns darüber keine Gedanken gemacht. Aber als wir im vorigen Jahr wieder dort waren, fiel uns auf, dass absurd viele der gestrandeten Flaschen aus Asien stammten. Mindestens drei Viertel, die meisten davon aus China."

Um die Herkunft der Flaschen zu ermitteln, haben Peter Ryan und seine Kollegen Aufdrucke und Markierungen in detektivischer Kleinstarbeit untersucht. Viele der Flaschen hatten Kennzeichnungen in chinesischer Sprache, und bei einem Großteil konnten die Forscher sogar das Datum ermitteln, an dem sie produziert wurden.

Über Bord geworfene Einwegflaschen

"Die meisten Flaschen und vor allem diejenigen, die während unseres Aufenthalts auf der Insel angeschwemmt wurden, waren weniger als zwei Jahre alt. Sie konnten unmöglich vom asiatischen Festland aus angeschwemmt worden sein. Sie mussten also von Schiffen stammen, die in der Nähe der Insel verkehren. Zuerst dachte ich an Fischerboote. Doch dort unten im Atlantik sind nur Fischereiflotten aus Taiwan und Japan unterwegs. Allerdings hat der Verkehr mit Handelsschiffen von Südamerika nach China deutlich zugenommen. Deshalb ist das wahrscheinlichste Szenario, dass die Flaschen von diesen Schiffen stammen."

Ganz offensichtlich trinkt die Besatzung dieser Schiffe jede Menge Wasser aus Einwegflaschen. Und wirft diese anschließend achtlos über Bord. Obwohl es laut MARPOL Konvention seit 1989 verboten ist, Müll von Schiffen aus im Meer zu verklappen.

"Trotz dieser Selbstverpflichtung gibt es offenbar immer noch Länder, die ihren Plastikmüll einfach über Bord werfen. Ich denke, das ist ein bemerkenswertes und wichtiges Ergebnis unserer Studie. Dass dieser Plastikmüll an so abgelegenen Orten wie der Inaccessible Island von Schiffen stammt, wird vermutlich bei einigen Leuten Stirnrunzeln hervorrufen und Druck auf die internationale Gemeinschaft ausüben, mehr dafür zu tun, dieses illegale Verklappen von Plastikmüll zu stoppen."

Eine viertel Million Tonnen Plastik treibt in den Meeren

Dass die meisten Plastikteile von Schiffen aus an die Strände entlegener Inseln geschwemmt werden, werfe aber noch weitere Fragen auf, meint Peter Ryan. Denn noch immer sei unklar, wieviel Plastik im Meer landet und von wo aus es angeschwemmt wird.

"Es gibt in den Berechnungen, wie viel Plastik denn eigentlich ins Meer eingetragen wird, ein großes Loch. 2015 wurde ein Artikel veröffentlicht, der berechnet hat, dass jährlich fünf bis 12 Millionen Tonnen Plastik ins Meer gelangen. Aber trotzdem sehen wir nur etwa eine viertel Million Tonnen Plastik in den Meeren treiben. Und deshalb gibt es gerade eine große Debatte darüber, wo denn all dieses Plastik landet. Ob es schnell zerfällt und dann zum Meeresboden absinkt. Oder ob die Berechnungen vielleicht übertrieben waren. Was wir gesehen haben, ist dass der Großteil des Plastiks, den wir an den Stränden finden, ziemlich neu ist und offensichtlich von Schiffen stammt und nicht vom Festland aus angespült wird. Und das trägt ebenfalls zu dieser Debatte bei."

Denn Inaccessible Island liegt ganz in der Nähe des South Atlantic Garbage Patch, einem der fünf großen Müllstrudel, die sich in den Weltmeeren gebildet haben. In einem anderen dieser Kunststoffteppiche, dem nordpazifischen Garbage Patch, haben Wissenschaftler kürzlich eine Untersuchung gestartet und sich das Alter der Plastikteile genauer angeschaut.

Detektivarbeit anhand von Plastikflaschen

"Es stellte sich heraus, dass das meiste Plastik in diesem Strudel fünf Jahre oder älter war. Manche Teile sogar 40 bis 50 Jahre alt. Und das spricht gegen die Idee, dass die Plastikteile schnell zerfallen, zum Meeresboden sinken und deshalb nicht mehr im Meer treiben. Wir haben nun gesehen, dass der Großteil des Plastikmülls - zumindest was die Flaschen anbelangt - im südlichen Atlantik nicht sehr alt ist. Und das wird unseren Blick darauf verändern, aus welchen Plastikteilen sich der Plastikstrudel im Südatlantik zusammensetzt."

Peter Ryan will seine Detektivarbeit nun fortsetzen und auch in den kommenden Jahren nach den winzigen Aufdrucken auf Plastikflaschen suchen. Zu Beginn seiner Forscherkarriere hat der Ornithologe noch untersucht, wie sich Plastikteile in den Magen von Vögeln auf ihre Gesundheit auswirken. Doch inzwischen ist er auf die Jagd nach Plastikflaschen spezialisiert.

Es hat als kleine Übung auf der Inacessible Island angefangen und ist inzwischen eine richtige Leidenschaft geworden. In den letzten Jahren habe ich in Südafrika und Kenia gestrandete Flaschen untersucht und im kommenden Monat bin ich im Südpazifik unterwegs. Ich werde also ein richtiger Plastikflaschen-Nerd.

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